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16.06.2016

10:20 Uhr

Brexit-Sorge

Deutsche Bank fällt auf Rekordtief

VonMichael Maisch

Die Angst vor einem Brexit lässt die Kurse von Europas Banken einbrechen. Aber es sind auch hausgemachte Probleme, die den Investoren des Frankfurter Geldhauses große Sorgen bereiten.

Der Kursrutsch der Deutschen Bank dürfte John Cryan nicht gefallen. dpa

John Cryan, Vorstandschef der Deutschen Bank

Der Kursrutsch der Deutschen Bank dürfte John Cryan nicht gefallen.

FrankfurtAm Mittwoch Abend hielt Paul Achleitner, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, eine Rede in New York. Sein wichtigstes Anliegen: „Ein Brexit wäre ein ökonomisches Desaster für Großbritannien und eine politische Katastrophe für die EU“. Was Achleitner nicht erwähnte: Auch für die Deutsche Bank wäre der Ausstieg der Briten aus der EU ein schwerer Rückschlag.

Denn es ist vor allem die Angst der Investoren vor einem Brexit, die die Deutsche-Bank-Aktie am Donnerstagmorgen auf einen neuen Tiefstand fallen ließ. Nur noch 12,84 Euro wollten die Anleger für die Papiere bezahlen. Das ist noch einmal weniger als im Februar. Damals war die Aktie auf 13,03 Euro eingebrochen. Die Investoren hatten sich Sorgen gemacht, ob die Deutsche Bank genügend Geld verdienen kann, um die Zinsen für ihre riskantesten Schulden zu bezahlen.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

Auch andere europäische Bankaktien leiden unter der Brexit-Angst. Der europäische Bankenindex ist in den vergangenen zwei Wochen bereits um mehr als zwölf Prozent eingebrochen. Andere Großbanken wie die italienische Unicredit oder die portugiesische Millenium BCP sackten ebenfalls auf neue Allzeittiefs.

Hinter der Brexit-Angst stecken kurzfristige und langfristige Faktoren. In den vergangenen Tagen haben die britischen EU-Gegner in den Umfragen deutlich Boden gut gemacht. Sollte es bei der Volksabstimmung am 23. Juni tatsächlich zu einem Brexit kommen, befürchten Experten heftige Kursausschläge an den Devisen-, Anleihe- und Aktienmärkten, die zu einer Belastungsprobe für die Stabilität des Finanzsystems und damit für die Banken werden könnten.

Aber selbst wenn sich die Märkte irgendwann wieder beruhigt haben, droht den Geldhäusern Ungemach. London ist eines der wichtigsten Nervenzentren der globalen Finanzwelt. Viele internationale Banken steuern ihr Europageschäft von dort aus, weil sie dank EU-Mitgliedschaft Großbritannien problemlos als Sprungbrett für den Kontinent nutzen können.

Die schwärzesten Tage des Dax: 1989-2001

Was zeichnet einen Crash aus?

Eindeutige Kriterien für einen Crash gibt es nicht - außer Panik, hohe Umsätze und hohe Verluste. Beim bislang größten Börsenkrach der Nachkriegszeit am 19. Oktober 1987, als Spekulationen auf Zinserhöhungen den Dow-Jones-Index an der Wall Street um 23 Prozent einbrechen ließ, gab es den Dax noch nicht. Er wurde erst am 1. Juli 1988 erstmals berechnet. Die höchsten Verluste des Dax seither:

16. Oktober 1989

Der Dax fällt um rund 13 Prozent und folgt damit der Wall Street, wo Finanzierungs-Schwierigkeiten bei einem Unternehmensverkauf einen Ausverkauf auslösten.

19. August 1991

Ein später gescheiterten Putsch gegen den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow drückt den Dax um gut neun Prozent ins Minus.

28. Oktober 1997

Im Sog der Asienkrise sackt der Dax im Handelsverlauf um bis zu 13 Prozent ab und schließt mit 3567 Punkten acht Prozent niedriger.

1. Oktober 1998

Die Angst vor einem Flächenbrand im Bankenwesen nach der Schieflage eines Hedgefonds in den USA und einer Eskalation der Krisen in Asien, Japan, Lateinamerika und Russland drücken den Dax um acht Prozent ins Minus.

11. September 2001

Nach den Terroranschlägen in den USA fällt der Dax um neun Prozent.

Diese Konstellation hat entscheidend zum rasanten Aufstieg der Londoner City beigetragen, die zum Beispiel im Devisen- und Derivatehandel die unangefochtene Nummer eins der Welt ist. Sollten sich die Briten nun für einen Ausstieg aus der EU entscheiden, geriete dieses Gleichgewicht aus der Balance. Dem Herz der europäischen Finanzindustrie würden gefährliche Rhythmusstörungen drohen. Da überrascht es nicht, dass die Nervosität an den Märkten proportional zum Erstarken der Europa-Gegner in den Umfragen wächst.

Kommentare (19)

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Herr Franz Paul

16.06.2016, 10:40 Uhr

Na ja, der neue "starke Mann" war ja eh geschickt worden, um die Deutsche Bank abzuwickeln. Die war den US- und Englandbankern und Regierungen sicher ein Dorn im Auge, auch schon wegen des Namens. Wird sicher demnächst zum Schnäppchenpreis übernommen.

Account gelöscht!

16.06.2016, 10:41 Uhr

Zu Joe´s und Anshu´s Zeiten hieß es noch, zur Dt. Bank geht man um das Investmentbanking von der Pike auf zu lernen. Heute verlassen die Leute freiwillig und fluchtartig den Laden. Woher also sollen jetzt dann noch die Erträge kommen ?

Account gelöscht!

16.06.2016, 10:54 Uhr

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