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02.02.2017

10:13 Uhr

Deutsche-Bank-Chef John Cryan

„Wir möchten uns entschuldigen“

VonMichael Maisch

Die Sünden der Vergangenheit hinterlassen tiefere Spuren als erwartet in der Bilanz: Die Deutsche Bank schreibt 1,4 Milliarden Euro Verlust. Bankchef John Cryan zeigt Reue und verspricht: 2017 soll alles besser werden.

Mega-Verlust in 2016

Cryan „Wir konnten Rechtsstreite beilegen und das gibt uns Rückenwind“

Mega-Verlust in 2016: Cryan „Wir konnten Rechtsstreite beilegen und das gibt uns Rückenwind“

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FrankfurtDeutschlands noch immer mächtigstes Geldhaus muss seinen Anlegern erneut einen Milliardenverlust melden. Das Jahr 2016 schließt die Bank unter dem Strich mit einem Minus von 1,4 Milliarden Euro ab und enttäuscht damit die Erwartungen der Experten. Gleichzeitig fielen die Einnahmen um zehn Prozent auf 30 Milliarden Euro. Analysten hatten im Schnitt mit einem Verlust von 910 Millionen Euro gerechnet. 2015 hatte allerdings wegen des laufenden Konzernumbaus noch ein Rekordverlust von fast sieben Milliarden Euro zu Buche gestanden.

2,4 Milliarden Euro kosteten die Skandale der Vergangenheit die Deutsche Bank allein im vergangenen Jahr , und die Bank muss noch einmal mehr Geld für Rechtsrisiken zurücklegen. Mittlerweile türmen sich Rückstellungen für die juristischen Altlasten auf über sieben Milliarden Euro. Dafür entschuldigte sich Vorstandschef John Cryan auf der Jahrespressekonferenz der Bank ausdrücklich.

„Ich möchte das zum Anlass nehmen, um im Namen des Vorstands der Deutschen Bank unser tiefes Bedauern auszudrücken, für das was geschehen ist. Wir möchten uns dafür entschuldigen. Es wurden schwerwiegende Fehler gemacht. Das betrifft zum Beispiel die Hypothekengeschäfte auf dem US-Markt in den Jahren von 2005 bis 2007, zu denen wir uns erst kürzlich mit dem dortigen Justizministerium geeinigt haben. Das damalige Verhalten entsprach nicht unseren Standards und war völlig unakzeptabel. Das gilt leider auch für andere Fälle.“

Ausgewählte Rechtsstreitigkeiten der Deutschen Bank

Immobilien-Wertpapiere

Einen der größten juristischen Streitfälle konnte die Deutsche Bank Anfang Januar 2017 endgültig beilegen. Für umstrittene Geschäfte mit Hypotheken-Wertpapieren zahlt sie insgesamt 7,2 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden als Bußgeld und 4,1 Milliarden in Form von Entschädigungen an Verbraucher). Darauf verständigte sich die Bank bereits kurz vor Weihnachten 2016 mit dem US-Justizministerium.

Geldwäsche in Russland

Im Juni 2015 war bekannt geworden, dass Ermittler rund um den Globus dem Verdacht nachgehen, russische Kunden könnten über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. Die Bank hatte versprochen, zur Aufarbeitung der Affäre mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Mehrere Mitarbeiter in der Moskauer Niederlassung wurden deshalb vor die Tür gesetzt, darunter auch der ehemalige Chef-Händler in Russland, Tim Wiswell.

Das US-Justizministerium und die Finanzbehörde von New York (DFS) prüften auch, ob die Bank gegen Sanktionen verstoßen hat. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden und ob die Bank intern geeignete Vorkehrungen getroffen hat, um solche Verstöße zu verhindern.

Ende Januar 2017 dann die Teileinigung: Mit Aufsichtsbehörden in New York und London handelte John Cryan eine Strafe von insgesamt knapp 600 Millionen Euro aus. Deutschlands größtes Geldhaus kommt damit zunächst glimpflicher davon als befürchtet. Die DFS kassiert umgerechnet 397 Millionen Euro, die britische Finanzaufsicht FCA 190 Millionen. Die Einigung mit dem US-Justizministerium steht noch aus.

