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15.08.2014

07:47 Uhr

C1 Financial Bank

Schwuler Bankchef outet sich

VonAxel Postinett

So forsch wie Berlins Bürgermeister Wowereit ging ein US-Bankchef zwar nicht vor, sein Outing sorgte dennoch für Anerkennung. Homosexualität ist noch immer ein heikler Punkt, auch in der amerikanischen Geschäftswelt.

Ein Mann in den USA mit Regenbogenflagge: Die Fahne gilt als Symbol der Toleranz. ap

Ein Mann in den USA mit Regenbogenflagge: Die Fahne gilt als Symbol der Toleranz.

San FranciscoFür die C1 Financial Bank war der Donnerstag in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Der Börsengang an Wall Street gelang, und nebenbei outete sich der CEO des Finanzinstituts aus Florida als schwul. Er

ist damit der erste offen homosexuelle Vorstandschef einer börsennotierten US-Bank. Das „Wall Street Journal“ entdeckte einen Hinweis im Börsenprospekt der Bank aus St. Petersburg: „Herr Burgess eröffnet, dass sein Ehemann, Gary Hess, Aktien an dem Unternehmen hält“. Trevor Burgess erklärte gegenüber dem Journal, er hoffe, dass andere Banker seinem Vorbild folgen werden. Und er wolle in Zukunft nicht an seiner Sexualität gemessen werden, sondern an seinen Erfolgen.

Die Sympathien hat der frühere Morgan Stanley-Manager jedenfalls auf seiner Seite. Jacques Brand, Nordamerika-Chef der Deutschen Bank, erklärte in einem Statement die Bank sei „stolz, Trevor Burgess zu seinem Mut und seiner Authentizität zu gratulieren“. Man wisse, die „Möglichkeit, bei der Arbeit man selbst zu sein, ist fundamental wichtig für den persönlichen und unternehmerischen Erfolg.“ Auch Irene Dorner, CEO von HSBC Nordamerika stellt sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg auf die Seite Burgess': „Manager, die sich wohl fühlen mit ihrer sexuellen Orientierung sind produktiver und engagierter“, so die Bankerin. Sie beglückwünschte Burgess dazu „wie er mit diesem Börsengang den Weg anführt.“

Homosexualität – vom Verbot zur Akzeptanz

Die junge Bundesrepublik bestraft schwule Liebe

1949: Die neu gegründete Bundesrepublik lässt den von den Nazis verschärften Strafrechts-Paragrafen 175 bestehen. Er bestraft „widernatürliche Unzucht zwischen Männern“. Bis 1969 gibt es weiter Verfolgung – Schweigen und Angst vielerorts in den 50er- und 60er-Jahren. Kanzler Konrad Konrad Adenauer soll in dieser Zeit zu Gerüchten über Außenminister Heinrich von Brentano gesagt haben: „Also wissen Se, solange der misch nit anpackt, isset mir ejal.“

Die DDR streicht den "Schwulen-Paragraf" 175

1968: Die DDR streicht Paragraf 175. Weiterhin unterschiedliche Schutzalter für heterosexuelle und homosexuelle Kontakte.

Unter Brandt ist schwule Liebe nicht mehr strafbar

1969: Die neue sozialliberale Regierung von Willy Brandt entschärft entscheidend Paragraf 175. Ab dem 1. September ist praktizierte männliche Homosexualität unter Erwachsenen nicht mehr strafbar.

Franz Josef Strauß und die "warmen Brüder"

1970: Der CSU-Chef Franz Josef Strauß spricht den Satz: „Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder.“

Von-Praunheim-Film über die Schwulenszene

1971: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim wird uraufgeführt. Der Film kritisiert die Gesellschaft, aber auch die verzagte Schwulen-Szene. Zwei Jahre später strahlt die ARD den Film aus, weshalb der Bayerische Rundfunk (BR) sich aus dem gemeinsamen Programm ausklinkt.

