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10.09.2015

21:55 Uhr

Deutsche-Bank-Aufsichtsrat tagt

„Salamitaktik“ statt großem Wurf

In einem Ruck aufräumen und Altlasten auskehren wird John Cryan, neuer Deutsche-Bank-Vorstandschef, wohl nicht. Nur Stück für Stück werde er den Umbau des Frankfurter Geldhauses vorantreiben. Zu viele Gefahren lauern.

Vorstandschef der Deutschen Bank, John Cryan, wird am Freitag und Samstag zum ersten Mal in seiner neuen Position dem Aufsichtsrat Rede und Antwort stehen. AFP

John Cryan

Vorstandschef der Deutschen Bank, John Cryan, wird am Freitag und Samstag zum ersten Mal in seiner neuen Position dem Aufsichtsrat Rede und Antwort stehen.

FrankfurtDer von vielen ersehnte „große Wurf“ ist nicht zu erwarten. Der neue Deutsche-Bank-Vorstandschef John Cryan werde dem Aufsichtsrat eher eine Art „Salamitaktik“ für den Umbau des größten deutschen Geldhauses präsentieren, wenn er dem Gremium am Freitag und Samstag zum ersten Mal in neuer Rolle Rede und Antwort steht. Das geht aus Gesprächen von Reuters mit mehreren Beteiligten an der dreitägigen Klausursitzung des Aufsichtsrats hervor. Dieser trifft sich seit Donnerstagabend im Golf-Hotel Margarethenhof, hoch über dem Tegernsee, zu Beratungen. „Ich erwarte, dass Klartext geredet wird“, hatte ein Mitglied des Gremiums vor der Abfahrt nach Bayern gesagt.

Klausurtagung der Deutschen Bank: Klartext am Tegernsee

Klausurtagung der Deutschen Bank

Klartext am Tegernsee

Die Aufsichtsräte der Deutschen Bank treffen sich Donnerstag zu einer dreitägigen Klausurtagung. Von Co-Vorstandschef John Cryan werden klare Worte erwartet – beim Geldhaus gibt es viele offene Baustellen.

Vor einem Jahr saß Cryan noch selbst im Aufsichtsrat, erst Anfang Juli hatte er Anshu Jain als Co-Vorstandschef abgelöst. Neue Vorstandschefs wie er nutzen die Gelegenheit gern, erst einmal aufzuräumen und Altlasten auszukehren. Doch Cryan sind hier die Hände gebunden, wie Vertraute Reuters sagten. Denn ein Ausverkauf der Eigenkapital fressenden Derivate könnte zu einem Milliardenverlust führen. Doch den will Cryan vermeiden, nicht zuletzt weil er damit das Top-Management verschrecken würde, das er für den Umbau bei der Stange halten muss. Denn die Banker liefen sonst Gefahr, bei einem Verlust nachträglich ihre Boni zurückgeben zu müssen.

Zudem drohen dem Institut ohnehin noch Verluste aus den juristischen Altlasten: Analysten schätzen, dass noch drei Milliarden Euro an Vergleichszahlungen und Strafen fällig werden, ehe die zahllosen Rechtsstreitigkeiten beigelegt sind.

Daher sei eher zu erwarten, dass Cryan den Spagat versucht, die Bilanz sachte zu säubern, ohne dass der Bank die Gewinne allzu sehr verhagelt, und trotzdem den Umbau voranzutreiben. An erster Stelle stehe ein beschleunigter Abbau der Positionen in der internen „Bad Bank“.

Bafin-Report zu Libor-Manipulationen: Manager in der Kritik

Anshu Jain – Kultur der Profitmaximierung

Mit dem Ex-Vorstandschef geht die Bafin besonders hart ins Gericht. Wegen der langen Liste der Vorwürfe werten die Aufseher seine Verfehlungen als "ernst". Sie seien ein Beweis für mangelhaftes Management und mangelhafte Organisation des Geschäfts. Die Bafin wirft Jain unter anderem vor, dass er durch eine Reorganisation des Devisen- und Geldhandels die Manipulationen erst möglich gemacht habe. Außerdem habe Jain eine Kultur geschaffen, bei der es vor allem auf die Maximierung der Gewinne ankam.