CO2

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Bank wegen des Verdachts der Umsatzsteuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Betrug mit CO2-Verschmutzungsrechten. Rund 500 bewaffnete Polizisten und Steuerfahnder hatten deshalb Ende 2012 den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros durchsucht. Ex-Co-Chef Fitschen und der langjährige Finanzvorstand Stefan Krause gehörten zu ursprünglich 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Denn Fitschen und Krause hatten die auf dem CO2-Betrug basierende Steuererklärung unterzeichnet. Im August 2015 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schließlich gegen acht beteiligte Kundenbetreuer und Händler der Deutschen Bank Anklage wegen „bandenmäßiger Steuerhinterziehung“. Im Juni 2016 verurteilte das Frankfurter Landgericht sechs ehemalige Beschäftigte der Deutschen Bank, weil sie die millionenschweren Steuerbetrügereien ermöglicht hatten.

Devisen und Derivate

Aufseher, darunter auch die Bafin, gehen dem Verdacht nach, dass Banken am billionenschweren Devisenmarkt ebenfalls getrickst haben. Einige internationale Großbanken haben in der Sache bereits milliardenschwere Vergleiche geschlossen. Die Deutsche Bank als einer der größten Devisenhändler der Welt allerdings noch nicht.

Sie hat Finanzkreisen zufolge aber mehrere Händler vom Dienst suspendiert. Sie stehen offenbar im Verdacht, an Referenzkursen gedreht zu haben. Die Bank ist beklagte in drei Sammelklagen in den USA und zwei kanadischen Sammelklagen, die im September 2015 erhoben wurden. Die Deutsche Bank hat erklärt, dass sie zur Aufklärung des Skandals mit verschiedenen Aufsichtsbehörden zusammenarbeitet und zudem eine interne Untersuchung gestartet hat. Diese Untersuchung ergab nach Angaben aus Finanzkreisen, dass es bislang keinerlei Hinweise auf Tricksereien bei den großen Währungen Euro, Dollar, Pfund und Yen gibt, wohl aber vereinzelt beim russischen Rubel und dem argentinischen Peso.

Vom Haken sind die Frankfurter aber nicht: In der US-Niederlassung der Bank installierte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Kontrolleur, der sich Finanzkreisen zufolge nun schon seit einigen Monaten das elektronische Devisenhandelssystem genauer anschaut. Demnach sind Algorithmen der Plattform „Autobahn“ Teil der Ermittlungen. Amerikanische und deutsche Aufseher gehen zudem dem Verdacht nach, dass Geldhäuser den viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Die Deutsche Bank hat für Zinsswap-Manipulationen bereits 50 Millionen US-Dollar zahlen müssen.

US-Sanktionen

Schon länger steht die Deutsche Bank im Verdacht, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen Länder wie den Iran verhängt haben. Für die Missachtung von Sanktionen zahlte das Geldhaus im November 2015 bereits 260 Millionen US-Dollar. Die Bank hatte betont, sie habe sich bereits 2007 aus Iran-Geschäften zurückgezogen. Auch andere Finanzinstitute mussten für Vergleiche in der Sache bereits tief in die Tasche greifen: Die französische BNP Paribas zahlte knapp neun Milliarden Dollar, die Commerzbank 1,45 Milliarden Dollar.

US-Steuerstreit

Das US-Justizministerium ermittelt seit mehr als fünf Jahren gegen Finanzinstitute in der Schweiz wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Am Haken haben die Behörden seit 2013 auch die Deutsche Bank. Deren Schweizer Tochter erstatte Selbstanzeige. Finanzkreisen zufolge hat sich die Deutsche Bank bei den US-Behörden gemeldet, weil sie den Verdacht hegte, einige US-Kunden könnten ihr Vermögen in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus versteckt haben. Seither würden Daten an die USA geliefert und Anfragen beantwortet. Eine Strafzahlung könne die Bank damit aber wohl nicht abwenden, sondern nur auf einen Rabatt hoffen. Eine Entscheidung steht noch aus. Das Bußgeld kann sich auf bis zu 50 Prozent der versteckten Gelder belaufen. Bereits im Dezember 2010 hatte die Deutsche Bank 550 Millionen US-Dollar Strafzahlungen für Beihilfe zur Steuerhinterziehung zahlen müssen.

