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12.01.2017

14:11 Uhr

Brexit-Folgen für Banken

Die Furcht vor der Kettenreaktion

VonKatharina Slodczyk

Um negative Brexit-Folgen abzufedern, hat die britische Bankenbranche ihre Forderungen für die EU-Austrittsverhandlungen deutlich heruntergeschraubt. Von einem vollen Zugang zum Binnenmarkt ist keine Rede mehr.

Londons Bankenlobby veranschaulicht die möglichen Brexit-Folgen am Geschicklichkeitsspiel „Jenga“: Ein kleines Teil zu entfernen, kann keine – oder dramatische Konsequenzen haben. imago/Ikon Images

„Jenga“-Turm

Londons Bankenlobby veranschaulicht die möglichen Brexit-Folgen am Geschicklichkeitsspiel „Jenga“: Ein kleines Teil zu entfernen, kann keine – oder dramatische Konsequenzen haben.

LondonSchon in dem Kino-Film „The Big Short“ über die Finanzkrise vor acht Jahren muss ein Turm aus „Jenga“-Spielklötzchen herhalten, um etwas Kompliziertes zu veranschaulichen: Händler der Deutschen Bank erklären damit Hypothekenverbriefungen.

Douglas Flint, Verwaltungsratschef der britischen Großbank HSBC, hat den Vergleich mit dem Klötzchenspiel jetzt in die Brexit-Debatte eingebracht. „Das Ökosystem in London ist ein bisschen wir ein Jenga-Turm: Wenn man ein kleines Teil entfernt, weiß man nicht, ob möglicherweise gar nichts passiert oder dies dramatische Folgen haben wird“, sagte Flint diese Woche bei einer Anhörung vor dem einflussreichen parlamentarischen Finanzausschuss in Großbritannien.

Weil die Branche jedoch mehrheitlich massive Konsequenzen fürchtet, hat der Lobbyverband City UK jetzt erneut einen Anlauf gestartet, um diese abzufedern: Die Branche hat am Donnerstag ihre wichtigsten Forderungen für die Brexit-Verhandlungen veröffentlicht, die Großbritanniens Premierministerin Theresa May bis Ende März in Gang setzen will.

Die Banken und andere Finanzunternehmen haben dabei das bisherige Ziel aufgegeben, den vollen Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu behalten. Stattdessen machen sie sich jetzt für das sogenannte Äquivalenzprinzip stark. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Finanzkonzerne aus Nicht-EU-Staaten können Zugang zur EU bekommen, wenn die Finanzmarktregulierung in ihrem Land von der EU als gleichwertig anerkannt wird.

Brexit: Britische Finanzbranche fürchtet massive Jobverluste

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Wegen des Brexits fürchtet die Londoner Finanzbranche eine massenhafte Abwanderung von Arbeitsplätzen. Einige zehntausend Jobs könnten verloren gehen, warnt Xavier Rolet, der Chef der Londoner Börse LSE.

Zudem fordert City UK Übergangsregelungen, damit die Banken sich besser auf die neuen Beziehungen zwischen London und Brüssel einstellen können. Zunächst hatte sich die Branche dafür eingesetzt, die wirtschaftlichen Vorteile der EU-Zugehörigkeit möglichst zu retten. Denn dadurch können die Banken problemlos von London aus Geschäfte auf dem Kontinent machen. Das machen die sogenannten Passporting-Regeln möglich. Dieses Gesetz ermöglicht Firmen, die ihren Firmensitz in England haben, ohne Genehmigungen Geschäfte in der EU zu machen. Hat Großbritannien keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt, verlieren die Geldhäuser die Passporting-Möglichkeit von London aus.

Die neue Bescheidenheit der Branche ist aus der Not geboren. Theresa May hat in ihren bisherigen Aussagen zum Brexit Einwanderungskontrollen stets den Vorzug gegeben. Und das lässt sich aus EU-Sicht nicht mit dem Binnenmarktzugang vereinbaren. Banken brauchen daher andere Lösungen.

Die größten Banken Europas (nach Börsenwert)

Platz 22

Deutsche Bank

Deutschland

23,8 Milliarden Euro

Quelle: Bloomberg / Stand: 13.12.2016

Platz 10

BBVA

Spanien

41,8 Milliarden Euro

Platz 9

Nordea Bank

Dänemark

42,6 Milliarden Euro

Platz 8

Barclays

Großbritannien

46,1 Milliarden Euro

Platz 7

Lloyds Bank

Großbritannien

52,3 Milliarden Euro

Platz 6

ING

Niederlande

52,9 Milliarden Euro

Platz 5

Sberbank

Russland

58,3 Milliarden Euro

Platz 4

UBS

Schweiz

60,2 Milliarden Euro

Platz 3

Banco Santander

Spanien

71,3 Milliarden Euro

Platz 2

BNP Paribas

Frankreich

73,8 Milliarden Euro

Platz 1

HSBC

Großbritannien

154,7 Milliarden Euro

Miles Celic, Chef von City UK, betont: Man wolle einen maßgeschneiderten Deal, der darauf basiere, dass die beteiligten Parteien auf regulatorischer Ebene kooperierten und gegenseitig ihre Finanzmarktregeln akzeptierten. Der beste Brexit-Deal sei wohl einer, der Unsicherheit reduziere und den Unternehmen helfe, ihren Kunden auf dem Kontinent weiterhin zu dienen.

Der Vorstoß von City UK ist der erste große Versuch der Branche, jetzt mit einer Stimme zu sprechen und sich mit einigermaßen realistischen Forderungen Gehör bei der Premierministerin zu verschaffen. In den vergangenen Monaten haben verschiedene Bankenlobbyvereinigungen und Beratungsgremien versucht, Gespräche mit wichtigen Regierungsmitgliedern zu führen. Dabei setzten sie sich allerdings teilweise für widersprüchliche Lösungen ein.

Kommentare (7)

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Herr Michael Müller

12.01.2017, 14:43 Uhr

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Wie schon zu EU-Zeiten bestehen die Engländer auf Sonderregelungen. Ausnahmen und Vergünstigungen. Das ändert sich auch nicht in den Brexit-Verhandlungen und letztendlich wird ein Land ausserhalb der EU die Finanzmetropole der EU bleiben. So verrückt es klingt, es passt zur EU und ist nur ein weiteres kleines Teil im Irrsinn der EU....

Account gelöscht!

12.01.2017, 14:55 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Frau Nelly Sachse

12.01.2017, 15:28 Uhr

Die viel beschworene "Wertegemeinschaft" ist durch den Brexit deutlich ins Wanken geraten. Das
kratzt an der viel-gepriesenen Europäischen Idee, der nichts zugrunde liegt als krankhafter Größenwahn der Eliten. Dieser wird kaschiert durch das mantramäßige Wiederholen der angeb-
lichen Vorteile. England will seine eigenen Werte leben: Freiheit und Unabhängigkeit, Selbst-bestimmung, Eigenverantwortung, die Wahrung der eigenen Interessen. Ist das böse? Verachtens-
wert? Man will sie jedenfalls so einfach nicht davonkommen lassen, am liebsten bestrafen. Sonst könnte damit ja jeder kommen. Wird wohl früher oder später darauf hinauslaufen. Gut so.

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