Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.01.2013

07:29 Uhr

Deutsche Bank

Das Problem mit dem Kulturwandel

Die neuen Co-Chefs der Deutschen Bank krempeln den Konzern um. Doch besonders dem Investmentbanker Jain nehmen längst nicht alle das Bekenntnis zum Kulturwandel ab. Die Bank hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Die neuen Chefs Jain und Fitschen bauen die Deutsche Bank um. Reuters

Die neuen Chefs Jain und Fitschen bauen die Deutsche Bank um.

FrankfurtKlaus Engel mag Investmentbanken nicht sonderlich. Vor allem Zockereien in den Handelsabteilungen sind dem Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik ein Dorn im Auge. Er fordert eine Rückbesinnung auf den Kunden - und zwar schnell. "Denn das Vertrauen in die Branche ist am Boden." Die Botschaft aus der Realwirtschaft ist bei den Banken angekommen. Kulturwandel heißt das Modewort, mit dem Top-Banker besonders in Europa hausieren gehen, um verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen - auch die neuen Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit weisen sie darauf hin, dass heute der Kunde und nicht der Bonus im Fokus der Banker stehe. Doch das größte deutsche Geldhaus hat dabei ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn mit Jain stand einer der beiden neuen Bosse jahrelang an der Spitze der Investmentbank und damit in den Augen vieler Kritiker in besonderem Maße für die alte Kultur. Engel bleibt daher kritisch: "Ich höre wohl, was sie sagen, aber letztlich gilt: Kommt Zeit, kommt Rat."

Das Leben des Anshu Jain

Wie „Slumdog Millionaire“?

Das Leben von Anshu Jain hat mit diesem Märchen vom bettelarmen Ghettokind, das es zu Reichtum brauchte, nichts zu tun. Seine Eltern waren nicht reich, aber ein geordneter Wohlstand begleitete Jains Kindheit. Er besucht eine der besten Privatschulen Dhelis. Die Noten sind spitze, er studiert VWL, damals noch nicht um Banker zu werden, sondern um alles über „Wirtschaft und Finanzen zu verstehen“.

Aufenthalt in Kabul

Jains Vater wurde als Staatsdiener häufig versetzt, so auch ein Jahr lang nach Afghanistan. Anshu Jain besuchte in der Zeit die indische Schule in Kabul. Das war, bevor die Rote Armee einmarschierte. Es entsteht eine gewisse Distanz zu seinem Heimatland: Die spezielle Form des Staatssozialismus mit all der irrsinnigen Bürokratie schrecken Jain ab. Er will diese Zustände hinter sich lassen.

Wie religiös ist Jain?

Es kursieren viele Klischees über den Jainismus und die Art, wie Anshu Jain mit seinem Glauben umgeht. Er selbst bezeichnet sich als nicht sonderlich religiös. Die angedichtet Abstinenz ist Legende. Er mag ein gutes Glas Rotwein und seitdem er in Frankfurt wohnt auch Riesling. Vegetarier ist Jain nicht aus religiösen Gründen. Der Tierfreund will nicht, das andere Geschöpfe für ihn leiden.

Unabhängig von Besitz

Immerhin hat ihm der Jainismus gelehrt, dass nur wer seine Sinne kontrolliert, im Berufsleben die höchsten Ziele erreicht. Dazu gehört eine enorme Disziplin und ein strenges Wertekorsett. Seine Eltern haben Jain vor allem mitgegeben, sich von unnötigem Besitz unabhängig zu machen. Das mag irritieren angesichts seines Gehaltes. Aber Jain protzt kein bisschen mit dem, was er hat. Im Gegenteil spendet die er umfangreich und gibt sich bescheiden. Die Millionen auf dem Konto sind laut Lehrmeinung mit dem Jainismus vereinbar, so lange der Co-Chef der Deutschen Bank anderen dient.

Die große Liebe – schon mit 17

Jain ist noch keine 18 Jahre alt, als er am College die Liebe seines Lebens kennenlernt. Inzwischen ist er mit Geetika über ein Vierteljahrhundert verheiratet. Dabei stand der Glauben zwischen ihnen. Geetika ist Angehörige der Sikhs, einer monotheistischen Religion. Dagegen kennen die Jainas weder Gott noch Priester. Die junge Paar überwindet diesen Gegensatz und einen weiteren Schicksalsschlag ...

