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25.02.2016

08:22 Uhr

Deutsche Bank

Auch die „Titanic“ galt als unsinkbar

VonMark Schieritz, Arne Storn
Quelle:Zeit Online

Teure Gerichtsverfahren, zu hohe Kosten und sinkende Einnahmen – die Deutsche Bank ist in eine bedenklich Schieflage geraten. Mittlerweile macht ein Horrorszenario die Runde: Was passiert, wenn die Deutsche Bank fällt?

Der größte Bank des Landes hat erhebliche Probleme. AFP; Files; Francois Guillot

Deutsche Bank in der Schieflage

Der größte Bank des Landes hat erhebliche Probleme.

Die Probleme der Deutschen Bank tauchen in keinem Redemanuskript eines Mitglieds der Bundesregierung auf. Sie sind weder Gegenstand eines Positionspapiers, noch hat sich ein Beamter hingesetzt, um dazu eine Vorlage für seinen Minister zu erarbeiten. Und doch gibt es im Bundesfinanzministerium, in der Bundesbank und in der Finanzaufsicht inzwischen Leute, die über das bislang Undenkbare nachdenken: den Zusammenbruch des größten deutschen Kreditinstituts.

Millionen Bundesbürger haben der Deutschen Bank ihre Ersparnisse anvertraut, zahllose Unternehmen unterhalten Geschäftsbeziehungen mit ihr. Das Bilanzvolumen des Frankfurter Geldgiganten entspricht mehr als dem Fünffachen des Bundeshaushalts. Ein Ende der Deutschen Bank wäre der größte anzunehmende Unfall für die deutsche Wirtschaft. Und weil schon Gerüchte über eine mögliche Schieflage die Nervosität an den angespannten Finanzmärkten verstärken würden, ist ein solches Szenario offiziell in Berlin kein Thema. Niemand will sich vorwerfen lassen, die Spekulation noch anzuheizen.

Das bedeutet aber nicht, dass man sich insgeheim nicht damit befassen würde. Seit den dramatischen Kurseinbrüchen der vorvergangenen Woche – die Aktie fiel allein am Anfang fast zehn Prozent und war so billig wie seit Jahrzehnten nicht – hat die Bank den Status der Unverwundbarkeit verloren. Wer seine Kredite an das Institut absichern wollte, musste eine weit höhere Prämie bezahlen als bis vor Kurzem. Zeitweise wurde sogar öffentlich diskutiert, ob die Bank genug Geld übrighat, um alle Zinsen auf einige Anleihen zu bezahlen.

Juristische Baustellen der Deutschen Bank

Die Skandalbank

Zahlreiche Skandale haben den Ruf der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren beschädigt. Das Institut musste für frühere Verfehlungen seit 2012 bereits rund zwölf Milliarden Euro zahlen, und die Liste der offenen Rechtsstreitigkeiten ist noch lang. Der neue Konzern-Chef John Cryan stellt sich darauf ein, dass die juristischen Altlasten die Bank noch lange beschäftigten werden. Derzeit hat die Bank dafür 4,8 Milliarden Euro zur Seite gelegt. Ein Überblick über die bedrohlichsten Fälle:

Russland

In der Moskauer Handelssparte soll es bis vor kurzem unsaubere Geschäfte gegeben haben. Die Ermittlungen könnten große Sprengkraft haben. So haben US-Behörden laut „Financial Times“ ihre Untersuchungen ausgeweitet und gehen nun auch dem Verdacht auf Verstöße gegen die aktuellen politischen Sanktionen nach. Bislang ging es vor allem um mögliche Geldwäsche. Das Gesamtvolumen verdächtiger Geschäfte soll bei sechs Milliarden Dollar liegen. Die Bank hat in diesem Zusammenhang einige Mitarbeiter suspendiert.

Embargos

Die USA gingen bei Sanktionsvergehen zuletzt wenig zimperlich mit Finanzkonzernen um. Die BNP Paribas bekam für Verstöße gegen US-Sanktionen bei Geschäften mit Staaten wie dem Iran eine Zahlung von umgerechnet knapp neun Milliarden Dollar aufgebrummt. Die Deutsche Bank wartet wegen ähnlicher Vorwürfe noch auf einen Einigung mit den US-Behörden.

Hypotheken

Die US-Behörden gehen wegen krummer Hypothekengeschäfte aus Zeiten vor der Finanzkrise weiter hart gegen Banken vor. Während die US-Institute inzwischen den größten Teil der Verfahren gegen hohe Milliardenzahlungen ausräumen konnten, laufen die Ermittlungen zur Rolle der Deutschen Bank noch.

Libor und Euribor

Über Jahre manipulierten Mitarbeiter mehrerer Großbanken die wichtigen Referenzzinsen für das Geldgeschäft der Banken untereinander. Auch einige Deutsche-Bank-Mitarbeiter machten mit. Ende 2013 brummte die EU-Kommission dem deutschen Branchenprimus deshalb eine Strafe von 725 Millionen Euro auf. Im April 2015 legten die Behörden in den USA und Großbritannien nach: Dort muss die Bank die Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zahlen. Es laufen noch Zivilverfahren, bei denen Unternehmen und Privatleuten Schadenersatz durchsetzen wollen.

Devisen und Rohstoffe

Weltweit laufen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Manipulationen wichtiger Kennzahlen - von Devisenkursen bis hin zu Preisen von Gold und Silber. Zu diesen Themen sind in den USA Sammelklagen anhängig, in denen auch die Deutsche Bank Beklagte ist.

Kirch

Die im Februar 2014 vereinbarte 925-Millionen-Euro-Zahlung an die Kirch-Erben sollte das Kapitel um die Mitverantwortung der Bank für die Pleite des Medienkonzerns 2002 endlich abschließen. Doch die Münchner Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen Co-Chef Jürgen Fitschen und vier ehemalige Topmanager des Frankfurter Geldhauses. Sie wirft den Bankern versuchten Prozessbetrug vor: Die Manager sollen im Zivilverfahren um Kirchs Schadenersatzforderungen versucht haben, die Richter zu täuschen, um Zahlungen der Bank zu verhindern. Die Angeklagten bestreiten dies, seit Ende April läuft der Prozess.

Für das Institut markiert die vergangene Woche damit einen Wendepunkt. Eine Pleite der Deutschen Bank galt an den Finanzmärkten bisher als genauso unwahrscheinlich wie eine Pleite der Bundesrepublik Deutschland. Deutsche never fails – die Deutsche Bank gehe niemals unter, hieß es jahrelang in den Handelsräumen der Welt. Das Institut konnte sich dank dieses Vertrauensvorschusses selbst auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise mit frischem Geld versorgen.

Nun sah sich der neue Bankchef John Cryan auf einmal gezwungen, den Anlegern zu versichern, sein Haus sei „absolut grundsolide“. Sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble musste dem Institut öffentlich das Vertrauen aussprechen. Um nervöse Anleger zu beruhigen, kauft die Bank für knapp fünf Milliarden Euro Anleihen zurück – eine Demonstration der Stärke, die aber flüssige Mittel in großem Umfang bindet.

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