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30.06.2015

11:09 Uhr

Die griechische Piraeus-Bank in Frankfurt

Ein Bankrun für Anfänger

VonMichael Brächer

Die Angst vor dem Grexit geht um: Griechenland droht die Pleite, alle Banken bleiben geschlossen. Alle? Nicht ganz: Denn in Frankfurt gibt es eine Filiale der Piraeus-Bank, die noch geöffnet hat. Ein Ortsbesuch.

Kein Bankrun, keine vernagelten Fenster: In der Filiale der Piraeus-Bank im Frankfurter Bahnhofsviertel scheint alles wie immer.

Griechische Bank in Frankfurt

Kein Bankrun, keine vernagelten Fenster: In der Filiale der Piraeus-Bank im Frankfurter Bahnhofsviertel scheint alles wie immer.

FrankfurtSchnell hin, bevor es zu spät ist: Als ich zur Frankfurter Filiale der Piraeus-Bank fahre, rechne ich fest damit, vor verschlossenen Türen zu stehen. Als Journalist ist man schließlich Berufsskeptiker. Doch der einzige Mensch, der es in der Filiale im Frankfurter Bahnhofsviertel eilig zu haben scheint, ist ein Handwerker, der gerade aus der Bank gelaufen kommt. Wahrscheinlich steht er im Parkverbot. Das soll ein Bankrun sein? Ich hatte mich auf vernagelte Fenster und wütende Kunden eingestellt. Jetzt stehe ich vor einer Bankfiliale, die wie jede andere aussieht. Und schlimmer noch: Sie ist sogar geöffnet.

Alles sieht geradezu verdächtig wie in jeder anderen Bank aus. Es gibt einen Schalter, diverse Schreibtische, ein paar Büropflanzen. Auf einem Werbeplakat hält eine freundlich lächelnde Frau ihre Kaffeetasse fest. „In Zeiten niedriger Zinsen auf der Suche nach renditestarken Geldanlagen? Ich habe meine gefunden“, steht da geschrieben. Was kann bei einem Zinssatz von 1,75 Prozent für zwölf Monate Festgeld schon schiefgehen?

Der Geldautomat in der Frankfurter Filiale der Piraeus-Bank funktioniert – vorausgesetzt, man vertippt sich nicht bei der Eingabe der Pin.

Erfolg beim zweiten Anlauf

Der Geldautomat in der Frankfurter Filiale der Piraeus-Bank funktioniert – vorausgesetzt, man vertippt sich nicht bei der Eingabe der Pin.

Das will ich auch von einem Mitarbeiter der Bank wissen. Das Geld sei sicher. Er verweist auf das griechische Einlagensicherungssystem, das auch für die Frankfurter Filiale der Piraeus-Bank gilt. Es hafte für Spareinlagen bis 100.000 Euro. Nun ja. Auch Premierminister Alexis Tsipras hat versprochen, dass die Bankeinlagen der Griechen sicher sind. Trotzdem bildeten sich am Wochenende lange Schlangen vor den griechischen Geldautomaten, nachdem die Verhandlungen im Schuldenstreit gescheitert waren. Die griechischen Banken hängen am Tropf der Europäischen Zentralbank. Bis auf weiteres bleiben sie geschlossen. Zudem hat die Regierung Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, damit die Griechen ihr Geld nicht ins Ausland schaffen. Sie können am Tag nur 60 Euro pro Geldautomat abheben.

An der Frankfurter Filiale der Piraeus-Bank gibt es solche Beschränkungen nicht. Auch der Geldautomat funktioniert noch. Trotzdem will ich lieber nur zwanzig Euro abheben. Schließlich sind die griechischen Banken auch so schon klamm genug, da muss man es nicht noch schlimmer machen. Es wird spannend, denn erst einmal tut sich gar nichts. Das liegt aber nicht an Kapitalverkehrskontrollen, sondern daran, dass ich meine Pin falsch eingegeben habe. Beim zweiten Anlauf surren die Scheine sofort durch den Automaten: „Bitte entnehmen Sie Ihr Geld.“ Geht doch!

Griechenland beschränkt den Geldverkehr – Was bedeutet das?

Was sind Kapitalverkehrskontrollen?

