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07.08.2015

18:04 Uhr

Deutsche Bank

Chefjurist legt Amt zum Jahresende nieder

Der Chefjustiziar der Deutschen Bank, Richard Walker, legt nach 14 Jahren sein Amt nieder. Er war in der Vergangenheit mehrfach mit der Finanzaufsicht Bafin in Konflikt geraten. Seine Nachfolger stehen bereits fest.

Deutsche-Bank-Chefjurist Richard Walker war in der Vergangenheit mehrfach mit der Finanzaufsicht Bafin in Konflikt geraten. Nun legt er sein Amt nieder. dpa

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt

Deutsche-Bank-Chefjurist Richard Walker war in der Vergangenheit mehrfach mit der Finanzaufsicht Bafin in Konflikt geraten. Nun legt er sein Amt nieder.

FrankfurtDie Deutsche Bank tauscht den Leiter ihrer Rechtsabteilung aus. Richard Walker werde sein Amt als General Counsel zum Ende des Jahres auf eigenen Wunsch aufgeben, teilte die Bank am Freitag mit und bestätigte damit einen Bericht von „Spiegel Online“. Walker hatte die Position seit 14 Jahren bekleidet. Er wird noch in diesem Jahr 65 Jahre alt. Walker gilt als Vertrauter des zurückgetretenen Co-Vorstandschefs Anshu Jain und war vor kurzem in einem Bericht der Finanzaufsicht Bafin zur Aufarbeitung der Affäre um manipulierte Zinsen scharf kritisiert worden. Walker werde aber weiter beratend für die Deutsche Bank tätig bleiben, betonte die Bank. Er bleibe Mitglied des General Executive Committee (GEC), der zweiten Führungsebene unterhalb des Vorstands.

Walkers Aufgaben als Chefjustiziar sollen sich vom kommenden Jahr ab der Deutsche Christoph von Dryander und der Brite Simon Dodds teilen. Sie waren seit 2013 Walkers Stellvertreter. In ihrer neuen Funktion sind sie direkt dem neuen Co-Vorstandschef John Cryan unterstellt. Er hatte kürzlich das Rechtsressort im Vorstand mit übernommen. Cryan selbst ist auch für die „Incident Management Group“ zuständig, die konzerninterne „Feuerwehr", die dann ausrückt, wenn wieder irgendwo eine Affäre auflodert.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Als aussichtsreiche Kandidatin für die Position als Rechtsvorstand gilt aber Nadine Faruque, die seit Dezember dem GEC angehört. Die Schweizerin ist in dem Führungsgremium für die Einhaltung der Grundsätze guter Unternehmensführung (Compliance) zuständig.

Die Bafin hatte Walker vorgeworfen, in der Libor-Affäre zu zögerlich gehandelt zu haben. Er habe dem Thema „zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet“ und wichtige Informationen – etwa über Nachfragen der US-Aufsichtsbehörden – unvollständig oder zu spät an den Vorstand weitergeleitet. Walker hatte die Vorwürfe laut einem Sprecher schriftlich zurückgewiesen.

Die Deutsche Bank ist in zahlreiche Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Zu Milliardenstrafen an die Behörden, etwa im Zuge des Skandals um die Manipulation des Libor-Zinssatzes kommen für den Konzern weitere Belastungen, die sich quasi zu dauerhaften Kosten entwickelt haben: So zahlt die Bank laut einem Insider pro Jahr 150 Millionen Euro für ihre interne Rechtsabteilung und 350 Millionen Euro für externe Anwälte. Die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten liegen noch immer bei 3,8 Milliarden Euro, Tendenz steigend.

Von

rtr

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