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28.01.2005

08:30 Uhr

Die Castell-Bank aus Franken ist eine private Sparkasse und damit ein Exot in der Geldbranche

Fürsten gegen den Wucher

VonCaspar Busse (Handelsblatt)

Es sind harte Zeiten für die rund 10 000 Untertanen in der Grafschaft Castell in Franken. Missernten und Hungersnöte haben die Bauern des Kleinstaats an den Rand ihrer Existenz gebracht. Viele begeben sich in ihrer Not in die Hand von wucherischen Geldverleihern. Die Darlehen haben keine Laufzeit, sind jederzeit fällig. Die Bauern leben in ständiger Angst und Unsicherheit, denn sie können nur nach einer guten Ernte zahlen.

HB WÜRZBURG.Man schreibt das Jahr 1774. Auch die Herrscherfamilie Castell macht sich Sorgen um ihre verzweifelten Untertanen. Da entschließt sich Friedrich Adolph Zwanziger in ihrem Auftrag „zur Wohlfahrt und zum Besten des Landes“, wie es in einer Chronik heißt, eine Bank zu gründen – für die damalige Zeit eine absolute Innovation. Die Bank erhält den Namen Gräflich Castell-Remlingen’sche Landes-Credit-Casse, und ist quasi ein öffentliches und gemeinnütziges Institut. Die Idee der Sparkasse ist geboren.

Erster Kunde wird Wilhelm Andreas Köhler aus Nürnberg, der Besitzer der damals bekannten und gut gehenden Wirtschaft „Zum Bitterholz“. Er legte am 1. Februar 1774 genau 2 000 Gulden zu fünf Prozent auf ein halbes Jahr bei der Credit-Casse an. Damit konnten Kredite mit fester Laufzeit an die Bauern vergeben werden. Der Gewinn der Bank wurde zur Versorgung der Witwen und Waisen der Castellschen Landesdiener, für gemeinnützige Landesanstalten sowie zur Verbesserung von Pfarreien und Schulen verwendet. In der Chronik heißt es bald: „Der Wucher ist in der Grafschaft zum größten Teil verdrängt.“

„Die Grundidee der Bank war die Stärkung der Region“, erzählt Ferdinand Graf zu Castell-Castell heute, dessen Familie seit über 900 Jahren in Franken ansässig ist und sich vor allem dem Weinbau und der Forstwirtschaft widmet. Die Castell-Bank existiert noch heute, und der Graf ist einer von zwei persönlich haftenden Gesellschaftern. Noch immer ist das Institut – mit seiner 231 Jahre alten Geschichte inzwischen die älteste Bank in Bayern – fast ausschließlich in der Region um Würzburg mit 16 Filialen tätig. „Unser Prinzip ist: Wir bleiben in der Region verwurzelt“, sagt der Adelige, dem die Privatbank zusammen mit seinem Cousin Johann-Friedrich Erbgraf zu Castell-Rüdenhausen gehört.

Der Markt für die Bank ist damals wie heute begrenzt. Firmenkredite werden nur an Kunden vergeben, die nicht weiter als eine Autostunde von der Würzburger Bankzentrale entfernt sind, erzählt der Graf. Lediglich in der Vermögensverwaltung ist die Adels-Bank auch überregional aktiv. Für ausgewählte Kunden werden insgesamt etwa 850 Mill. Euro verwaltet. Expansion erfolgt, wenn überhaupt, vorsichtig: In diesen Tagen soll eine neue Niederlassung in Heilbronn eröffnet werden, 1986 wurde das letzte mal eine Niederlassung in Nürnberg gegründet. Jetzt wird die Privatbank erstmals auch in Baden-Württemberg aktiv. Gerade bei der Beratung von Reichen will die Bank von ihrer Unabhängigkeit von großen Finanzkonzernen profitieren, sagt Bank-Geschäftsführer Klaus-Dieter Biedermann. Das Motto: „An das Gute glauben, das Schlechte Bedenken.“

Die Bank lebt in ihrer Tradition, setzt deshalb nur auf moderates Wachstum. „Wir wollen nicht boomen. Sie können ja auch nicht 230 Jahre lang boomen“, sagt Graf zu Castell-Castell mit einem Lächeln.

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