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27.01.2005

09:27 Uhr

Das Bankhaus Bethmann legte im 18. Jahrhundert den Grundstein für den heutigen Rentenmarkt

Die Bank, die Goethes Reisen finanzierte

VonClaudia Wanner (Handelsblatt)

Drei Stockwerke tief geht es in den Keller. Oben rattert die U-Bahn, über der Erde tost der Verkehr sechsspurig über die Straße. Unten ist es kühl, ein bisschen muffig. In nüchternen Archivräumen lagert hier – nur wenige Schritte vom Stammhaus entfernt – mitten in Frankfurt in den Magazinen des Stadtarchivs die Geschichte des Bankhauses Bethmann, des viertältesten noch existierenden deutschen Geldhauses.

HB FRANKFURT/M. 300 Regalmeter nehmen die Unterlagen ein, die Bank und Familie zusammengetragen haben. Anlässlich ihres 250-jährigen Jubiläums hat die Bank die Unterlagen 1998 dem Frankfurter Stadtarchiv vermacht. Auch rund 10 000 Autografen sind erhalten, Briefe und Schriftwechsel der Bank. Bis in deren Anfänge reichen sie allerdings nicht zurück. Damit fehlt auch der letztendliche Beweis, dass die „Bethmänner“ die Bildungsreise des Dichters Johann Wolfgang von Goethe nach Italien finanziert haben.

Goethes eigene Unterlagen geben indes Hinweis genug darauf: „Innenliegenden Brief schicken Sie an die Bethmänner, ohne dass diese eben erfahren, dass der Brief durch Sie gegangen ist. Die Bethmänner haben mir, ohne es selbst zu wissen, unter einem fremden Namen Kredit gemacht“, schreibt der Dichter am 4. November 1786 an seine Mutter. Im September desselben Jahres war der gebürtige Frankfurter unter dem Namen „Kaufmann Möller“ gen Italien gereist, im Gepäck angeblich eine Anweisung des Bankhauses an einen römischen Bankier. Die Mutter antwortet zwei Wochen später: „Denen Bethmännern habe ich Ihren Brief auf eine so drollige Weise in die Hände gespielt, das sie gewiss nicht auf mich raten.“

Jene Bethmänner sind ursprünglich zwei Brüder, Simon Moritz und Johann Philipp. Sie haben 1746 von ihrem Onkel Jacob Adami dessen Handelshaus geerbt, es zwei Jahre später in „Gebrüder Bethmann“ umbenannt und das Waren- um das Geldgeschäft erweitert.

Zurück zu Goethe. Die Kontakte der beiden Frankfurter Familien beschränken sich nicht auf die Kreditbeziehung. Goethes Mutter, die Frau Rat, teilt mit einigen Damen der Bethmann-Familie eine Theaterloge zur Miete. 1804 besucht Simon Moritz aus der zweiten Generation der Bankiersfamilie gemeinsam mit einem Vetter Goethe in Weimar. Und der große Literat kehrt bei seinen gelegentlichen Heimatbesuchen immer wieder bei den Bethmanns ein.

Die haben ihr Geschäft in der Zwischenzeit zu großer Blüte gebracht. Geholfen hat ihnen dabei das Anleihegeschäft, ein Segment, das die Bethmanns entscheidend mit vorangetrieben haben. Sie beginnen bereits ab 1754, Anleihen für Landesherren, Fürsten und Territorien zu begeben. Den Durchbruch schaffen sie mit einer Finanzinnovation. 30 Jahre nach der Bankgründung kommen die Bethmanns mit einer kaiserlichen Anleihe über 200 000 Gulden heraus, die erstmals gestückelt und öffentlich platziert wird. Bis dahin sind Schuldverschreibungen nur bei der vermögenden Kundschaft platziert worden, mit ihrer so genannten Partialobligation legen die Bethmanns den Grundstein für den heutigen Rentenmarkt.

Allein zwischen 1779 und 1818 bringt das Geldhaus gut 80 Emissionen unter. In diesen Jahren wird das Bankhaus geführt und entscheidend geprägt von jenem Simon Moritz der zweiten Generation, den sie in Frankfurt nur den Staatsrat nennen. Er bringt die Geschäfte in vielfältiger Weise voran, pflegt Kontakte zu den europäischen Höfen und bekleidet zahlreiche Ämter, etwa als Mitglied der Frankfurter Theaterverwaltung, Kommandant der Feuerwehr, Befehlshaber der freiwilligen Landwehr zu Pferde. Wegen seines diplomatischen Geschicks wird Simon Moritz auch der „Bankier Europas“ genannt. 1802 ernennt ihn Zar Alexander zum russischen Konsul, 1808 wird er in den erblichen österreichischen Ritterstand erhoben. 1812 schlägt – auf dem Rückzug aus Russland – Napoleon im Bethmannschen Haus sein Quartier auf. Wiewohl ungebetener Gast, wird er doch höflichst bewirtet.

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