Solche Kontrollen schränken den freien Umgang mit Geld ein. So kann zum Beispiel die Summe begrenzt werden, die Bankkunden täglich am Geldautomaten abheben können - im Falle Griechenlands sind das seit Montag maximal 60 Euro. Möglich wäre auch die Erhebung von Steuern: Wenn jemand Geld ins Ausland schicken möchte, kann der Staat darauf Steuern erheben. Zudem könnten grenzüberschreitende Geschäfte mit einem Höchstbetrag gedeckelt werden. Die Ausgestaltung der Maßnahmen und die Umsetzung der Kontrollen sind nationale Angelegenheit, also der jeweiligen Regierung und der nationalen Zentralbank. Die Behörden erlassen die Gesetze aber mit Zustimmung der Europäischen Union. (Quelle: dpa)

Was sollen die Beschränkungen bezwecken?

Kapitalverkehrskontrollen sollen verhindern, dass Bankkunden ihre Konten plündern, zu viel Geld in zu kurzer Zeit ins Ausland abfließt und die Banken eines Landes somit ausbluten. In Griechenland verschärfte sich die Situation, weil sich über Monate keine Lösung im Schuldenstreit zwischen der Links-Rechts-Regierung von Alexis Tsipras und den internationalen Geldgebern abzeichnete. In den vergangenen Monaten hoben die Griechen rund 36 Milliarden Euro von ihren Konten ab - also rein rechnerisch mehr als 3000 Euro pro Kopf. Das meiste wird im wörtlichen Sinne unter der heimischen Matratze gebunkert, ein Teil wurde ins Ausland geschafft. Edelmetall-Händler in Deutschland etwa berichteten von einer steigenden Goldnachfrage griechischer Kunden. Die Geldeinlagen bei den Hellas-Banken sanken auf 124 Milliarden Euro und damit den niedrigsten Stand seit 2009. Damals lagen noch etwa 233 Milliarden Euro bei den Banken. (Quelle: dpa)

Wie sehen die griechischen Bestimmungen im Detail aus?

Die griechische Notenbank hat mitgeteilt, dass der private Zahlungsverkehr bis zum 6. Juli ausgesetzt ist. Das bedeute, dass zumindest in diesem Zeitraum auch Zahlungsverpflichtungen beispielsweise griechischer Unternehmen im Ausland nicht bedient werden können, analysiert Stefan Mitropoulos von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). „Sollten die Kapitalverkehrskontrollen verlängert werden müssen, dürften hier - wie im Falle Zyperns - Regelungen getroffen und durch die Bank von Griechenland veröffentlicht werden, in welchen Fällen und unter welchen Bedingungen Zahlungen ermöglicht und genehmigt werden.“ (Quelle: dpa)

Welche Regelungen sind im Falle Griechenlands schon bekannt?

Aus einem Papier der Regierung Tsipras geht hervor, dass Überweisungen auf ausländische Konten von einer Kommission innerhalb des Finanzministeriums genehmigt werden müssen. Das Gremium werde nur Transaktionen erlauben, die es für notwendig halte, um „ein öffentliches oder soziales Interesse zu schützen“. Dazu zählen zum Beispiel Ausgaben für Medikamentenimporte. Der Zahlungsverkehr im Inland ist demnach nicht betroffen: Online-Überweisungen innerhalb Griechenlands können weiterhin in jeder Höhe vorgenommen werden. Das gilt auch für Gehalts- und Pensionszahlungen. Beim Einkaufen sollen Verbraucher weiterhin problemlos mit Kredit- oder EC-Karten bezahlen können. Verstößt eine Bank gegen eine der Regeln, muss sie bis zu zehn Prozent des Überweisungsbetrags als Strafe zahlen. (Quelle: dpa)

Womit müssen Unternehmen rechnen?

Griechische Unternehmen, die Geschäfte mit dem Ausland machen wollen, müssen sich darauf einstellen, dass sie in jedem Einzelfall einen Antrag stellen müssen. So sei das üblicherweise bei Kapitalkontrollen, erklärt Ulrich Ackermann, Leiter Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Die Firmen müssten dann den heimischen Behörden erläutern, warum sie zum Beispiel ein bestimmtes Ersatzteil aus dem Ausland beziehen und dafür Geld über die Grenze transferieren müssen. Für deutsche Unternehmen, die nach Griechenland liefern, dürfte sich nach Ackermanns Einschätzung wenig ändern. Die unsichere Lage erschwert Geschäfte mit Griechenland seit Monaten, viele Firmen liefern nur noch gegen Vorkasse. Deutschland ist mit fast 22 Prozent Anteil nach Italien (23 Prozent) Griechenlands zweitwichtigster Maschinenlieferant. (Quelle: dpa)

Auf welcher Grundlage werden solche Beschränkungen beschlossen?

