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20.01.2010

07:02 Uhr

BVR-Chef Hofmann

„Der Zeitplan für Basel III ist sehr ambitioniert“

VonYasmin Osman

ExklusivSeit 2008 ist Gerhard Hofmann Vorstandsmitglied im Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). Dort ist er unter anderem für die Sicherungseinrichtung zuständig. Im Interview sprach Hofmann über Basel III und verriet, warum er an einer pünktlichen Reform der Eigenkapitalregeln zweifelt.

Das Logo der Volks- und Raifeisenbanken. Gerhard Hofmann zweifelt an einer fristgerechten Umsetzung von Basel II. Quelle: Pressebild

Das Logo der Volks- und Raifeisenbanken. Gerhard Hofmann zweifelt an einer fristgerechten Umsetzung von Basel II.

Handelsblatt: Wie bewerten Sie die Vorschläge des Baseler Ausschusses für neue Eigenkapitalregeln der Banken, genannt Basel III?

Gerhard Hofmann: Deutliche Verschärfungen der Bankenregulierung waren zu erwarten und sind grundsätzlich nachvollziehbar. Es geht unter anderem darum, systemische Risiken präventiv besser in den Griff zu bekommen. Viele Banken mit hohen Renditeansprüchen – darunter die meisten ersten Adressen – waren zu hoch verschuldet und hatten zu geringe Liquiditätsreserven. Beide Themen geht der Baseler Ausschuss entschlossen an. Die Vorschläge der Regulatoren zu den künftig anerkannten Eigenkapitalpositionen sind relativ klar gefasst.

HB: Wo sehen Sie kritische Punkte?

Hofmann: Bei der künftigen Eigenkapitaldefinition und den Vorgaben zur Liquidität von Banken waren die Aufseher hinreichend konkret, bei der Verschuldungsobergrenze, der Leverage Ratio, der Frage möglicher Kapitalpuffer und so weiter, blieben sie bisher eher vage und geben lediglich die Stichworte, nicht aber die entscheidenden Parameter neuer Regeln an. Das hat zwar den Vorteil, dass die Finanzmärkte derzeit nur in geringem Maße auf die Baseler Vorschläge reagierten. Für die Auswirkungsstudie, die der Ausschuss in Kürze startet, ist das aber eine große Herausforderung.

HB: Warum ist das ein Problem?

Hofmann: Wie sollen die Banken eine gute Einschätzung zu den konkreten Folgen des Gesamtpaketes, einschließlich Leverage Ratio oder Kapitalpuffern geben, wenn es so wenig greifbare Vorgaben gibt? Es hat kaum jemals eine so offene Konsultation gegeben, bei der zu wichtigen Punkten noch nicht einmal eine Bandbreite angegeben wurde. Ich kann mir nur zwei Szenarien vorstellen: Entweder die Baseler Aufseher nutzen die Antworten lediglich als Datensammlung und versuchen selbst verschiedene Szenarien durchzuspielen – und das wäre ziemlich riskant.

HB: Oder?

Hofmann: Oder man wird weitere Auswirkungsstudien benötigen, wenn man sich klar ist, wie denn die Regeln im Detail gefasst sein könnten. Mit einer einzigen Auswirkungsstudie wird man vermutlich keine hinreichend belastbaren Ergebnisse erzielen. Das vermutlich größte Regulierungsvorhaben seit vielen Jahrzehnten muss durch empirische Untersuchungen gut fundiert sein. Experimente wären wegen der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen zu gewagt.

HB: War dieser Schritt ein Fehler?

Hofmann: Nein, der offizielle Sektor muss zeigen, dass er zügig Schlussfolgerungen aus der Krise zieht. Aber wir brauchen genug Zeit, damit die Vorschläge weiter entwickelt und abschließend bewertet werden können. Man hat ja schon bei den vor Weihnachten veröffentlichten, eher groben Vorschlägen gesehen, dass die Märkte auf die wenig konkreten Vorgaben reagierten. Konkrete Vorschläge in allen Bereichen hätten vermutlich größere Marktreaktionen ausgelöst und die Gesundung der Bankenbranche weltweit sicher nicht befördert.

HB: Ist denn dann der aktuelle Zeitplan überhaupt realistisch?

Hofmann: Das ist ein kritischer Punkt. Der Zeitplan ist in der Tat sehr ambitioniert, wenn der Baseler Ausschuss die Wirkungen seiner Maßnahmen zuverlässig einschätzen will. Angesichts der Tragweite der Vorschläge gilt: Qualität geht vor. Aufsicht und Banken sollten primär das Ziel verfolgen, die Finanzmärkte weniger anfällig für Krisen zu machen. Ein Zeitplan ist dabei hilfreich, kann aber nicht über die Inhalte gestellt werden.