Der Auswanderer

Anshu Jain hatte seinen amerikanischen Traum schon lange. Die freie Gesellschaft lockte ihn. Doch als Geetika mit ihrer Familie in die USA auswanderte, gab es für ihn endgültig kein Halten mehr. Jain folgte ihr stark unterstützt vom Vater, der Haus und Hof verpfänden musste. Anshu Jain zahlte ihm das Geld vom ersten Gehalt so schnell wie möglich zurück.

Die Kinder

Jain hat einen Sohn und eine Tochter. Beide leben inzwischen nicht mehr zu Hause. Tochter Aranya besuchte die wohl beste Mädchenschule Großbritanniens und machte ihren Master an einer Top-Uni in den USA. Auch Arjun Jain ist auf einem guten Weg, er studiert in Princeton. Neben ist er Gitarrist in einer Rockband und fotografiert sehr gern – wie man hört noch besser als der Vater.

Der Menschenkenner

Wegbegleiter schwärmen von Jains Verstand, aber noch häufiger von der emotionalen Intelligenz, die er ausstrahlt. Egal ob Familie, Seinesgleichen oder Untergebene: Jain ist bekannt für seine enorme Sensibilität. Nie würde er seine indischen Wurzeln vergessen. Jain gilt als „Kümmerer“, der für die Deutsche Bank so ziemlich alles tun würde.

Der Sportler

Cricket ist bekanntermaßen Jains Lieblingssport. Er ist kein normaler Fan, er liebt den Sport fanatisch. Top-Spieler zählen zu seinen besten Freunden. Selbst in härtesten Arbeitswochen verpasst er kein Spiel des indischen Teams. Aktiv ist Cricket für Jain kaum noch zu betreiben. Er liebt Bridge und ist Golfer.

Der Naturliebhaber

Jain ist ein großer Liebhaber der Wildnis. Ein Hobby, das er mit seiner Frau teilt. Sie haben bereits mehr als 60 Länder bereist, wie Georg Meck in deinem „The Deutsche“ (Campus Verlag) beschreibt. Als freie Journalistin schreibt sie über die gemeinsamen Erlebnisse. Hier erfährt die Welt zum Beispiel, wie die Jains Berggorillas suchten und die Familie in wildester Umgebung klarkommen musste. Die durchaus gefährlichen Abendteuer schweißten vier zusammen.

Rucksack statt Aktenkoffer

Bitte kein Aktenkoffer: Anshu Jain ist Rucksackträger. Den schwarzen Nylonsack der US-Marke Incase soll ihn als coolen, mobil-dynamischen, unprätentiösen Typen ausweisen. So könnte er leicht „einer von uns“ sein, wäre da nicht das zweite Utensil, das Jain prägt ...

Der Knopf im Ohr

... der Knopf im Ohr. Den braucht Jain, um die Deutschen zu verstehen. Ohne Simultanübersetzer hat der gebürtige Inder hierzulande keine Chance, da mag die Amtssprache der Deutschen Bank auch schon seit langem Englisch sein. Aber Jain ist lernwillig ...

Sätze auf Deutsch

... er bemüht sich, Deutsch zu lernen. Sein erster großer Auftritt war am 12. Juni 2012 vor dem CDU-Wirtschaftsrat in Berlin. Mit 300 Vokabeln ausgestattet sagte er: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich fühle mich sehr geehrt, heute vor ihnen zu stehen – dies ganz besonders als Co-Chef der Deutschen Bank.“ Applaus. „Ich möchte Ihnen auch herzliche Grüße meines Partners, Jürgen Fitschen, überbringen.“ Es folgten drei weitere Sätze abschließend mit der Bitte, nun ins Englische zu wechseln. Jain schaffte es am nächsten Tag auf die Titelseite der Bild-Zeitung als „Sieger des Tages“. Auf der Hauptversammlung im Mai 2013 hielt Jain dann seine komplette zehnminütige Rede auf Deutsch.

Auch die Manager in den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt sind sich des Problems bewusst - zumal Jain viele seiner engsten Gefolgsleute in das 18-köpfige Führungsgremium berufen hat. "Wenn Brandstifter plötzlich zu Feuerwehrleuten werden, muss man das schon besonders gut erklären können", sagt ein Top-Manager der Bank.

Insidern zufolge ist die Stimmung in der Bank so angespannt wie lange nicht, was auch an dem großen Umbau des Konzerns liegen mag - mehr als 2000 Stellen sollen gestrichen und 4,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das alles wird von "Anshus Armee", wie die Londoner Investmentbanker intern heißen, vorangetrieben. Da fühlt sich nicht jeder mitgenommen.

