Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2016

12:37 Uhr

Deutsche Bank

Ein Leiden ohne Ende

VonMichael Maisch

Nicht nur die vielen Rechtsrisiken setzen der Deutschen Bank zu, auch das Investmentbanking steckt in einer tiefen Krise. Eine gute Nachricht gibt es jedoch immerhin. Ein Kommentar.

Deutschlands größtes Geldhaus ist eine einzige Baustelle. dpa

Deutsche Bank

Deutschlands größtes Geldhaus ist eine einzige Baustelle.

Frankfurt„Ernüchternd“, so hat John Cryan, der Vorstandschef der Deutschen Bank, den Verlust von 6,7 Milliarden Euro genannt, den die Deutsche Bank in diesem Jahr aller Voraussicht nach ausweisen muss. Dabei handelt es sich wohl um britisches Understatement, denn eigentlich würden einem ganz andere Adjektive einfallen, um die Dauerkrise der Bank zu beschreiben: „dramatisch“, zum Beispiel, oder auch „fürchterlich“, „frustrierend“ würde auch sehr gut passen. 

Denn die Zahlen sind ein Beweis dafür, dass sich die Leidensgeschichte der Deutschen Bank noch lange hinziehen wird. Cryan hat zwar bereits im Herbst klar gemacht, dass schon ein Wunder geschehen müsste, damit die Bank 2015 noch mit einem Gewinn abschließen kann. Analysten hatten bereits ein riesiges Minus von fünf Milliarden Euro einkalkuliert, aber auch das reichte noch nicht aus.

Juristische Baustellen der Deutschen Bank

Die Skandalbank

Zahlreiche Skandale haben den Ruf der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren beschädigt. Das Institut musste für frühere Verfehlungen seit 2012 bereits rund zwölf Milliarden Euro zahlen, und die Liste der offenen Rechtsstreitigkeiten ist noch lang. Der neue Konzern-Chef John Cryan stellt sich darauf ein, dass die juristischen Altlasten die Bank noch lange beschäftigten werden. Derzeit hat die Bank dafür 4,8 Milliarden Euro zur Seite gelegt. Ein Überblick über die bedrohlichsten Fälle:

Russland

In der Moskauer Handelssparte soll es bis vor kurzem unsaubere Geschäfte gegeben haben. Die Ermittlungen könnten große Sprengkraft haben. So haben US-Behörden laut „Financial Times“ ihre Untersuchungen ausgeweitet und gehen nun auch dem Verdacht auf Verstöße gegen die aktuellen politischen Sanktionen nach. Bislang ging es vor allem um mögliche Geldwäsche. Das Gesamtvolumen verdächtiger Geschäfte soll bei sechs Milliarden Dollar liegen. Die Bank hat in diesem Zusammenhang einige Mitarbeiter suspendiert.

Embargos

Die USA gingen bei Sanktionsvergehen zuletzt wenig zimperlich mit Finanzkonzernen um. Die BNP Paribas bekam für Verstöße gegen US-Sanktionen bei Geschäften mit Staaten wie dem Iran eine Zahlung von umgerechnet knapp neun Milliarden Dollar aufgebrummt. Die Deutsche Bank wartet wegen ähnlicher Vorwürfe noch auf einen Einigung mit den US-Behörden.

Hypotheken

Die US-Behörden gehen wegen krummer Hypothekengeschäfte aus Zeiten vor der Finanzkrise weiter hart gegen Banken vor. Während die US-Institute inzwischen den größten Teil der Verfahren gegen hohe Milliardenzahlungen ausräumen konnten, laufen die Ermittlungen zur Rolle der Deutschen Bank noch.

Libor und Euribor

Über Jahre manipulierten Mitarbeiter mehrerer Großbanken die wichtigen Referenzzinsen für das Geldgeschäft der Banken untereinander. Auch einige Deutsche-Bank-Mitarbeiter machten mit. Ende 2013 brummte die EU-Kommission dem deutschen Branchenprimus deshalb eine Strafe von 725 Millionen Euro auf. Im April 2015 legten die Behörden in den USA und Großbritannien nach: Dort muss die Bank die Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zahlen. Es laufen noch Zivilverfahren, bei denen Unternehmen und Privatleuten Schadenersatz durchsetzen wollen.

Devisen und Rohstoffe

Weltweit laufen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Manipulationen wichtiger Kennzahlen - von Devisenkursen bis hin zu Preisen von Gold und Silber. Zu diesen Themen sind in den USA Sammelklagen anhängig, in denen auch die Deutsche Bank Beklagte ist.