HB: Halten Sie eigentlich eine Einführungsphase von fünf Jahren, wie Bafin-Präsident Jochen Sanio Sie vorgeschlagen hat, für ausreichend?

Hofmann: Fünf Jahre Übergangsfrist erscheinen notwendig, wenn man abrupte Veränderungen im Bankenmarkt und der Volkswirtschaften vermeiden will. Der Markt wird bei kapitalmarktorientierten Banken jedoch erwarten, dass sie sich wesentlich früher an neue Vorgaben der Aufsicht anpassen, d.h. relativ nachdem die Regeln beschlossen sein werden, mehr Eigenmittel von höherer Qualität zur Verfügung haben. Um den Wandel gut zu bewältigen, ist neben der Übergangszeit auch das von Basel beabsichtigte „phasing in“ unverzichtbar.

HB: Welche Folgen hätten die Pläne auf Genossenschaftsbanken?

Hofmann: Die Folgen dürften sich in Grenzen halten. Gut ist zunächst einmal, dass Genossenschaftsanteile als Äquivalent zu Stammaktien auch in Basel anerkannt werden sollen. Dies ist ein Novum, denn der Baseler Ausschuss befasst sich primär mit international tätigen Banken. Voraussetzung für die Anerkennung als hartes Kernkapital dürfte sein, dass Vorstand und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank eine Rückzahlung der Genossenschaftsanteile bei Bedarf letztlich verhindern können.

HB: Wie viele Genossenschaftsbanken erfüllen den bislang überhaupt diese Vorgaben?

Hofmann: Etwa die Hälfte unserer Primärbanken hat in der Vergangenheit bereits entsprechende Satzungsänderungen vorgenommen. Wir gehen davon aus, dass die übrigen eine solche Anpassung vornehmen werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies umsetzbar ist. Deshalb gilt: Wenn der Text aus Basel so bleibt, wäre das ein für uns akzeptables Ergebnis.

HB: Gilt das auch für ihre Zentralbanken DZ und WGZ Bank? Beide sind AGs, so dass für sie die Sonderregeln für Genossenschaftsbanken nicht greifen.

Hofmann: Für unsere Zentralbanken gelten die allgemeinen Kapitalregeln. Die zu den Primärbanken unterschiedliche Rechtsform wirkt sich zum Beispiel in der Corporate Governance aus. Dies war aber schon immer so.

HB: Könnten die strengeren Kapitalregeln bei DZ und WGZ Kapitalerhöhungen nötig machen?

Hofmann: Wenn das erforderlich wäre, könnte und würde der genossenschaftliche Finanzverbund das auf jeden Fall stemmen. Wir haben im Finanzverbund praktisch in allen Geschäftsjahren in letzter Zeit neues Kapital aufgebaut und sind heute gut kapitalisiert. Bislang ist Basel aber noch eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten, das heißt, die Gesamtwirkung ist eben schwer einschätzbar.

HB: Welche Punkte spielen dabei eine Rolle?

Hofmann: Je nachdem wie zum Beispiel die Leverage Ratio ausfällt, wie hoch die Kapitalpuffer oberhalb des Minimums sein sollen und anderer Effekte könnte Kapitalbedarf entstehen. Außerdem sind zusätzliche, letztlich strengere Anforderungen für systemrelevante Banken im Gespräch. Auch das kann die Zentralbanken theoretisch treffen. Unklar ist zudem, wie groß die (aus unserer Sicht grundsätzlich sinnvollen) antizyklischen Wertberichtigungen ausfallen sollen.

Gerhard Hofmann

Genossenschaftsbanken: Seit 2008 ist der gebürtige Bamberger Vorstandsmitglied im Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), also der Interessenvertretung der rund 1200 deutschen Genossenschaftsbanken. Dort ist er unter anderem für die Sicherungseinrichtung zuständig.

Aufsichtsexperte: Vor seiner Zeit beim BVR arbeitete Hofmann 22 Jahre lang bei der Bundesbank, sowohl in der Volkswirtschaftlichen Abteilung, als auch in den Bereichen für Bilanzierung und Bankenaufsichtsrecht. 1999 wurde er Zentralbereichsleiter der Banken- und Finanzaufsicht der Bundesbank und Bundesbankdirektor. Als Vertreter der Bundesbank war er unter anderem selbst Mitglied des Baseler Ausschusses sowie des Committee of European Banking Supervisors (CEBS), des Ausschusses der europäischen Bankaufseher.

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