Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.09.2011

11:53 Uhr

Deutsche-Bank-Chef

Finanzmärkte bereiten Ackermann Albträume

VonPeter Köhler, Michael Brächer

Ist die Lage an den Märkten schon wieder so heikel wie nach der Pleite von Lehman Brothers? Deutsche-Bank-Chef Ackermann fordert härtere Reformen der Kreditindustrie um das Vertrauen zurückzugewinnen.

Der Mahner: Deutsche-Bank Chef Josef Ackermann fordert mehr Reformen. Reuters

Der Mahner: Deutsche-Bank Chef Josef Ackermann fordert mehr Reformen.

FrankfurtDer Ballsaal des Frankfurter Marriot-Hotels ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Aufmerksam lauschen die Gäste dem ersten Redner der Handelsblatt-Jahrestagung „Banken im Umbruch“, Josef Ackermann. In einer Wirtschaftswelt, deren Grundfeste erschüttert wurden, erhoffen sie sich von ihm Antworten auf die großen Fragen der Finanzkrise.

Und der einflussreichste Bankmanager in Deutschland spricht Klartext: Die heftigen Kursstürze von Banken und Finanzwerten erinnern den Chef der Deutschen Bank an den Herbst 2008. Damals war die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers in eine tiefe Rezession gestürzt. „Seit Jahresbeginn haben manche europäische Banken sogar ein Drittel und mehr ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt“, sagt Josef Ackermann, bei den meisten Instituten liege die Bewertung „unterhalb oder bestenfalls beim Buchwert“. Er sagt, die „neue Normalität“ der Finanzbranche sei von Schwankungen und Unsicherheit geprägt. In das Bild passten die starken Ausschläge an den Märkten für Staatsanleihen, auch in Deutschland und den USA. Selbst der Aufwärtstrend des Goldpreises verlaufe nicht stetig.

Der europäische Bankensektor sei jedoch im Vergleich zu 2008, als der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die Branche und die Märkte erschütterte, heute deutlich besser kapitalisiert und weniger von kurzfristiger Liquidität abhängig, betonte der Chef der Deutschen Bank. Außerdem hätten die Banken weniger toxische Aktiva in ihren Bilanzen, und das Risikomanagement habe sich verbessert.

Ackermann prophezeit der Bankenbranche trotzdem harte Jahre. „Den Marktakteuren sind gewissermaßen ihre mentalen Modelle abhanden gekommen.“ Und er räumt ein: „Wir als Finanzindustrie haben noch keine wirklich überzeugenden Antworten auf die Fragen der Finanzkrise anzubieten.“ Die Aussichten für das zukünftige Wachstum der Erträge seien „eher verhalten“. Viele Länder und Privathaushalte müssten ihre Verschuldung abbauen und das Hypothekengeschäft oder die Konsumentenkredite fielen bis auf weiteres als Wachstumstreiber aus. Hinzu komme die schrumpfende Bevölkerung in einigen Staaten Europas, was sich negativ auf das Wachstum der Kreditmärkte auswirke.

"Die aktuelle Krise wird uns noch lange begleiten"

Video: "Die aktuelle Krise wird uns noch lange begleiten"

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

„Die Aussichten der europäischen Banken sind von daher in ihrer Heimatregion nicht gerade rosig“, sagt Ackermann, es sei denn, die Institute könnten der Entwicklung durch Marktanteilsgewinne entgegen wirken oder sie überkompensieren. Nehme man die drei großen Belastungsfaktoren – Schuldenkrise, die genannten Strukturfaktoren und die Regulierung – zusammen, dann werde es für die europäischen Banken insgesamt schwer werden,  ihre Erträge zu steigern.

Er antwortet auch auf Fragen zu einem möglichen Stellenabbau bei der Deutschen Bank: „Ein Kostensenkungsprogramm sehen wir im Moment nicht, weil wir uns gut vorbereitet haben auf schwere Zeiten.“ Natürlich verfolge die Bank die Lage an den Märkten genau. Sollte sich zeigen, dass die Aussichten im Investment-Banking dauerhaft schwieriger würden und der September und Oktober ähnlich schlecht liefen wie der August, werde das Institut darüber nachdenken müsssen. „Im Moment sehen wir aber noch nicht, dass sich der August fortsetzen muss.“

Kommentare (48)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Joeys

05.09.2011, 10:42 Uhr

Vielleicht wechselt Herr Dr. Ackermann doch nicht nach der HV 2012 in den Aufsichtsrat, sondern verlängert seinen Vertrag nochmals um weitere 3 Jahre.

Account gelöscht!

05.09.2011, 10:53 Uhr

Eine messerscharfe Analyse! Woher weiß er das bloß alles? Der Mann gehört zu Recht zu den Spitzenverdienern: http://www.focus.de/finanzen/boerse/aktien/deutsche-bank-josef-ackermann-steigert-gehalt-um-580-prozent_aid_490054.html

Account gelöscht!

05.09.2011, 11:13 Uhr

Hört sich ganz vernünftig an, was "Joe" Ackermann da sagt.

Für mich ist allerdings die Kernfrage, auf die ich nicht nur nirgends (weder links noch rechts) eine Antwort gefunden, sondern habe, sondern die anscheinend auch niemand präzise stellt:
Wieso ist es überhaupt möglich, dass der Finanzsektor die Realwirtschaft derart überwuchert? Wo kommen die Gewinne her?
Ganz generell sehe ich -3- Alternativen (ggf. auch kumuliert):
- aus der Realwirtschaft (d. h. Anleger ziehen immer mehr Geld dort raus und stecken es in die Finanzmärkte, wobei die "Gewinne" einfach Scheingewinne aus dem "frischen" Geld sind
- aus der ständig vermehrten Geldzufuhr durch die Zentralbanken und schließlich
- (eine Möglichkeit, die nirgends erörtert wird) buchhalterische Scheingewinne (durch mark-to-market-Bewertungen, durch unterschiedliche Bewertungen bei den einzelnen Transaktionsparteien - indem z. B. CDS' bei Käufern + Verkäufern mit unterschiedlichen Gewinn-/Verlustbeträgen verbucht werden - sowie evtl. auch durch Zeitdifferenzen bei den Buchungen im Finanzsystem insgesamt. Ich halte es sogar für denkbar, dass solche Mechanismen die Zentralbanken zwingen, diese Scheingewinne mit immer mehr "richtigem" Geld zu unterlegen; die Notenbanken wären also mehr Getriebene als Akteure.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×