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12.10.2015

10:30 Uhr

Deutsche-Bank-Co-Chef John Cryan

„Tut mir leid, wir haben kein Foto für Sie!“

VonLaura de la Motte

Der starke Mann der Deutschen Bank gibt sich uneitel und macht sich in der Öffentlichkeit rar: Es gibt keine aktuellen Fotos von ihm. Redakteure treibt das in den Wahnsinn – nur ein Fotograf kann sein Glück kaum fassen.

Das beste Foto von John Cryan, dem Deutsche-Bank-Co-Chef, ist Jahre alt. Mark Henley/VISUM

Bild aus dem Jahr 2011

Das beste Foto von John Cryan, dem Deutsche-Bank-Co-Chef, ist Jahre alt.

FrankfurtJohn Cryan, der Aktenträger. Immer wieder dieses Foto, in allen Gazetten. Es ist kein steifer Schnappschuss und es zeigt den neuen Co-Vorstandschef der Deutschen Bank als Zahlenmensch – mit Akten unter dem Arm. Beim Aktenstudium hat der Manager zuletzt notwendige Abschreibungen in Milliardenhöhe entdeckt - und einen Rekordverlust für das Geldhaus angekündigt. Doch das Foto hat einen Haken. Es ist Jahre alt.

Hundert Tage ist Cryan im Amt und seit seiner Nominierung für den Chefposten kämpfen Redaktionen damit, Cryan ansprechend abzubilden. Es gibt das absurde Phänomen, dass ein Artikel zumindest optisch dem anderen gleicht, weil immer wieder dieselben Fotos verwendet werden. Cryans Kopf von vorn, Cryans Kopf von der Seite oder eben die Totale mit Akten unterm Arm. Das war's.

Der Fotograf des Aktenbilds, Mark Henley, erinnert sich noch, wie er das Bild 2011 spontan nach der Jahrespressekonferenz der Schweizer Großbank UBS auf einer Treppe aufnahm - damals war der Brite dort Finanzchef. „Als Cryan runterlief, war noch jemand oben und rief ihm eine Frage zu. Cryan stoppte, drehte sich um, antwortete und ich schoss das Foto“, erzählt Henley. Cryan habe nicht für ihn posiert, sondern jemandem zugehört. „Er war gerade am Gehen, um in die Privatsphäre zu verschwinden, als er für einen letzten Moment aufgehalten wurde“, so der Fotograf.

Analysten zum Rekordverlust der Deutschen Bank

Ingo Speich, Fondsmanager Union Investment

„Der Schritt zeigt, dass Cryan der richtige Mann für die Restrukturierung der Bank ist. Er treibt die materielle Aufarbeitung der Krise weiter voran. Personell ist die Krise dagegen noch nicht aufgearbeitet, im Top-Management gab es bisher nur sehr wenige Veränderungen. Ich erwarte, dass Personen ausgetauscht werden, die für die Fehler der Vergangenheit verantwortlich sind.“

Ingo Speich

„Die Ankündigung zum jetzigen Zeitpunkt, dass die Dividende für 2015 ausfallen könnte, ist vor allem ein Signal nach innen – gerade im Hinblick auf die Bonus-Verhandlungen im Herbst. Wenn es Einschnitte für die Aktionäre gibt, müssen sich auch die Mitarbeiter mit weniger zufrieden geben – insbesondere die Investmentbanker. Das wäre ein wichtiger Schritt, um das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen.“

Atif Latif, Analyst bei Guardian Stockbrockers

„Da die Nachrichten nun draußen sind, hängt viel davon ab, ob das Management die Furcht zerstreuen kann, ob sie ihre Ziele erreichen. Wenn sie bei ihrem Strategie-Ausblick am 29. Oktober liefern, hat die Aktie Aufwärtspotenzial.“