Alan Cloete – Verdacht der Mitwisserschaft

Alan Cloete zählt nicht nur zu den engen Vertrauten Anshu Jains - er war auch für den Währungshandel verantwortlich, jenen Bereich, in dem die Libor-Manipulationen vorkamen. Die Bafin sieht Cloete als einen der Hauptverantwortlichen für die Defizite, die die Libor-Manipulationen erst möglich gemacht haben. Außerdem hegen die Aufseher den Verdacht, dass Cloete bereits vor 2011 - als der Skandal offiziell ans Licht kam - von den versuchten Zinsfälschungen wusste. Es ist bereits klar, dass Cloete die Bank verlassen wird.

Michael Faissola – Reformen versäumt

Die Bafin kritisiert Michele Faissola vor allem dafür, dass er keine Untersuchung der Libor-Festsetzung bei der Deutschen Bank eingeleitet hat, obwohl bereits 2008 in den Medien über mögliche Manipulationen berichtet worden war. Außerdem habe der Vertraute von Ex-Vorstandschef Anshu Jain es versäumt, den Bereich umzubauen, um mögliche Manipulationen zu verhindern. Insgesamt sei das Fehlverhalten des heutigen Chefs der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank als ernst einzustufen, heißt es in dem Bericht.

Stephan Leithner – Fehler bei der Aufklärung

In ihrem Bericht betont die Bafin, dass Ex-Rechtsvorstand Stephan Leithner nicht für die Manipulationen der Händler verantwortlich gemacht werden könne. Allerdings müsse der heutige Personalvorstand sich die Defizite bei der internen Untersuchung der Manipulationen zurechnen lassen. Außerdem bestehe der Verdacht, dass Leithner gegenüber der Prüfungsgesellschaft EY nicht die volle Wahrheit gesagt habe. Insgesamt wertet die Bafin die Vorwürfe als weniger ernst als die Erleichterung der Manipulationen selbst.

Stefan Krause – Versäumnisse bei der Untersuchung

Heute ist Stefan Krause als Vorstand für den Zahlungsverkehr, die Postbank und die Abwicklungseinheit der Deutschen Bank zuständig. Doch von 2009 bis Ende 2010 war er für die Konzernrevision verantwortlich. Deshalb wirft ihm die Bafin "ziemlich ernste" Versäumnisse bei der Untersuchung des Libor-Skandals vor. Außerdem habe er es versäumt, die nötigen Reformen einzuführen. Aber die Aufseher halten ihm zugute, dass er anders als andere Topmanager die Manipulationen durch sein Verhalten nicht erleichtert habe.

Von den weltumspannenden Ambitionen der Deutschen Bank wird sich Cryan wohl verabschieden: Europa, die Vereinigten Staaten und Asien seien die Regionen, auf die man sich konzentrieren will, sagen Insider. Das Privatkundengeschäft in Italien steht also nicht zur Disposition, aber Töchter in Südamerika und in Afrika - sowie in Russland, wo die Deutsche Bank derzeit mit dem Verdacht kämpft, in einen milliardenschweren Geldwäsche-Skandal verwickelt zu sein. Bereits beschlossen ist laut einem Insider der Rückzug aus sechs Ländern, in denen die Deutsche Bank keine große Rolle spielt: Finnland, Dänemark, Norwegen, Malta, Peru und Neuseeland.

Ein Deutsche-Bank-Sprecher wollte sich am Donnerstag nicht zu den Beratungen äußern. Ergebnisse von Cryans Überprüfung der Strategie seien bis Ende Oktober zu erwarten.

Von

rtr

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