Massiver Stellenabbau: Deutsche Banken gefangen im Teufelskreis

Massiver Stellenabbau

Deutsche Banken gefangen im Teufelskreis

Deutsche Banken stecken tief in der Krise. Die jüngsten Kürzungen sind nur der Anfang.

Für die Öffentlichkeit waren die ersten acht Monate der neuen Bankführung von Rechtsstreitigkeiten und Skandalen geprägt. Wegen fragwürdiger Hypotheken- und Handelsgeschäfte steht das Institut vor allem in den USA im Visier der Justiz, was Milliarden kosten könnte. Ende vergangenen Jahres durchsuchten zudem 500 Polizisten Geschäftsräume des Instituts wegen des Verdachts auf Umsatzsteuerbetrug. Dabei geht es um fragwürdige Handelsgeschäfte mit CO2-Verschmutzungsrechten. Unter den Beschuldigten ist auch Co-Chef Fitschen, weil er damals die Steuererklärung unterschrieben hatte. "Die Deutsche Skandal-Bank", titelte der "Spiegel" Ende 2012.

Die Klage-Chronik der Deutschen Bank – Teil 1

Diverse Klagen

Mutmaßliche Bilanztricksereien, Hypothekenklagen, Zinsmanipulationen, der Kirch-Streit - die Deutsche Bank muss noch eine ganze Reihe von potenziell sehr teuren Altlasten aufarbeiten. Eine Übersicht über die Vorwürfe und Verfahren seit Anfang 2011, von denen einzelne bereits abgeschlossen sind.

22. März 2011

Der Bundesgerichtshof gibt der Deutschen Bank eine schallende Ohrfeige: Sie muss an einen hessischen Mittelständler mehr als eine halbe Million Euro Schadenersatz zahlen. Diesen Betrag hatte der Kläger mit einem komplizierten Zinsswap-Geschäft verloren, das die Bank nach Auffassung des BGH „bewusst zulasten des Anlegers“ konstruiert hatte. In der Folge einigt sie sich mit zahlreichen Kommunen und Unternehmen nach Angaben von Anwälten auf Vergleiche.

13. April 2011

In den US-Untersuchungen zur Rolle der Wall Street in der Finanzkrise erhebt ein Senatsausschuss schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bank und Goldman Sachs. Der Deutschen Bank wird vorgeworfen, umstrittene Finanzprodukte aufgelegt zu haben. Sie habe unter anderem einen milliardenschweren verbrieften Hypothekenkredit (CDO) namens „Gemstone 7“ geschnürt und verkauft, bevor der Markt abstürzte. Dabei habe der zuständige Händler gewusst, dass das Paket minderwertige Assets enthalte.

29. April 2011

Die EU-Wettbewerbshüter knöpfen sich den Handel mit Kreditausfallversicherungen (CDS) vor, mit denen sich Investoren und Spekulanten gegen Pleiten von Staaten und Firmen absichern. Die Kartellermittlungen richten sich gegen 16 Investmentbanken, darunter die Deutsche Bank. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen (2013) wird von den deutschen Häusern zunächst nur die Commerzbank vom Haken gelassen.

4. Mai 2011

Die Deutsche Bank bestätigt, dass die Stadt Los Angeles eine Klage gegen das Institut im Zusammenhang mit umstrittenen Zwangsräumungen eingereicht hat. Die Bank sei über Tochterunternehmen einer der größten „Slumlords“ der Millionenmetropole, heißt es in der Klageschrift, die Entschädigungszahlungen von mehreren hundert Millionen Dollar nach sich ziehen könnte. Sie habe Hunderte Anwesen verfallen lassen und Menschen zu Unrecht aus ihrem Heim vertrieben. Nach Angaben des Instituts wurde die Klage inzwischen abgewiesen. Ob die Stadt in Berufung geht, ist aber weiterhin offen.

2. September 2011

Die US-Aufsichtsbehörde Federal Housing Finance Agency (FHFA) verklagt 17 Banken wegen umstrittener Hypothekengeschäfte, darunter die Deutsche Bank. Die Behörde wirft ihnen vor, beim Verkauf von mit Hypotheken unterlegten Wertpapieren falsche Angaben gemacht zu haben. Der Klageschrift zufolge werden finanzielle Schäden auf Hypotheken-Anleihen über insgesamt fast 200 Milliarden Dollar geltend gemacht - davon entfallen mehr als 14 Milliarden auf die Deutsche Bank. Das Geldhaus weist die Vorwürfe als unbegründet zurück.

