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06.01.2010

18:14 Uhr

Defekte Bankkarten

Pannen-Banken droht Schadensersatz

VonHolger Alich, Hans G. Nagl, Yasmin Osman

Nach dem Ausfall von Millionen von Bankkarten zum Jahreswechsel macht sich bei den Betroffenen die Wut breit. Das Problem ist nicht nur für viele Kontoinhaber mit Unannehmlichkeiten verbunden, der Einzelhandel klagt bereits über Umsatzverluste. Von Schadensersatz ist jetzt die Rede – ein Schwarzer Peter, den die Institute gerne dem Chiphersteller zuschieben würden.

Defekte Bankkarten erzürnen nicht nur die Kontoinhaber. dpa

Defekte Bankkarten erzürnen nicht nur die Kontoinhaber.

PARIS/FRANKFURT. Politik, Einzelhandel und Verbraucherschützer nehmen nach den massenhaften Problemen bei Bankkarten die Kreditwirtschaft ins Visier. „Wir behalten uns Schadenersatzforderungen vor“, hieß es am Mittwoch unter anderem beim Kartendienstleister Telecash. Der Einzelhandel sprach von verärgerten Kunden und von Umsatzverlusten und drängt nun für künftige Pannen auf eine Schadenersatzregelung mit den Banken. Diese wiederum prüfen, wie sie den Lieferanten der defekten Karten, den französischen Konzern Gemalto, finanziell in die Pflicht nehmen können.

Indes warf der Bundesverband der Verbraucherzentralen den Instituten „verheerende Aufklärungsarbeit“ vor. Sie informierten die Öffentlichkeit nur scheibchenweise, sagte deren Finanzexperte Manfred Westphal. Die zuständige Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) kritisierte zudem mangelnde Sorgfalt.

Wegen eines fehlerhaften Sicherheitschips konnten in den ersten Tagen des Jahres rund 30 Mio. deutsche EC- und Kreditkarten nur teilweise oder gar nicht in Läden und an Geldautomaten eingesetzt werden. Ursache: Schwierigkeiten mit dem Lesen der Jahreszahl „2010“. Mehr als zwei Drittel des Plastikgeldes kommen von Sparkassen. Durch eine Umprogrammierung von Geldautomaten ist das Problem hierzulande zwar bereits weitgehend behoben, im Handel dürften die Probleme bis zum Wochenende teilweise andauern.

Für den Handel ist die Panne willkommene Gelegenheit, erneut auf grundsätzliche Schadenersatzregeln bei Zahlungsausfällen zu drängen. Es komme regelmäßig zu Ausfällen der Zahlungssysteme, die sich auf das Jahr gerechnet summierten, sagte HDE-Kartenexperte Ulrich Binnebößel. „Wir fordern Gespräche mit den Banken darüber, wie verhindert werden kann, dass der Handel bei Systemausfällen den Schaden trägt.“ Die Banken sollten entweder Notfallsysteme – zum Beispiel das elektronische Lastschriftsystem – akzeptieren oder aber eine Entschädigung für entgangene Umsätze. Die EC-Lastschrift ist für Händler billiger, da sie anders als bei Chipzahlungen den Banken dafür keine Gebühren zahlen müssen. Die Banken drängen dagegen auf eine Ablösung des Systems, das nicht mit den europäischen Lastschriftverfahren kompatibel ist.

Unterdessen wächst bei den Instituten die Bereitschaft, Haftungsfragen gegenüber dem Lieferanten Gemalto anzugehen. Zumal für Geldabhebungen und Einkäufe im Ausland nach wie vor eine Lösung aussteht. Ein Sprecher der Dachorganisation Zentraler Kreditausschuss (ZKA) sagte, man arbeite weiter daran, in Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien die Geldautomaten umzuprogrammieren. Wann es zu einer Lösung komme, sei aber offen. Der Austausch von Karten werde nur als letzte Möglichkeit ins Auge gefasst.

Experten halten dies aber zumindest für einen Teil der 30 Millionen Karten für unumgänglich. Kreditkarten beispielsweise funktionierten nach wie vor auch im Inland nicht, erklärte etwa Telecash. Sie müssten „wahrscheinlich durch die Herausgeber getauscht werden“. Insgesamt sind mindestens 3,5 Millionen Kreditkarten betroffen. Käme es zu einem Komplettaustausch, könnten Kosten von bis zu 300 Mio. Euro auflaufen. Auf die Frage nach generellen Schadenersatzansprüchen sagte der ZKA-Sprecher: „Sicher wird man am Ende des Tages die Frage stellen müssen, wer für Kosten aufkommt.“

Damit rückt Gemalto als Lieferant ins Rampenlicht. „Es ist zu früh, etwas dazu zu sagen“, wich Vorstandschef Olivier Piou im Handelsblatt-Interview hierzu aus. Derzeit versuche Gemalto das Problem dauerhaft zu lösen und dabei einen Austausch zu vermeiden. An der Börse gab die Gemalto-Aktie am Mittwoch wegen Sorgen über millionenschwere Schadenersatzforderungen über drei Prozent nach. Die Analysten von Natixis sprachen in einer Kurzstudie allerdings primär von einem Imageproblem.

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