Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.05.2015

17:14 Uhr

Deutsche Bank

Schallende Ohrfeige

VonOliver Stock

Eine exklusive Handelsblatt-Auswertung zeigt: Kein Dax-Vorstand hat sich auch nur entfernt eine solche Niederlage eingehandelt wie die Chefs der Deutschen Bank bei der Hauptversammlung am Donnerstag.

Die Deutsche-Bank-Chefs wurden auf der Hauptversammlung so hart abgestraft wie kein(e) Dax-Chef(s) zuvor. Imago

Ohrfeige unter Artgenossen

Die Deutsche-Bank-Chefs wurden auf der Hauptversammlung so hart abgestraft wie kein(e) Dax-Chef(s) zuvor.

DüsseldorfDie Hauptversammlung eines Unternehmens ist das Parlament, in dem die Aktionäre über die Regierungsarbeit abstimmen. Die Regierung, das sind die CEOs, die Finanzchefs, die Strategieverantwortlichen, die Aufsichtsräte – kurz: all die, die die Geschicke eines Unternehmens lenken. Die Aktionäre haben auf der Hauptversammlung die Möglichkeit, die Arbeit des Vorstands zu bewerten. Finden sie sie in Ordnung, erteilen sie Absolution – oder „Entlastung“, wie es korrekt heißt. Die Quote, wie viele Aktionäre für die Entlastung stimmen und wie viele dagegen, ist der Gradmesser des Vertrauens. Der Vorstand der Deutschen Bank hat diesen Gradmesser jetzt auf ein historisches Tief gedrückt.

Nach Berechnungen des Handelsblatts hat kein Chef eines deutschen Dax-Unternehmens bislang eine dermaßen schlechte Entlastungsquote erzielt, wie das Deutsche-Bank-Führungs-Duo aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen. 61,02 Prozent erreichte Fitschen, Jain, der künftig deutlich mehr Macht als Fitschen erhält, lag mit 60,99 Prozent noch darunter.

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

Zinsskandal

Wegen der Manipulation wichtiger Referenzzinssätze wie Euribor und Libor musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte bereits Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro (990 Millionen US-Dollar) der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf, davon 2,175 Milliarden US-Dollar in den USA und 226,8 Millionen in Großbritannien.

Diese Beträge wurden bis auf 150 Millionen US-Dollar vollständig gezahlt, ein Urteil zu dem ausstehenden Betrag wird für den 7. Oktober 2016 erwartet. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer 2015 sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem Bafin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.

Mit vier mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt, der ebenfalls Geld kostete. Ob das Zinskapitel wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.

US-Sanktionen

Schon länger steht die Deutsche Bank im Verdacht, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen Länder wie den Iran verhängt haben. Für die Missachtung von Sanktionen zahlte das Geldhaus im November 2015 bereits 260 Millionen US-Dollar. Die Bank hatte betont, sie habe sich bereits 2007 aus Iran-Geschäften zurückgezogen. Auch andere Finanzinstitute mussten für Vergleiche in der Sache bereits tief in die Tasche greifen: Die französische BNP Paribas zahlte knapp neun Milliarden Dollar, die Commerzbank 1,45 Milliarden Dollar.

US-Hypotheken

Ende 2013 zahlte die Deutsche Bank 1,4 Milliarden Euro (1,919 Milliarden US-Dollar) für die Beilegung ihres größten Rechtsstreits im Zusammenhang mit fragwürdigen Hypothekengeschäften in den USA. Das Institut soll vor der Finanzkrise beim Verkauf von Wertpapieren, die mit Hypotheken unterlegt sind, falsche Angaben gemacht haben. Andere Verfahren, die die amerikanischen Federal Housing Finance Agency (FHFA) gegen die Deutsche Bank und weitere Häuser angestrengt hatte, sind aus dem Vergleich jedoch ausgeklammert. Auch andere Klagen liegen noch auf dem Tisch und könnten potenziell viel Geld kosten.

Kirch

Die Bank ist nach Ansicht des Oberlandesgerichts München mitverantwortlich für die Pleite des Medienkonzerns im Jahr 2002. Grund ist ein Interview des damaligen Bankchefs Rolf Breuer, in dem dieser Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit gesät hatte. Anfang 2014 einigten sich die Streitparteien in einem Vergleich zwar auf Schadenersatz von 925 Millionen Euro (1,23 Milliarden US-Dollar). Doch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen einzelne Spitzenmanager der Bank wegen versuchten Prozessbetrugs liefen weiter. Die Staatsanwaltschaft München erhob schließlich Anklage gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen sowie die früheren Spitzenmanager Josef Ackermann, Rolf Breuer und Clemens Börsig.

Prozessauftakt war im April 2015, das Verfahren zog sich hin. In seiner Urteilsverkündung vom 25. April 2016 hat das Landgericht München die Manager und auch die Bank freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte gegen das Urteil Revision ein. Die weiteren Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang dauern noch an.