Zeg Choudhry, Analyst bei Lontrad

„Wann immer ein Unternehmen reinen Tisch macht, hilft es, die Verunsicherung zu beseitigen. Wenn sie keine Dividende zahlen, bedeutet dies, einen Schritt zurückzugehen um voranzukommen. Der Markt könnte dies als guten Schachzug werten. Auf lange Sicht ist dies eine gute Sache. Sie bewahren ihr Kapital und das hilft dabei, die Bilanz zu stärken.“

Huw van Steenis, Analyst bei Morgan Stanley

„Die Abschreibungen und Rückstellungen der Deutschen Bank sind ein erster kathartischer Schritt. Wir erwarten eine signifikante Restrukturierung, da der Verkauf von Geschäftsbereichen nicht ausreichend erscheinen, um die eigenen Kapitalziele zu erreichen.“ Zudem müsse mit weiteren Abschreibungen auf die Postbank und Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten gerechnet werden.

Philipp Häßler, Analyst bei Equinet

„Das ist eindeutig eine negative Überraschung, obwohl die Abschreibungen auf die Postbank und Hua Xia mehr oder weniger erwartet wurden. Positiv ist allerdings, dass die Kapitalisierung der Deutschen Bank mit einer harten Kernkapitalquote von elf Prozent solide bleibt. Das bedeutet, dass wir keine größere Wahrscheinlichkeit einer Kapitalerhöhung sehen.“

Amit Goel, Analyst bei Exane BNP

„Die Dividendenkürzung haben wir nicht erwartet. Die wichtigste Ankündigung war aber diejenige, die nicht gemacht wurde. Der Konzern hat keine Kapitalerhöhung angekündigt. Die Aktien werden sich wohl kaum positiv entwickeln, bis am 29. Oktober die vollständigen Ergebnisse und Details zur Geschäftsstrategie veröffentlicht werden.“

Jon Peace, Analyst bei Nomura

„Wenn Firmenchef John Cryan Anleger davon überzeugen kann, dass eine Kapitalerhöhung vermieden werden kann, erwarten wir eine Erholung der Aktien. Nachdem die 'schlechten Nachrichten' nun draußen sind, sehen wir Kurspotenzial, wenn die Details zur Firmenstrategie gut ankommen.“

Mohamed Souidi, Analyst bei Credit Suisse

„Die Vorwegnahme dieser Verluste kann als Zeichen interpretiert werden, dass das Management den Verkauf der Postbank vorantreiben und bestimmter bei den strategischen Entscheidungen sein will.“

Henley war an dem Tag nicht für eine Nachrichtenagentur unterwegs, sondern machte Bilder für eine Dokumentation über die Schweizer Bankenindustrie in der Krise. „Deswegen konnte ich Bilder machen, wenn alle anderen keine machten. Das hier war genau so eins“, erklärt er.

Bildbearbeiter entfernen UBS-Logos

Die UBS-Logos im Hintergrund müssen weg: John Cryan ist jetzt bei der Deutschen Bank. AFP

Bildmontage

Die UBS-Logos im Hintergrund müssen weg: John Cryan ist jetzt bei der Deutschen Bank.

Für die Foto-Dokumentation erhielt Henley sogar einen Preis. Das Aktenbild aber schaffte es nicht in die Serie. Henley entschied sich später, es einzeln zu veröffentlichen. Der Fotograf freut sich, dass die Aufnahme immer noch draußen ist und „ihr Leben lebt“. „Normalerweise wenn jemand den Job wechselt, sind die alten Bilder nicht länger nutzbar“, sagt Henley. Doch im Fall von Cryan gilt das nicht. Hier gibt es nur alte Fotos. Stattdessen müssen Heerscharen von Bildbearbeitern in Deutschland nun Logos von Cryans früherem Arbeitgeber UBS im Hintergrund aus alten Fotos retuschieren und eben nehmen, was da ist.

Kommentare (22)

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Herr Marc Otto

12.10.2015, 10:48 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Herr Vinz Queri

12.10.2015, 11:15 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

Herr aus NRW

12.10.2015, 11:23 Uhr

Das HBO sperrt also alle Kommentarfunktionen. Nun denn, ein Leser weniger.

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