Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.07.2012

14:04 Uhr

Deutsche-Bank-Affäre

Die Stunde des Aufsehers

VonGabor Steingart

Zwei Jahre lang dauert die Aufklärung der Zinsmanipulationen bei der Deutschen Bank nun schon. Ergebnis? Fehlanzeige. Auf Co-Chef Anshu Jain warten jetzt unangenehme Fragen. Sie kommen auch vom neuen Aufsichtsratschef.

Paul Achleitner: Der neue Aufsichtsratschef der Deutschen Bank kann handeln - oder das Thema der Politik überlassen. dpa

Paul Achleitner: Der neue Aufsichtsratschef der Deutschen Bank kann handeln - oder das Thema der Politik überlassen.

Dass in London viele Händler sitzen, die darauf abgerichtet sind, aus Stroh Gold zu spinnen, haben wir schon vorher gewusst. Man hat sich zwar gewundert, wie sich in den vergangenen 20 Jahren das Volumen der Devisengeschäfte versechsfachen und das Geschäft mit außerbörslich gehandelten Finanzderivaten verdreihundertfachen konnte, wo sich das Weltsozialprodukt zwischen 1990 und 2011 doch nur verdreifacht hatte. Man hat uns gesagt, das sei ein großes Geschäft. Vielleicht war es auch nur ein großer Irrtum.

Neu ist in jedem Fall, dass vor dem Spekulieren noch das Manipulieren kam. Die amtlichen Zinssätze waren nicht so amtlich, wie sie aussahen. Britische Banker haben auf "Anregung" der Bank of England den Zinssatz nach unten gepegelt, weil das die nervösen Märkte in den Monaten nach der Lehman-Pleite beruhigen sollte. Die Beteiligten bis hin zum Vorstandschef sind mittlerweile abgetreten. Britische Konservative und Liberale haben mit ihrem beherzten Vorgehen gegen die Führung der Barclays Bank der Demokratie einen Dienst erwiesen.

Libor-Manipulationen: Erste Festnahmen stehen im Zinsskandal kurz bevor

Libor-Manipulationen

Erste Festnahmen stehen bevor

Im Libor-Skandal könnte es offenbar zu ersten Verhaftungen kommen.

Dieser Dienst ist in Deutschland erst noch zu leisten. Konservative und Liberale in der Berliner Regierung überlegen derzeit, ob sie sich mit einer so mächtigen Institution wie der Deutschen Bank wirklich anlegen sollen. Doch auch für die größte Bank unseres Landes muss und wird am Ende gelten: Privateigentum ist nicht Privatangelegenheit.

Bricht Libor-Affäre Jain das Genick?

Video: Bricht Libor-Affäre Jain das Genick?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Zumal der Fall, in den das Londoner Investment-Banking der Deutschen Bank sich verwickelt hat, den Vergleich mit Barclays nicht zu scheuen braucht. Trader aus dem Geschäftsbereich des damaligen Investment-Banking-Chefs und heutigen Co-Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain haben von 2005 bis 2007 Zinssätze manipuliert, um ihre Handelsgewinne zu steigern.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Das kriminelle Treiben seiner Beschäftigten ist Jain nicht vorzuhalten. Aber als Chef der Täter muss er für zügige Aufklärung sorgen, was er bisher nicht getan hat. Warum dauerte es drei Jahre, bis die Machenschaften 2010 dann endlich entdeckt wurden? Wieso sind seither weitere zwei Jahre der internen Aufklärungsarbeit vergangen, ohne dass bis heute ein greifbares Ergebnis vorliegt. Kein Abschlussbericht. Kein Zwischenbericht. Kein Nichts. Wie verträgt sich das mit der Kultur des Investment-Banking, wo sonst alles auf Schnelligkeit angelegt ist, bis hin zum Hochfrequenzhandel?

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

pro-D

23.07.2012, 14:11 Uhr

das war schon 2001 so, kriminelle Machenschaften bei der Dt. Bank / Herr Ackeramnn

++++++++++++++++++
Juristisches Nachspiel für die Deutsche Bank

Der Großverkauf von Telekom-Aktien durch die Deutsche Bank hatte bereits ein juristisches Nachspiel. Ein Anleger hat nach dem rasanten Kurssturz der T- Aktie bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt Strafanzeige wegen Betrugs gegen die Bank gestellt.

Dies bestätigte sein Rechtsanwalt Hans-Joachim Wiebe gegenüber manager-magazin.de.

Die Frankfurter Strafverfolger konnten den Eingang der Anzeige zunächst aber noch nicht bestätigen. Die Deutsche Bank wollte sich dazu nicht äußern. Der Anleger hat nach Darstellung Wiebes am 6. August nach der Kaufempfehlung der Deutschen Bank T-Aktien gekauft und fühle sich nun getäuscht.

Ekel

23.07.2012, 14:13 Uhr

Was fuer ein absoluter Quarkartikel. Voller bodenlosen Behauptungen und Generalisierungen.
Beispiel:"Der neue Aufsichtsratschef Paul Achleitner hat die Wahl, ob er sich an die Spitze der Aufklärer setzt oder ob er dieses Feld - wie seine Kollegen von der Barclays Bank es taten - der Politik überlassen will."
Barclays hat sich bei der Aufklaerung vollstaendig beteiligt weswegen es bei Barclays ans Licht kam.
Das HB verkommt zu einer Bild.

MW65719

23.07.2012, 14:36 Uhr

@pro-D:
Ach, jetzt wissen wir wo Ihr Hass auf die Deutsche Bank herkommt.
Sie haben sich mit Telekom-Aktien verspekuliert und die böse Deutsche Bank hat Ihnen nicht verboten, dieses Geschäft durchzuführen - hat sogar womöglich die damals landläufige (im Nachhinein hat sich das als falsch herausgestellt) Meinung vertreten, dass man mit Telekom-Aktien nicht viel falsch machen kann. Dumm, dass Ihr Bankberater damals seine Kristallkugel in der Werkstatt hatte.
Na hoffen wir mal, dss ihre jetzige Bank Ihne auch verboten hat, übr sie Facebook-Aktien zu kaufen.

Bezeichnend übrigens, dass Sie hier zwar zitieren, dass ein Anleger (Sie?) Strafanzeige gegen die Deutsche Bank gestellt hat (dass kann erst einmal jeder gegen jeden). Aber da das ja schon 2001 passiert ist, wird dieser Fall ja wohl schon abgeschlossen sein. Wie war denn das Ergebnis? Von der Staatsanwaltschaft schon mangels Stichhaltigkeit eingestellt? Oder gab es sogar ein Verfahren und die Unschuld der Bank wurde festgestelt?
Wenn es ein Urteil gegen die Bank gegeben hätte, hätten Sie ja das hier breitgetreten und nicht die Anzeige.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×