Eigentlich sind in den EU-Mitgliedstaaten „alle Beschränkungen des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern verboten“. So steht es in Artikel 63 des „Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union“. Allerdings gesteht Artikel 65 dieses Vertrages von Lissabon den Staaten Handlungsspielraum zu: Droht der Finanzkollaps, dürfen die Länder Maßnahmen für den Kapitalverkehr ergreifen, wenn die öffentliche Ordnung oder die öffentliche Sicherheit bedroht sind. (Quelle: dpa)

Welche Erfahrungen hat man mit Kapitalverkehrskontrollen gemacht?

Im Euroraum hat vor Griechenland bislang nur Zypern Kapitalverkehrskontrollen verhängt. Im März 2013 wurden dort für mehrere Tage alle Online-Überweisungen gestoppt, die Banken blieben für mehrere Tage geschlossen. Die Bürger konnten an Geldautomaten nur beschränkt Geld von ihren Konten abheben. Im April 2015 hob Zypern alle Einschränkungen wieder auf. (Quelle: dpa)

Hätte es im Falle Griechenlands eine Alternative gegeben?

Kapitalverkehrskontrollen sind zweifelsohne ein schwerer Eingriff in eine der Grundfreiheiten der Währungsunion. Im Falle Griechenlands waren die Kapitalabflüsse seit Monaten so massiv, dass die Banken des Landes nur dank Notkrediten von der griechischen Zentralbank zahlungsfähig blieben. Doch der Widerstand im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), der diese Ela-Notkredite billigen muss, wuchs. Kritiker wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann betonten, es gehe schon lange nicht mehr um vorübergehende Notfallhilfe, die Ela-Kredite seien zur einzigen Geldquelle für die Banken geworden. (Quelle: dpa)

Worauf müssen sich Touristen bei Griechenlandreisen nun einstellen?

Ausländer sollen in Griechenland weiterhin unbegrenzt Geld abheben können. Wer eine ausländische Kredit- oder EC-Karte nutzt, für den soll es keine Beschränkungen geben - vorausgesetzt, es ist genug Geld im Automaten. Das Auswärtige Amt rät deutschen Touristen vorsorglich, „sich vor der Reise mit ausreichend Bargeld zu versorgen“. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) empfiehlt Griechenland-Urlaubern, so oft es geht mit Karte zu bezahlen. (Quelle: dpa)

Ich scheine der einzige Mensch zu sein, der sich darüber wundert. In der Bank gehen Kunden ein und aus, Mitarbeiter sprechen auf dem Gang miteinander. Manche auf Deutsch, andere auf Griechisch. Der Chef lässt sich entschuldigen. Doch ein Banker erzählt mir, dass der Schuldenstreit natürlich auch hier das wichtigste Thema ist. Man telefoniere noch häufiger mit den Kollegen und Verwandten in der Heimat als sonst. Zitieren lassen will sich mein Gesprächspartner lieber nicht. Aber zwei Dinge werden mir klar: Die Leute hier tun, was sie können. Aber tun können sie nicht viel. Denn wie es mit den griechischen Banken weitergeht, liegt vor allem in den Händen der Politik.

Kommentare (1)

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Herr Markus Tischer

30.06.2015, 12:24 Uhr

Was soll dieser stumpfsinnige Hinweis auf Kriegsverbrechen des 2. Weltkriegs?

Das ist nun wirklich ein absolut anderes Thema und hat mit der aktuellen Situation nicht das geringste zu tun.

Die Forderungen gegen Deutschland sind nach allgemeiner Rechtsauffassung mit de rLondoner Schuldenkonferenz abgegolten worden.

Damit jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende zu kommen, ist aberwitztig.

Oder muss ich Griechenland meinen germanischen Ur-Ur-Ur- Ur......Onkle, der von Herakles anno 300 v..Ch. erschlagen wurde, in Rechnung stellen?

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