Kirch

Die im Februar 2014 vereinbarte 925-Millionen-Euro-Zahlung an die Kirch-Erben sollte das Kapitel um die Mitverantwortung der Bank für die Pleite des Medienkonzerns 2002 endlich abschließen. Doch die Münchner Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen Co-Chef Jürgen Fitschen und vier ehemalige Topmanager des Frankfurter Geldhauses. Sie wirft den Bankern versuchten Prozessbetrug vor: Die Manager sollen im Zivilverfahren um Kirchs Schadenersatzforderungen versucht haben, die Richter zu täuschen, um Zahlungen der Bank zu verhindern. Die Angeklagten bestreiten dies, seit Ende April läuft der Prozess.

Für die zusätzlichen Verluste sind vor allem neue Rechtsrisiken verantwortlich. Das zeigt, dass auch Cryan mit den gleichen Problemen kämpft, die seinem Vorgänger Anshu Jain am Ende den Job gekostet haben: Jeder noch so kleine Fortschritt droht von den milliardenschweren Kosten für die Aufarbeitung der Skandale der Vergangenheit wieder aufgefressen zu werden. Und an dieser misslichen Lage wird sich so schnell nichts ändern, denn die Liste der Rechtsrisiken ist nach wie vor lang.

Doch Cryan kämpft nicht nur mit den Problemen, die er geerbt hat. In der dürren Botschaft, mit der die Bank am Mittwoch Abend den überraschend hohen Verlust meldete, ist auch davon die Rede, dass es im Investmentbanking im vierten Quartal nicht mehr rund lief. Das heißt, dass der wichtigste Gewinnmotor der Bank ins Stottern gerät, während Cryan gleichzeitig versucht, die Bank vom Kopf auf die Füße zu stellen. Bis Ende 2018 hat sich der neue Chef dafür Zeit genommen, angesichts der Sisyphus-Aufgabe, vor der der Brite steht, ist das ziemlich knapp kalkuliert.

Deutsche Bank: Braucht Deutschlands großes Geldhaus neues Kapital?

Deutsche Bank

Braucht Deutschlands großes Geldhaus neues Kapital?

Einen Rekordverlust für das Gesamtjahr und ein schwaches viertes Quartal hat die Deutsche Bank am Mittwochabend gemeldet. Die Aktie ist am Vormittag größter Verlierer im Dax. Die Sorge vor einer Kapitalerhöhung kommt auf.

Wie weit der Niedergang von Deutschlands größtem Geldhaus inzwischen fortgeschritten ist, zeigt der Vergleich zur US-Konkurrenz, die die Folgen der Finanzkrise deutlich schneller hinter sich gelassen hat. Nach dem dramatischen Kursrutsch Anfang dieses Jahres ist die Deutsche Bank an der Börse nur noch 24 Milliarden Euro wert, große US-Banken, mit denen sich die Frankfurter vor noch gar nicht so langer Zeit in einer Liga wähnten, bringen es locker auf 150 bis 200 Milliarden Dollar. Dieser Abstand dürfte sich in den kommenden Monaten eher noch vergrößern als verkleinern.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Jürgen Dannenberg

21.01.2016, 12:57 Uhr

Irgendwas muss ich falsch verstanden haben. Ich war und bin der Meinung, dass gerade Rückstellung dem kaufmännische Vorsichtsprinzip geschuldet ist.
Da können Verluste erwachsen, ohne Abrede. Müssen aber nicht zwangsläufig.
"Für die zusätzlichen Verluste sind vor allem neue Rechtsrisiken verantwortlich"

Herr Falk Jahr

21.01.2016, 13:06 Uhr

Das eine neu gebildete Rückstellung, die den Verlust erhöht, nicht „weg“ ist wird mittlerweile im HANDELSblatt nicht mehr so genau genommen.

Das ein neuer Chef auch gern mal bei der Bereinigung der Bilanz über die Stränge schlägt um im nächsten Jahr leichter glänzen zu können ist auch völlig „weltfremd“.

Es gab sicherlich schon objektivere Bewertungen zu solchen Themen.

Herr San Yukon

21.01.2016, 13:07 Uhr

Wer jetzt nicht kauft ist selber schuld. John Cryan fängt bei Null an und wird schon im April einen schönen Gewinn vorweisen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×