Zinsskandal

Wegen der Manipulation wichtiger Referenzzinssätze wie Euribor und Libor musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte bereits Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro (990 Millionen US-Dollar) der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf, davon 2,175 Milliarden US-Dollar in den USA und 226,8 Millionen in Großbritannien.

Diese Beträge wurden bis auf 150 Millionen US-Dollar vollständig gezahlt, ein Urteil zu dem ausstehenden Betrag wird für den 7. Oktober 2016 erwartet. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer 2015 sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem Bafin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.

Mit vier mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt, der ebenfalls Geld kostete. Ob das Zinskapitel wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.

Der Hauptgrund für den neuerlichen Fehlbetrag ist der milliardenschwere Hypothekenvergleich in den USA. Vor Steuern belief sich das Minus auf deutlich niedrigere 0,8 Milliarden Euro. Allerdings schlugen sich im Ergebnis auch die Turbulenzen im Oktober nieder, als sich die Bank sogar gegen Gerüchte über eine mögliche Staatsrettung wehren musste. Im vierten Quartal stand am Ende ein Nettoverlust von 1,9 Milliarden Euro zu Buche. Darin enthalten sind 1,6 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten und eine Abschreibung von 2,9 Milliarden Euro, die durch den Verkauf des Versicherers Abbey Life nötig wurde. Zusätzlich belastet wurde das Jahresergebnis durch einen Anstieg der Vorsorge für faule Kredite um 30 Prozent, dahinter stecken vor allem höhere Rechtsrisiken.

Trotz der schwächer als erwarteten Zahlen, versucht Vorstandschef John Cryan auch, eine positive Botschaft zu vermitteln: Die Bank komme bei der Sanierung gut voran. „Unsere Ergebnisse des Jahres 2016 spiegeln sowohl den konsequenten Umbau der Bank als auch die Marktturbulenzen rund um unser Haus wider. In einem besonders schwierigen Jahr haben wir bewiesen, wie widerstandsfähig wir sind“, betonte der Brite.

Wie sehr die Vertrauenskrise im Herbst die Bank belastet hat, zeigt sich in den Zahlen für den Wertpapierhandel, der mit 9,3 Milliarden Euro noch immer die wichtigste Einnahmequelle der Bank. Im vierten Quartal gingen die Erträge allerdings um drei Prozent auf 1,46 Milliarden Euro zurück, während die US-Konkurrenz von der Aufregung an den Märkten nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten profitierte. Am Ende des Jahres machte der Wertpapierhandel nur einen Minigewinn von 16 Millionen Euro.

Auf Hinweise zur neuen Strategie warteten die Investoren in der Mitteilung der Bank vergebens. Hier müssen sich die Anleger wohl noch bis zum Frühjahr gedulden. Nicht nur Cryan, sondern auch die Investoren werden 2016 erneut als Krisenjahr abstempeln. Im Frühjahr und im Herbst musste die Bank gleich zwei Vertrauenskrisen überstehen. Anfang Oktober sackte der Kurs auf ein historisches Tief von 9,90 Euro, hat sich inzwischen aber beinahe wieder verdoppelt. Kurz nach Börseneröffnung am Donnerstagmorgen notierten die Titel allerdings 2,5 Prozent im Minus bei 18,70 Euro. Am Mittwoch war die Aktie mit einem Plus von 4,3 Prozent bei 19,18 aus dem Frankfurter Handel gegangen.

