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19.07.2015

12:40 Uhr

Deutsche Bank

Zu viele offene Fragen

VonMichael Maisch

Die Kritik der Bafin wiegt schwer: Die Deutsche-Bank-Elite soll Zinsmanipulationen gebilligt haben. Aufsichtsratschef Achleitner hat Ex-Chef Jain dennoch verteidigt. Wenn die Bank neu starten will, muss sie das erklären.

Aufgaben für John Cryan

Das sind die Baustellen der Deutschen Bank

Aufgaben für John Cryan: Das sind die Baustellen der Deutschen Bank

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FrankfurtEs gibt wohl nichts, was die Deutsche Bank lieber loswerden würde als ihre jüngere Vergangenheit. Aber selbst der Rücktritt von Co-Vorstandschef Anshu Jain reicht nicht, um die Geister der Skandale zu bannen. Ein Führungswechsel ist eben noch kein Neuanfang, und von dem ist die Deutsche Bank noch immer weit entfernt.

Zu schwer wiegen die Vorwürfe, die die deutsche Finanzaufsicht Bafin in ihrem Bericht zu den Manipulationen des globalen Referenzzinses Libor zusammengetragen hat. Gleich vier amtierende Vorstände und zwei weitere Top-Manager des Instituts müssen sich harsche Kritik gefallen lassen. Schwache Kontrollen, schwere Versäumnisse bei der Aufarbeitung des Skandals und eine Kultur, bei der nur die Gewinne zählten – allein die Vorwürfe gegen Ex-Vorstandschef Jain ziehen sich über fünf Seiten des Berichts hin.

Der neue Mann an der Spitze John Cryan will all diese Probleme eigentlich hinter sich lassen. Aber die Sünden der Vergangenheit machen seine ohnehin schon extrem harte Aufgabe noch schwieriger. Cryan muss jetzt nicht nur bis Ende Oktober die Details der neuen Strategie ausarbeiten, er muss auch die Führung der Bank neu ordnen. An einem gründlichen Vorstandsumbau führt kein Weg vorbei.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Aber nicht nur der Druck auf Cryan wächst. Auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner bringt der Bafin-Bericht in Erklärungsnot. Noch immer sind viele Fragen rund um den Abgang von Jain ungeklärt. Am 11. Mai ging der Bericht der Aufseher bei der Deutschen Bank ein.

Zwar ist das Geldhaus unangenehme Post von der Großbankenkontrolleurin der Bafin, Frauke Menke, mittlerweile gewöhnt. Aber die Wortwahl fällt dieses Mal so eindeutig aus, dass Achleitner und seinen Kollegen im Aufsichtsrat eigentlich hätte klar sein müssen, dass Jain kaum noch zu halten ist. Zumal sich beinahe zeitgleich der Widerstand einflussreicher Großinvestoren aufbaute, die unmissverständlich klar machten, dass sie das Vertrauen in Jain verloren haben.

Trotzdem stattete der Aufsichtsrat unter Achleitners Führung Jain noch am Vorabend des Aktionärstreffens mit mehr Macht aus. Zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben bekam der Vorstandschef jetzt auch die Verantwortung für die Umsetzung der neuen Strategie übertragen. Angesichts der beißenden Kritik der Bafin und des sich klar abzeichnenden Aktionärsaufstands ein völlig unverständlicher Schritt.

Die Deutsche Bank dementiert bis heute, dass es der Druck der Bafin war, der Jain am Ende aus dem Amt trieb. Wenn dem so ist, dann bleibt das Bild eines wankelmütigen unentschlossenen Aufsichtsrats, dem übrigens damals auch der neue Chef John Cryan angehörte. Ein erster Schritt für einen echten Neuanfang wäre es, wenn die Bank all die Merkwürdigkeiten rund um den plötzlichen Führungswechsel aufklären würde.

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