Erste Schwulendemo Deutschlands

1972: In Münster findet die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik statt. In den Folgejahren entstehen immer mehr Gruppen von Lesben und Schwulen, die in Gesellschaft und Organisationen hineinwirken wollen. Die Homosexuellenbewegung gewinnt an Fahrt.

ARD strahlt schwulen Liebesfilm aus

1977: Die ARD strahlt den schwulen Liebesfilm „Die Konsequenz“ von Wolfgang Petersen aus. Jürgen Prochnow spielt einen Gefängnisinsassen: Er und der 16-jährige Sohn eines Aufsehers verlieben sich ineinander. Der BR klinkt sich erneut aus.

Erster Christopher Street Day

1979: In Bremen und Berlin finden erstmals Demos als Christopher Street Day (CSD) statt und beziehen sich damit auf Aufstände von Lesben, Schwulen und Transsexuellen im Juni 1969 in New York.

Die Kießling-Affäre

1983/84: Die Kießling-Affäre: Der sogenannte Verdacht der Homosexualität und die angebliche Erpressbarkeit reicht Minister Manfred Wörner (CDU), um den Vier-Sterne-Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu entlassen. Dilettantisches Krisenmanagement. Schließlich wird Kießling wieder in Dienst genommen und ehrenhaft entlassen.

Die neue Angst Aids

1980er Jahre: Aids erschüttert die Welt und gilt vielen als „Schwulenseuche“. In der konservativ-liberalen Bundesregierung setzt sich ein aufklärender Kurs durch, nicht zuletzt dank Rita Süssmuth.

Der erste schwule Fernsehkuss

1990: Erster schwuler Fernsehkuss in der ARD-Serie „Lindenstraße“. Bei RTL geht die Komikerin Hella von Sinnen bereits seit 1988 in der Spielshow „Alles Nichts Oder?!“ offen mit ihrem Lesbisch-Sein um. Im Sommer wird der „ungeoutete“ schwule Volksschauspieler Walter Sedlmayr ermordet aufgefunden.

Rosa von Praunheim und das Promi-Outing

1991: In der RTL-Show „Explosiv – Der heiße Stuhl“ vertritt Rosa von Praunheim, enttäuscht von mangelnder Solidarität angesichts der tödlichen Aids-Welle, die These, homosexuelle Promis sollten ihr Liebesleben öffentlich machen. Er outet nicht-anwesende Stars wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek. Großes Medienecho.

Der "Schwulenparagraf" fällt

1994: Der „Schwulenparagraf“ 175 fällt endgültig. Er hatte zumindest im Westen (die DDR schuf die Diskriminierung 1988 ab) noch immer ein höheres Schutzalter für gleichgeschlechtlichen Sex festgelegt. Nach der Deutschen Einheit gibt es vier Jahre lang eine unterschiedliche Gesetzeslage in Ost und West.

Die "Hamburger Ehe"

1999: „Hamburger Ehe“: Die rot-grüne Regierung des Stadtstaates ist Vorreiter. Erstmals können auch in Deutschland gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft mit einem staatlichen Dokument belegen. 2000: Spätestens von nun an revolutioniert das Internet das Leben und die Kontaktaufnahme (auch) für Homosexuelle. Hunderttausende sind in Portalen wie Gayromeo (ab 2002) aktiv.

"Ich bin schwul, und das ist gut so"

2001: Berlins SPD will das Regierungsbündnis mit der CDU verlassen. Ihr Spitzenkandidat Klaus Wowereit improvisiert - wohl auch um möglichen Enthüllungen der Presse zuvorzukommen - auf einem Sonderparteitag den Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“.

Schill will Ole von Beust mit Outing erpressen

2003: Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) entlässt seinen Innensenator Ronald Schill. Grund: Schill habe Beust mit dessen - bis dato diskret behandelten - Homosexualität und einem angeblichen Verhältnis zu einem seiner Senatoren erpressen wollen. Die Öffentlichkeit steht recht eindeutig auf von Beusts Seite.