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Die Deutsche Bank stellt ihren Aktionären ein neues Bonussystem für das Topmanagement vor. Auf der Hauptversammlung 2016 hatten die Anteilseigner das aktuelle abgelehnt. Jetzt will Chefaufseher Achleitner liefern.

Nach turbulenten zwölf Monaten will die Deutsche Bank ihren Blick nun mehr nach vorne richten und sich auf ihre neue Strategie konzentrieren. Im Interview mit dem Handelsblatt kündigte Privat- und Firmenkundenchef Christian Sewing für 2017 die Wende an: „Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder nachhaltig profitabel werden“.

In ihrer Mitteilung zu den Jahreszahlen spricht die Bank von einem starken Start ins neue Jahr, quer durch alle Geschäftsfelder und hofft dass sich der Trend in den kommenden Monaten fortsetzt. Allerdings warnt die Bank auch, dass 2017 erneut von Altlasten überschattet werden wird. Die Analysten sagen für dieses Jahr im Schnitt einen Gewinn von rund 770 Millionen Euro voraus.

Schon früh im vergangenen Jahr hatte Cryan angekündigt, dass die Bank keine Dividende ausschütten werde, und dem Geldhaus eine Radikalkur verordnet. Weltweit wollen die Frankfurter bis 2018 unter dem Strich 9.000 Arbeitsplätze abbauen. Aus zehn Auslandsmärkten und einigen Geschäften im Investmentbanking zieht sich die Deutsche Bank ganz zurück. Im Inland schrumpft die Zahl der Filialen von 723 auf 535, der größte Teil der Schließungen soll bis Ende des ersten Halbjahres 2017 erledigt sein.

All diese Maßnahmen sollen dazu beitragen die Bank effizienter zu machen, 2016 sanken die Kosten um sechs Prozent auf 24,7 Milliarden Euro. Weil aber gleichzeitig auch die Erträge zurückgingen, musste die Bank 98 Cents ausgeben, um einen Euro einzunehmen. Bis Ende 2018 will Cryan den Kostenblock auf 22 Milliarden Euro senken. Die hohen Kosten zählen Analysten nach wie vor zu den vordringlichen Problemen der Bank.

Kommentare (16)

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Herr Tomas Maidan

02.02.2017, 09:57 Uhr

Na, schön zu hören, werter, eloquenter Mark Hoffmann, dass Sie kein Social-Bot sind. Alles Gute bei ihrer persönlichen Job- und politischen Heimatsuche! Wir werden sehen, was Trump für die amerikanischen Arbeiter bringt. Von Putins Katastrophenland wollen wir lieber schweigen. Da tut sich garantiert nichts mehr ausser Propaganda, Korruption und Auslandseinsätze des Militärs.

Aber zum Thema: Wenn Ihnen die weltweiten Eliten so verhasst sind, und ihre Hoffnung bei Trump und Putin ruht, wie beurteilen Sie denn dann diesen Artikel? Die Verbindung aus deutscher Hochfinanz mit russischen Geldwäschern - dazu der Umstand, dass auch der US-Präsident ein gewichtiger KUNDE der Deutschen Bank ist ... Glauben Sie wirklich, dass solche Allianzen für die deutschen Arbeitslosen, oder auch nur für Angestellte im Mittelstand irgendwie förderlich sind?

Herr Wolfgang Trantow

02.02.2017, 10:00 Uhr

Ein hervorrages Ergebnis der Bankmanager. Hat man wenigstens die Boni verzehnfacht für diese gute Leistung oder kürzt man lieber die Zinsen und Gehälter der "kleinen" Mitarbeiter?

Herr Toni Ebert

02.02.2017, 10:20 Uhr

Ackermann hat der Deutschen Bank schlimmen schade zugefügt. Aber keiner klagt ihn an und alle drücken nur die Augen zu.

Wie in den USA, wo besonders Obama das Land in schlimmste Abgründe geführt hat. Und wieder sind es die Nachfolger, die die Drecksarbeit machen sollen und kommen sogar noch ins Kreuzfeuer der Kritik.

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