CO2

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Bank wegen des Verdachts der Umsatzsteuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Betrug mit CO2-Verschmutzungsrechten. Rund 500 bewaffnete Polizisten und Steuerfahnder hatten deshalb Ende 2012 den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros durchsucht. Ex-Co-Chef Fitschen und der langjährige Finanzvorstand Stefan Krause gehörten zu ursprünglich 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Denn Fitschen und Krause hatten die auf dem CO2-Betrug basierende Steuererklärung unterzeichnet. Im August 2015 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schließlich gegen acht beteiligte Kundenbetreuer und Händler der Deutschen Bank Anklage wegen „bandenmäßiger Steuerhinterziehung“. Im Juni 2016 verurteilte das Frankfurter Landgericht sechs ehemalige Beschäftigte der Deutschen Bank, weil sie die millionenschweren Steuerbetrügereien ermöglicht hatten.

Devisen und Derivate

Aufseher, darunter auch die Bafin, gehen dem Verdacht nach, dass Banken am billionenschweren Devisenmarkt ebenfalls getrickst haben. Einige internationale Großbanken haben in der Sache bereits milliardenschwere Vergleiche geschlossen. Die Deutsche Bank als einer der größten Devisenhändler der Welt allerdings noch nicht.

Sie hat Finanzkreisen zufolge aber mehrere Händler vom Dienst suspendiert. Sie stehen offenbar im Verdacht, an Referenzkursen gedreht zu haben. Die Bank ist beklagte in drei Sammelklagen in den USA und zwei kanadischen Sammelklagen, die im September 2015 erhoben wurden. Die Deutsche Bank hat erklärt, dass sie zur Aufklärung des Skandals mit verschiedenen Aufsichtsbehörden zusammenarbeitet und zudem eine interne Untersuchung gestartet hat. Diese Untersuchung ergab nach Angaben aus Finanzkreisen, dass es bislang keinerlei Hinweise auf Tricksereien bei den großen Währungen Euro, Dollar, Pfund und Yen gibt, wohl aber vereinzelt beim russischen Rubel und dem argentinischen Peso.

Vom Haken sind die Frankfurter aber nicht: In der US-Niederlassung der Bank installierte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Kontrolleur, der sich Finanzkreisen zufolge nun schon seit einigen Monaten das elektronische Devisenhandelssystem genauer anschaut. Demnach sind Algorithmen der Plattform „Autobahn“ Teil der Ermittlungen. Amerikanische und deutsche Aufseher gehen zudem dem Verdacht nach, dass Geldhäuser den viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Die Deutsche Bank hat für Zinsswap-Manipulationen bereits 50 Millionen US-Dollar zahlen müssen.

Geldwäsche in Russland

Im Juni 2015 war bekannt geworden, dass Ermittler rund um den Globus dem Verdacht nachgehen, russische Kunden könnten über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. Die Bank hat versprochen, zur Aufarbeitung der Affäre mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Mehrere Mitarbeiter in der Moskauer Niederlassung wurden deshalb vor die Tür gesetzt, darunter auch der ehemalige Chef-Händler in Russland, Tim Wiswell.

Inzwischen hat die Affäre eine neue Dimension erreicht: Das US-Justizministerium und die Finanzbehörde von New York (DFS) prüfen laut einem Medienbericht, ob die Bank gegen Sanktionen verstoßen hat. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden und ob die Bank intern geeignete Vorkehrungen getroffen hat, um solche Verstöße zu verhindern.

US-Steuerstreit

Das US-Justizministerium ermittelt seit mehr als fünf Jahren gegen Finanzinstitute in der Schweiz wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Am Haken haben die Behörden seit 2013 auch die Deutsche Bank. Deren Schweizer Tochter erstatte Selbstanzeige. Finanzkreisen zufolge hat sich die Deutsche Bank bei den US-Behörden gemeldet, weil sie den Verdacht hegte, einige US-Kunden könnten ihr Vermögen in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus versteckt haben. Seither würden Daten an die USA geliefert und Anfragen beantwortet. Eine Strafzahlung könne die Bank damit aber wohl nicht abwenden, sondern nur auf einen Rabatt hoffen. Eine Entscheidung steht noch aus. Das Bußgeld kann sich auf bis zu 50 Prozent der versteckten Gelder belaufen. Bereits im Dezember 2010 hatte die Deutsche Bank 550 Millionen US-Dollar Strafzahlungen für Beihilfe zur Steuerhinterziehung zahlen müssen.

Der zweitschlechtesten Vertrauenswert eines Dax-Unternehmenschefs liegt weit über diesen trüben Zahlen: 97,59 Prozent erreichte in diesem Jahr Herbert Heiner, Vorstandsvorsitzender von Adidas bei der Hauptversammlung Anfang dieses Monats. Auch das darf als bescheiden gelten, denn alle anderen Dax-Unternehmenschefs erreichten Zustimmungswerte von mehr als 99 Prozent. Spitzenreiter war bisher VW-Chef Martin Winterkorn, dem die Aktionäre mit einer Zustimmung von 99,99 Prozent nach dem gewonnenen Machtkampf mit Ferdinand Piëch demonstrativ den Rücken stärkten.

