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07.03.2017

21:53 Uhr

Carsten Kengeter

Ein Börsenchef in schwerem Fahrwasser

VonMichael Brächer

Carsten Kengeter will den Blick nach vorne richten – wenn da nur nicht die vergeigte Fusion mit der LSE wäre. Bei einem Auftritt in Frankfurt räumt der Börsenchef Fehler ein. Ein wichtiges Thema lässt er aber aus.

Der Vorstandschef der Deutschen Börse räumt Fehler bei der Fusion mit London ein. dpa

Börsenchef Kengeter

Der Vorstandschef der Deutschen Börse räumt Fehler bei der Fusion mit London ein.

FrankfurtCarsten Kengeter wirkt blass, als er aufs Podium tritt – und ob es am Scheinwerferlicht liegt oder doch an den Negativschlagzeilen der vergangenen Wochen, das bleibt dem Betrachter überlassen.

Eigentlich ist das ein Heimspiel: Der Vorstandschef der Deutschen Börse spricht in der altehrwürdigen Frankfurter Wertpapierbörse auf dem Finanzplatztag der Börsenzeitung. Mehr Börse in einem Satz geht kaum – welches Publikum könnte dankbarer sein?

Wenn da nicht die umstrittene Fusion mit der London Stock Exchange wäre, die vor dem Scheitern steht. „Wir müssen schon sehen, dass mit den letzten Entwicklungen diese Transaktion in ein sehr schweres Fahrwasser geraten ist“, sagt Kengeter. Und verspricht: „Wir werden den Blick nach vorne richten“. Aber noch lässt die verpatzte Börsenhochzeit den Vorstandschef nicht los. Obwohl dem Deal kaum Chancen eingeräumt werden, kann Kengeter ihn noch nicht für tot erklären. Eigene Fehler räumt er aber ein.

Rund ein Jahr ist es her, dass Kengeter voller Tatendrang mit dem Kaffeebecher in der Hand zu einem Pressetermin in Frankfurt eilte. Damals hatten die Deutsche Börse und die London Stock Exchange ihren Plan öffentlich gemacht, eine europäische Superbörse schmieden zu wollen. Doch jetzt ist die Fusion kalter Kaffee, und auch Kengeter wirkt mächtig abgekämpft: Den Börsen kam der Brexit in die Quere, der Zusammenschluss steht vor dem Scheitern.

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Die Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange steht vor dem Aus, auch wegen handwerklicher Fehler. Jetzt muss Chef Carsten Kengeter die Strategie ändern – und womöglich auch sich selbst.

Die Londoner Börse weigert sich, eine Vorgabe der EU-Kommission zu erfüllen und ihre Anteile an einer italienischen Tochterfirma zu verkaufen. Beobachter im Umfeld der beiden Börsen sehen darin nur einen Vorwand. Es sind die Differenzen bei der Standortfrage, die zwischen beiden Lagern als unüberbrückbar gelten. Während die deutsche Seite nach dem Brexit auf einen Doppelsitz in London und Frankfurt gedrängt haben soll, halten die Briten an London fest. Noch bis Anfang April kann die EU-Kommission über den Deal befinden, ein Nein gilt dabei quasi als gesetzt.

Abblasen können beide Börsen das Unterfangen trotzdem nicht. Der Deal ist also weder tot noch lebendig. Mit diesem Schwebezustand umzugehen, fällt dem Börsenchef merklich schwer: Fragen des Moderators zur Fusion wischt er mehr schlecht als recht beiseite. Ein anderes Problem wird dagegen erst gar nicht angesprochen: Kengeters umstrittene Aktienkäufe in eigener Sache. Im Dezember 2015, zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionspläne, hatte Kengeter sich mit Aktien des Konzerns eingedeckt. Die Staatsanwaltschaft rückte an. Sie wirft ihm Insiderhandel vor. Kengeter will die Vorwürfe ausräumen, auch der Aufsichtsrat sprach ihm sein Vertrauen aus – aber der Imageschaden bleibt.

Am Ende seines Auftritts übt sich Kengeter in Selbstkritik, weil es ihm nicht gelungen war, die Frankfurter Finanzwelt von den Vorzügen des Deals zu überzeugen. Nach seinem Antritt als Vorstandschef im Sommer 2015 hätten sich die Ereignisse überschlagen. Der Konzern stemmte mehrere Übernahmen und trennte sich von einer US-Tochter. „Bei der vielen Aktivität ist möglicherweise der Kontakt mit dem Frankfurter Publikum zu kurz gekommen“, sagt Kengeter. „Das tut mir sehr leid, da muss ich mir schon an den eigenen Kopf fassen“. Viel Zeit, um das Gespräch mit den Vertretern des Finanzplatzes zu suchen, scheint dem Börsenchef am Dienstag jedenfalls nicht zu bleiben. Kaum ist er aus dem Scheinwerferlicht getreten, schon verlässt er eilig den Saal.

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