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14.04.2016

14:25 Uhr

Deutsche Börse und LSE

„Viele Dinge sind anders als 2004“

Die Deutsche Börse wirbt weiter für eine Fusion mit der London Stock Exchange. Vorstandsmitglied Jeffrey Tessler erklärt im Interview, warum ein Zusammenschluss auch das Wachstum in Europa treiben würde.

Die Deutsche Börse will mit der London Stock Exchange fusionieren. dpa

Deutsche Börse

Die Deutsche Börse will mit der London Stock Exchange fusionieren.

Frankfurt/BerlinJeffrey Tessler ist 2004 erst ein paar Wochen bei der Deutschen Börse, als ihn der damalige Vorstandschef Werner Seifert in sein Büro ruft. Das Unternehmen wolle die London Stock Exchange (LSE) übernehmen, offenbart Seifert – und Tessler fällt aus allen Wolken. Seitdem hat der Deutsche-Börse-Vorstand diverse Fusionsversuche von Deutschlands größtem Börsenbetreiber begleitet. Sie scheiterten allesamt. Doch beim aktuellen Anlauf, mit der LSE zu verschmelzen, stehen die Chancen aus Sicht von Tessler so gut wie nie. „Viele Dinge sind anders als 2004“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Reuters-Interview.

„Wir haben von früheren Versuchen gelernt, die handelnden Personen sind andere, und das Umfeld hat sich signifikant geändert“, erläuterte der 61-jährige Amerikaner. „Europa steht am Scheideweg. Es braucht Wirtschaftswachstum.“ EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill treibe deshalb eine Kapitalmarktunion voran – eine starke Finanzmarktmarkt-Infrastruktur sei dafür unabdingbar. „Für die Kapitalmarktunion ist es von entscheidender Bedeutung, einen der weltgrößten Börsenbetreiber zu haben. In dieser Hinsicht ist das Timing der Fusion perfekt.“

Seit 2004 ist der Amerikaner Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse. PR

Jeffrey Tessler

Seit 2004 ist der Amerikaner Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse.

Mit dieser Argumentation dringt die Deutsche Börse einem Insider zufolge auch bei der Bundesregierung durch. „Ich finde es schlüssig, dass wir einen größeren europäischen Anbieter brauchen“, sagte ein ranghohes Regierungsmitglied Reuters. „Die US-Börsen sind viel größer. Deshalb muss etwas getan werden.“ Tessler verweist in diesem Zusammenhang auf den Bankensektor, wo es keinen europäischen Champion gebe. Hier geben US-Institute seit Jahren den Ton an. „Das Gleiche sollte im Bereich Finanzmarkt-Infrastruktur nicht passieren, besonders wegen der Bedeutung für die Kapitalmarktunion“, erklärte Tessler.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Zusammen wären Deutsche Börse und LSE derzeit über 25 Milliarden Euro wert und würden damit nahe an die beiden großen US-Konkurrenten CME und ICE heranrücken. Die ICE könnte das allerdings noch verhindern und die geplante Fusion torpedieren. Die Amerikaner müssen bis Anfang Mai entscheiden, ob sie eine Gegenofferte für die LSE vorlegen oder nicht.

Tessler ist bei der Deutschen Börse seit Anfang das Jahres für das neu geschaffene Mega-Ressort Kunden, Produkte und Märkte zuständig, das rund drei Viertel der Konzernerlöse einfährt. In ihm sind das Derivate-, Abwicklungs- und Wertpapierverwahrgeschäft gebündelt. Im Derivatehandel müssen Banken und andere Investoren Sicherheiten bei Abwicklungshäusern wie der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing hinterlegen. Die Clearinghäuser springen ein, falls ein Handelspartner ausfällt. So soll die Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden.

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