Bis auf die Post und Bayer sind die Hauptversammlungen aller 30 Dax-Unternehmen bereits über die Bühne gegangen. Weder bei der Post noch beim Pharma- und Chemieriesen Bayer regt sich zahlenmäßig starker Widerstand gegen das Management, so dass auch dort die Quoten deutlich über 90 Prozent liegen werden.

Die Ohrfeige, die die Aktionäre dem Management der Deutschen Bank verpasst haben, wirkt vor diesem Hintergrund umso heftiger. Gleich zu Beginn der Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner bei der Hauptversammlung am Donnerstag zeigte sich, wie groß das Misstrauen war. Als er einräumte, das öffentliche Bild der Bank sei „stark angeschlagen und beschädigt“, erntete er höhnischen Applaus von den 4000 Aktionären. Dabei hatte der Chefaufseher noch versucht, mit einer Rochade im Vorstand das Heft des Handelns wieder in die Hand zu bekommen. Wichtigstes Ergebnis war, dass Jain die umstrittene neue Strategie umsetzen soll. Ausgerechnet Jain jedoch erhielt am Ende die geringste Zustimmung. Achleitners Entscheidung steht damit auf wackligen Füßen. Der Vorstand müsse „weit über das Stühlerücken hinaus umgebaut werden“, lautet denn auch die drastische Forderung von Hans-Christoph Hirt vom einflussreichen Londoner Aktionärsberater Hermes EOS. Hirts Angriff richtet sich direkt gegen Jain und Fitschen.

Die doppelte Krise: Was wird aus der Deutschen Bank?

Die doppelte Krise

Premium Was wird aus der Deutschen Bank?

Die Deutsche Bank war eine Macht. Gefürchtet, aber respektiert. Heute prägen Skandale und Machtkämpfe das Erscheinungsbild. Nur wenn die neue Strategie bald greift, haben die Co-Chefs Jain und Fitschen eine Zukunft.

Dabei sind Hauptversammlungen normalerweise Ereignisse, bei denen sich Firmen selbst bestätigen. Erfolge der Vergangenheit werden beschworen, Chancen der Zukunft in leuchtenden Farben ausgemalt. Dafür wird Applaus erwartet – und Zustimmungsraten, die eher an östlich-sozialistische als an westlich-demokratische Parlamente erinnern. Bei den Aktionärstreffen der Deutschen Bank verteidigte einst der Übervater des Geldhauses, Hermann Josef Abs, die Tugenden des ehrbaren Bankiers. Und Alfred Herrhausen, der wie kein Zweiter für die soziale Verantwortung der Banken einstand, verteilte Autogramme an Aktionäre wie ein Popstar. Seine Nachfolger Rolf Breuer und Josef Ackermann mussten dann schon Buhrufe über sich ergehen lassen. Eine solche Niederlage wie Jain und Fitschen fuhren auch sie aber niemals ein.

Am Tag danach ergibt sich auf den ersten Blick an der Börse ein trübes Bild: Im Dax verlor das Papier des größten Geldhauses des Landes 2,3 Prozent und zählte damit deutlich zu den schwächsten Werten auf dem Frankfurter Parkett. Allerdings wurden die Deutsche-Bank-Aktien ex Dividende gehandelt, das heißt, der Dividendenabschlag wurde einberechnet. Ohne diesen börsentechnischen Abschlag nach einer Hauptversammlung hätten die Titel sogar 0,1 Prozent fester notiert – ein Zeichen dafür, dass bei den Aktionären der Ärger erstmal verraucht ist.

Keine Privatkunden mehr?

Deutsche Bank plant Radikalumbau

Keine Privatkunden mehr?: Deutsche Bank plant Radikalumbau

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

22.05.2015, 17:57 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Klaus Hofer

22.05.2015, 18:08 Uhr

In der causa Pieschetsrieder wurde Herr Piëch seinerzeit mit der Aussage zitiert, er könne sich nicht vorstellen, daß ein Vorstand gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter zu halten sei. Natürlich bezog sich Herr Piëch dabei auf den Aufsichtsrat, der allein über die Wahl von Vorständen entscheidet. Das gestrige Abstimmungsergebnis betraf die Entlastung der Vorstände der Deutschen Bank in der Hauptversammlung. Gleichwohl ist es schon bemerkenswert, wenn rund 40 % der Aktionäre des Finanzinstituts nicht mehr hinter den beiden Co - Vorstandsvorsitzenden stehen, zumal die Entlastung nicht nur von einzelnen Querulanten versagt wurde. In einem anderen Unternehmen wäre dies sicherlich mit personellen Konsequenzen verbunden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×