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13.08.2017

08:23 Uhr

Commerzbank-Angebot

Ein merkwürdiger Bitcoin-Cocktail

VonMichael Brächer

Um die virtuelle Währung Bitcoin tobt ein wahrer Hype. Mit einem Spezialprodukt für Profi-Investoren will die Commerzbank auf dem Markt mitmischen – und zieht Spott auf sich.

Auf der Bitcoin-Welle will die Commerzbank mitschwimmen. Doch das Produkt hat mit der Krypto-Währung wenig zu tun. AP

Bitcoin

Auf der Bitcoin-Welle will die Commerzbank mitschwimmen. Doch das Produkt hat mit der Krypto-Währung wenig zu tun.

FrankfurtWer den abenteuerlichen Aufstieg der Online-Währung Bitcoin verfolgt, fühlt sich an die Zeiten des Neuen Markts erinnert. Vor der Jahrtausendwende brauchte eine Firma nur zu erwähnen, dass ihr Geschäftsmodell irgendwas mit Internet zu tun hat, und Anleger rissen ihre Aktien aus der Hand. Ähnlich läuft es nun beim Bitcoin: Was auch nur entfernt mit der virtuellen Währung zu tun hat, geht weg wie geschnittenes Brot.

Offenbar kann da auch die alt-ehrwürdige Commerzbank nicht widerstehen. Jetzt hat es die Bank mit einem strukturierten Produkt in die Schlagzeilen geschafft, mit dem Profi-Investoren am Bitcoin teilhaben können sollen. Die Krux dabei: Mit der Kursexplosion der Online-Währung hat die Erfindung der Commerzbanker offenbar nur wenig zu tun. Stattdessen setzen Anleger damit etwa auf die Aktie des Software-Urgesteins Microsoft.

Aufgespießt wurde die Geschichte von der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Wollen Sie Bitcoins besitzen, aber schämen Sie sich zu sehr, ihren Freunden zu gestehen, dass sie eine traditionelle Anlage für eine Währung mit fragwürdiger Vergangenheit getauscht haben?“, heißt es dort. „Dann könnte die Commerzbank eine Lösung für sie haben – auch, wenn sie nicht wie eine sehr wirksame aussieht“.

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird „peer-to-peer“ gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte – die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten „White Paper“, dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem „permissionless“, können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem „trustless“: Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei „ein Spekulationsobjekt“, dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. „Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren.“

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert – für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

Demnach haben die Experten der Bank ein strukturiertes Produkt aufgelegt, das sich ausschließlich an Profi- Investoren richtet und nur auf Englisch vermarktet wird. Mit den so genannten „Structured Notes“ kombinieren Finanzalchemisten alle möglichen Anlagemöglichkeiten zu einem Cocktail. Dabei gilt die Maxime: Was sich verkaufen lässt, lässt sich auch zusammenmischen. Ob diese Maxime auch die Commerzbanker inspiriert hat? Die hatte nämlich eine „Anlageidee”. Damit können Kunden „ein Exposure zum Bitcoin erhalten, ohne tatsächlich direkt darin zu investieren“. Mit dem Begriff Exposure wird in der Finanzwelt das Aussetzen zu einem Marktrisiko bezeichnet.

So könnte man auf die Idee kommen, dass Investoren mit der Commerzbank-Kreation an der Entwicklung des Bitcoins teilhaben. Aber stattdessen verrührt das Produkt die Aktien der E-Commerce-Firma Shopify, des Fernsehsattelitenbetreibers Dish und des Softwareriesen Microsoft. Die seien alle mit der Blockchain beschäftigt, also mit der Technik, die hinter dem Bitcoin steckt. So akzeptiert Microsoft in den USA etwa den Bitcoin als Zahlungsmittel. Mit der virtuellen Währung selbst hat die Erfindung der Commerzbank nur entfernt etwas zu tun.

Bei der Bank heißt es, man biete insgesamt eine sechsstellige Zahl an strukturierten Anlageprodukten für Investoren an. „Diese beinhalten auch maßgeschneiderte Anlageideen, die nur für institutionelle professionelle Investoren auf besondere Kundennachfrage entwickelt werden”, sagte ein Sprecher der Commerzbank. „Diese Anlageidee zielt nicht auf den deutschen Markt ab.”

Die Bloomberg-Leute haben sogar eigens errechnet, dass die Entwicklung der drei Aktien mit der des Bitcoins kaum im Zusammenhang steht – was angesichts der illustren Zusammensetzung auch wenig überrascht. Aber das kann beim nächsten Bitcoin-Crash ja auch eine positive Sache sein.

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