5. September 2011

Laut „Financial Times“ nehmen britische Behörden von der Deutschen Bank und anderen Instituten zusammengestellte Wertpapiere wegen Betrugsverdachts unter die Lupe. Die Untersuchung des Serious Fraud Office soll Beweise dafür liefern, dass die Banken ihren Kunden beim Verkauf von forderungsbesicherten Wertpapieren in Großbritannien falsche Informationen geliefert hätten. Die Ermittlungen sind schwierig, da die Behörde den Instituten Betrugsabsicht nachweisen müsse.

14. November 2011

Die Staatsanwaltschaft München lässt Vorstandsbüros und die Rechtsabteilung im Zusammenhang mit dem Kirch-Prozess durchsuchen. Gegen den damaligen Vorstandschef Josef Ackermann werde wegen des Verdachts auf Prozessbetrug ermittelt. Auch gegen den damaligen Aufsichtsratschef Clemens Börsig, Ex-Vorstandschef Rolf Breuer und den früheren Personalchef Tessen von Heydebreck werde ermittelt. Die Bank und die Betroffenen halten die Beschuldigungen für haltlos und das Vorgehen der Staatsanwaltschaft für unverhältnismäßig.

19. November 2011

Die Pleite der US-Finanzfirma MF Global hat für die Deutsche Bank ein juristisches Nachspiel. Zwei US-Pensionsfonds verklagen Abteilungen des Frankfurter Instituts sowie sechs weiterer Geldhäuser, die MF bei der Erstellung von Anleihe-Angeboten unterstützt haben. Die Kläger werfen ihnen vor, in den Prospekten Probleme verschwiegen zu haben, die zum Kollaps des Brokerhauses geführt haben. Mit der Klage nehmen die Fonds finanzstarke Institute ins Visier, um ihre Verluste nach dem MF-Global-Zusammenbruch auszugleichen.

21. Dezember 2011

Sechs Händler werden wegen eines 230 Millionen Euro schweren Umsatzsteuerkarussells mit CO2-Verschmutzungszertifikaten in Frankfurt zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Handel wurde über die Deutsche Bank abgewickelt. Unter den 170 Beschuldigten im Visier der Staatsanwaltschaft sind auch sieben Mitarbeiter der Bank. Gegen sie gibt es noch keine Anklagen, die Bank hat aber 310 Millionen Euro Umsatzsteuerforderungen aus dem CO2-Handel abgeschrieben.

Die Aufräumarbeiten dürften noch Jahre dauern, und jeder einzelne Fall erinnert die Öffentlichkeit immer wieder an die Altlasten vieler Vorstände. "Die juristische Aufarbeitung der Finanzkrise ist sicher das größte Reputationsrisiko für die Bank in den nächsten Jahren", sagt ein Banker. Die meisten Fälle liegen im Investment-Banking.

Besonders schwer wiegt der Skandal um die Manipulation des Zinssatzes Libor, der wie ein Damoklesschwert über der Deutschen Bank und vielen anderen Instituten hängt. Weltweit sollen Händlergangs die Zinsen zu ihren Gunsten verzerrt haben. Behörden rund um den Globus prüfen, wer was und wie viel davon wusste.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

sapientia

31.01.2013, 08:22 Uhr

Die Deutschen und ihre Banker - ein Trauerspiel.

Liebe Mitbürger, Bänker sind keine Heiligen, kein Adelsersatz und keine besseren Staatsbürger.

Sie sind auch Menschen, die Geld verdienen müssen, für ihren Lebensunterhalt, ihre Familien, ihre Arbeitgeber.

Sie sind auch nicht von Natur aus böse, nur weil jeder sich anstrengen muß, an die Grenzen des Machbaren geht, und so mancher in die Grauzone gerät und einige wenige darüber hinaus.

Nein, auch eine Deutsche Bank, deren Führungspersonal sein Wissen, dass sie in führenden Positionen vor dem Krieg erwarb, zum Wiederaufbau des Geldhauses einsetzte und zumindest bis in die Ära des Herrn Herhausen eine guten Ruf aufrechterhalten konnte, ist kein Hort der Heiligen, vielleicht auch kein Ort von dem, was früher einmal als "ehrbarer Kaufmann" bezeichnet wurde (wenn es den überhaubt mal im wirklichen Leben gab.

Nein, mancher Großkonzern ist eher mit dem "Denver-Clan" aus der TV Serie zu vergleichen, als mit König Ludwig und dem Schloß Neuwahnstein.

Sorry liebe Mitbürger - werded entlich mal erwachsen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×