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20.07.2012

11:04 Uhr

Deutsche Bank und der Libor-Skandal

Was wusste Anshu Jain?

VonSven Afhüppe, Robert Landgraf, Peter Köhler

Wie tief ist der Co-Chef der Deutschen Bank in die Zinsmanipulationen verstrickt? Der neue Aufsichtsratschef des Geldhauses, Paul Achleitner, will alles aufklären und hat eine interne Ermittlergruppe in Marsch gesetzt. Für Jain kommt das zur Unzeit.

Bricht Libor-Affäre Jain das Genick?

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Düsseldorf/FrankfurtJosef Ackermann wollte nicht, dass sein oberster Investmentbanker ihm als Chef der Deutschen Bank nachfolgt. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist bislang, dass ein zentraler Grund dafür die Affäre um die Londoner Zinsmanipulationen gewesen ist, die im Vorstand erstmals im Januar 2010 zur Sprache kamen. „Die Zinsaffäre schwebte wie ein Damoklesschwert über Jain“, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Der Ex-Bankchef habe es an Warnungen gegenüber dem damaligen Aufsichtsrat nicht fehlen lassen.

Fest steht, dass Jain - anders als die Spitze der britischen Großbank Barclays - nicht in die Zinsmanipulationen verwickelt ist. Fest steht aber auch: Es waren seine Leute, die zu einem bankenübergreifenden Kartell gehörten, das verschiedene Zinssätze wie Libor und Euribor beeinflusste, um sich im Derivategeschäft günstige Ausgangspositionen zu verschaffen. Die Aktivitäten hatten System und fielen keinem internen Kontrolleur auf.

Jain legt Wert darauf, dass sich die kriminellen Machenschaften fünf Hierarchieebenen unter ihm abgespielt haben. Er selbst habe eine Untersuchung angeordnet. Die allerdings ist bis heute nicht abgeschlossen. Sie wurde anfangs nicht mit voller Intensität geführt, erfuhr diese Zeitung aus dem Aufsichtsrat.

Mittlerweile kümmert sich ein Team, das mehr als 100 Mitarbeiter umfasst, um Aufklärung. Diese bankinterne Ermittlertruppe arbeitet eng mit der Finanzaufsicht Bafin und den Aufsichtsbehörden in London zusammen. Im September - fünf Jahre nach den Verfehlungen und fast drei Jahre nach deren Bekanntwerden - sollen Ergebnisse vorliegen. Der neue Aufsichtsratschef Paul Achleitner macht erkennbar mehr Druck als Vorgänger Clemens Börsig.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Für Jain, der seit 1. Juni mit Jürgen Fitschen die Deutsche Bank führt, kommt die Aufarbeitung des Skandals zur Unzeit. Im September wollte er die neue strategische Ausrichtung der Bank verkünden. Doch nun muss er viel Energie aufbringen, Verfehlungen seiner Truppe vor und in der Finanzkrise aufzuklären. Der Schatten der Vergangenheit - er wird Jain weiter begleiten.

In Großbritannien hat der Zins-Skandal längst die Topetagen der Banken erfasst. Anfang Juli zog Barclays-Verwaltungsratschef Marcus Agius die Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug an. In einer Anhörung vor dem britischen Parlament hatte er noch versucht, die Verantwortung an die Compliance-Abteilung abzuschieben, die für die Einhaltung der Regeln einer guten Unternehmensführung verantwortlich ist.

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

20.07.2012, 11:11 Uhr

Um sinngemäß ein US-Ausschußmitglied zu zitieren:
"Entweder sie haben es gewusst und sind ein Verbrecher, oder sie haben es nicht gewusst. In dem Fall sind sie Inkompetent"

Account gelöscht!

20.07.2012, 11:23 Uhr

Sehr treffend. Aber ist selbstverständlich die erste Variante.

Ludwig500

20.07.2012, 11:24 Uhr

Nein, Herr Steinbrück. Die Politik ist willfähriger Handlanger der Banken. Herr Gabriel spricht von Erpressung. Ich würde es Korruption nennen.

Der Depp ist der Steuerzahler. Aber dass interessiert weder die Banken noch die Politiker.


Wirklich sehenswert! Nehmt euch die halbe Stunde.

http://www.youtube.com/watch?v=6m0kFgf3m9Q

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