Denkmal für homosexuelle Nazi-Opfer

2008: In Berlin gibt es jetzt im Tiergarten ein „Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“, gegenüber vom Holocaust-Mahnmal. In der NS-Zeit wurden Schätzungen zufolge 54.000 Homosexuelle verurteilt, etwa 7000 wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Ein Schwuler wird Vizekanzler und Außenminister

2009: Mit FDP-Chef Guido Westerwelle wird erstmals ein offen schwuler Politiker Vizekanzler und Außenminister.

Die mediale Selbstverständlichkeit

2011: Selbst in der RTL-Kuppelsendung „Bauer sucht Frau“ - dem Titel nach sehr heterosexuell - heißt es nun: Bauer sucht Mann. In diversen Seifenopern, Talkshows oder Castingshows gehören heute Lesben und Schwule selbstverständlich dazu („Deutschland sucht den Superstar“ zum Beispiel gewinnt 2004 Elli Erl, 2007 Mark Medlock).

Rechtliche Gleichstellung bei der Steuer

2013: Im Juni beschließt der Bundestag nach einem richtungsweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass auc homosexuelle Paare vom Ehegattensplitting rückwirkend ab 2001 profitieren sollen. Eingetragene Lebenspartnerschaften sind damit steuerlich mit der Ehe gleichgesetzt. Die jährlichen Mindereinnahmen an Steuern werden für die kommenden Jahre auf etwa 55 Millionen Euro jährlich geschätzt. Die volle Gleichstellung der Homo-Ehe im Adoptionsrecht steht noch aus.

Der erste deutsche Nationalspieler outet sich

2014: Als erster, deutscher Ex-Nationalspieler outet sich Thomas Hitzlsperger – nur wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi. Hitzlsperger bekam ein positives Echo – aus Politik, Wirtschaft und Sport. Lukas Podolski, ehemaliger Kollege in der Nationalmannschaft, twitterte „eine „richtige Entscheidung“, Arne Friedrichs Tweet lautete: „Bin stolz auf dich.“ Bundestrainer Joachim Löw forderte Respekt: „Thomas hat für sich persönlich entschieden, diesen Schritt zu gehen, und er sollte in einer toleranten Gesellschaft von allen respektiert werden.“ Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: „Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz.“

Homosexualität ist noch immer ein heikler Punkt, vor allem wenn es in den USA um die Geschäftswelt, aber auch um Armee und Sport geht. Erst am Mittwoch hatte sich der Football-Spieler Edward Sarafin öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt, er ist damit der erste aktive Football-Spieler im amerikanischen College-Football. Bislang hatten sich erst nach ihrem Karriereende mehrere Footballer dazu bekannt. Im Februar eröffnete der 24-jährige NFL-Neuling Michael Sam seine Homosexualität, was ihm zum ersten aktiven homosexuellen Spieler in der Top-Liga des American Football macht.

Kommentare (2)

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Frau Helga Trauen

15.08.2014, 08:44 Uhr

Nach dem Lesen dieses Berichts wird wieder deutlich, wie rückwärtsgewandt und homophob die AfD ist. Was wird die - von vielen übrigens als lesbisch lebend vermutet - AfD-Familienikone Storch dazu sagen? Die wird wieder von der Homolobby lärmen und sich die 50er Jahre zurückwünschen. Seltsames Volk! Vor allem dann, wenn sie sich für liberal halten. Und schön betend einem irrationalen Glauben frönen, dem sie illiberale normative Zwänge zur Lebensführung allen anderen aufoktroyieren wollen. Einfach nur ekelhaft!

Herr Heinz Keizer

15.08.2014, 10:45 Uhr

was bitte hat der Artikel mit der AfD zu tun? Wenn jemand seine Meinung frei äußert, ist das ekelhaft? Nur die eigene Meinung gelten lassen und andere als intolerant bezeichnen? Wie soll man denn ein solches Verhalten bezeichnen? Wenn das so weiter geht, traut sich doch keiner mehr sich als Hetero zu "outen".

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