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30.07.2012

13:57 Uhr

Britische Großbank

Geldwäsche-Skandal belastet HSBC

Die Londoner Großbank HSBC lässt im ersten Halbjahr Federn. Rückstellungskosten in den USA und Entschädigungen von Kunden in Großbritannien schmälern den Gewinn. Dabei ist der Libor-Skandal noch gar nicht einkalkuliert.

Die britische Großbank will ihre Probleme in den USA lösen. AFP

Die britische Großbank will ihre Probleme in den USA lösen.

LondonGeldwäsche, Falschberatung von Kunden und Zins-Tricksereien: Die Vorwürfe gegen die britische Großbank HSBC nehmen kein Ende. Vorstandschef Stuart Gulliver räumte am Montag bei der Vorlage der Halbjahreszahlen ein, dass es in Europas größtem Geldhaus an allen Ecken brennt. "Die Bank ist klar vom Weg abgekommen", sagte er. Es werde lange dauern, das lädierte Image wieder aufzupolieren und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Insgesamt zwei Milliarden Dollar stellte das Institut zurück, um sich für Strafen und Entschädigungszahlungen zu wappnen, eventuelle Kosten im Zusammenhang mit dem weltweiten Zinsskandal noch gar nicht eingerechnet. Das alles belastet zusehends das Ergebnis - der bereinigte Vorsteuergewinn schrumpfte in den ersten sechs Monaten um drei Prozent auf 10,6 Milliarden Dollar.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Allein wegen der laxen Geldwäsche-Kontrollen droht HSBC eine Milliardenstrafe durch die Aufseher in den USA. Dort hatte ein Senatsausschuss der Bank unlängst eine schallende Ohrfeige erteilt. Die Prüfer kamen nach einjähriger Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Bank ihren Kunden über Jahre dabei geholfen hat, fragwürdige Gelder aus Ländern wie Mexiko, dem Iran, Saudi-Arabien oder Syrien zu transferieren.

Ein Top-Manager des Instituts kündigte bereits seinen Rücktritt an. Auch Gulliver zeigte sich nun reumütig und sprach von "peinlichen" Fehlern, die gemacht worden seien. "Das ist für uns alle sehr unangenehm." Der Konzern entschuldige sich dafür.

HSBC hat für die absehbare Geldwäsche-Strafe 700 Millionen Dollar zur Seite gelegt. Ob das ausreicht, ist nach den Worten von Gulliver völlig offen. Die Gesamtbelastungen könnten deutlich höher ausfallen, sagte er. Die übrigen 1,3 Milliarden Dollar hält HSBC für die Entschädigung von Privat- und Geschäftskunden in Großbritannien bereit, die die Bank beim Verkauf von Restschuldversicherungen und diversen Zinsabsicherungsprodukten falsch beraten hatte. Auch andere britische Großbanken mussten hier für Schadenersatzzahlungen schon tief in die Tasche greifen.

Bedeckt hielt sich HSBC dagegen zu den Zinsermittlungen. Ermittler in der EU, den USA, der Schweiz, Großbritannien und anderswo nehmen derzeit mehr als ein Dutzend Großbanken unter die Lupe, darunter auch HSBC. Den Banken wird vorgeworfen, wichtige Referenz-Zinssätze manipuliert zu haben, um die eigenen Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen.

Untersucht werden etwa Verzerrungen beim Londoner Referenzsatz Libor und beim europäischen Interbankensatz Euribor. Mehrere Banken arbeiten Insidern zufolge mit den Behörden zusammen und hoffen so auf mildere Strafen. Im Libor-Fall hat Barclays als bislang einziges Geldhaus ein Fehlverhalten eingeräumt. Das kostete die Bank eine halbe Milliarde Dollar Strafe und den Vorstandschef den Job.

HSBC-Chef Gulliver erklärte, sein Haus habe die angeforderten Informationen geliefert. Es sei aber noch viel zu früh, die Ergebnisse der Zins-Ermittlungen vorherzusagen - geschweige denn potenzielle Kosten für die Bank. Börsianer schreckte die Unsicherheit nicht. Die HSBC-Aktie notierte in London sogar ein Prozent fester, auch wenn sie damit nicht an den europäischen Bankenindex heranreichte.

Offenbar überzeugten die Zahlen zum laufenden Geschäft. Auf unbereinigter Basis legte der Vorsteuergewinn um elf Prozent auf 12,7 Milliarden Dollar zu und lag damit leicht über den Erwartungen. Das Institut profitiert vor allem von seiner zweiten Heimatbasis Asien, die Region boomt. Aber auch die breite Aufstellung im klassischen Privatkundengeschäft und der Vermögensverwaltung hilft dem Konzern, Dellen im Investmentbanking auszubügeln. In Deutschland ist HSBC mit der Privatbank HSBC Trinkaus vertreten. Sie legt ihre Halbjahreszahlen an diesem Mittwoch vor.

Von

rtr

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