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16.07.2012

10:15 Uhr

EBA-Vorgaben

Neue Kapital-Hürde aus London

Europas Banken mussten sich gehörig strecken, um die harte Kernkapitalquote zu erfüllen. Doch jetzt kommt heraus: Die Institute sollen die neun Prozent dauerhaft vorhalten. Das könnte einige überfordern.

EBA-Chef Andrea Enria will an den neun Prozent Kernkapitalquote festhalten. picture alliance / dpa

EBA-Chef Andrea Enria will an den neun Prozent Kernkapitalquote festhalten.

London/FrankfurtSeit dem Ausbruch der Finanzkrise hat die Bankenbranche viel Vertrauen verspielt. Zudem stehen viele Finanzinstitute auf wackeligen Füßen - gerade in Europa. Die European Banking Authority (EBA) will den Banken einen festeren Sockel gießen. Doch die heutige Ankündigung der europäischen Bankenaufsichtsbehörde wird vielen Finanzvorstände der Institute den Schweiß auf die Stirn treiben.

Eigentlich sollte es nur eine einmalige Anforderung sein - doch zum Schrecken der europäischen Banken bleibt die harte Kernkapitalquote von neun Prozent auch in Zukunft bestehen. Das sagte Andrea Enria, der Chef der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA der „Financial Times“.

Was ist eine Kernkapitalquote?

Für Europas Banken ...

... dreht sich alles um einen finanztechnischen Begriff, die Kernkapitalquote (englisch: „Tier“). Für den letzten Stresstest forderte die europäische Bankenaufsicht EBA mindestens neun Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken: Bis Ende Juni 2012 mussten die Institute diesen Wert erreichen. In dem Test ermittelten die Aufseher, wie groß die Kapitallücke der Geldhäuser bei einer Bewertung der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen zu Marktpreisen ist.

Die Kennzahl wird berechnet, ...

... indem man das Kernkapital (damit ist das unmittelbar haftende Eigenkapital gemeint) durch die Summe der Risikoposten (etwa Kredite und Wertpapiere) teilt. Die Kernkapitalquote sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. Die Kernkapitalquote gilt darum als wichtige Zahl, um Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen. Wer mehr Kernkapital hat, kann Verluste besser abfedern.

Beim letzten großen Stresstest ...

... im Sommer 2011 hatten die EU-Aufseher als Untergrenze fünf Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken gefordert. Dabei hatte die EU-Bankenaufsicht EBA strengere Maßstäbe angelegt als beim Test 2010: Es wurden bereits die engeren Eigenkapitalregeln nach den neuen Bankenregeln („Basel III“) berücksichtigt, obwohl diese erst von 2013 an gelten.

Die Aufseher ...

... gingen in dem damaligen Test von einer harten Kernkapitalquote aus („Core Tier 1“). Diese umfasst gezeichnetes Kapital und Rücklagen, nicht aber die bei deutschen Landesbanken üblichen Stillen Einlagen und auch kein sogenanntes hybrides Kapital (Zwischenformen von Schulden und Eigenkapital).

Eigentlich sollten die Institute die Quote von neun Prozent „nur“ bis Ende Juni dieses Jahres erreichen. Aber Enria betont: „Das Wichtigste ist jetzt die Konservierung von Kapital.“ Die EBA hat die Befürchtung, dass das Kapital „wieder freigesetzt wird“. Die Behörde will die Banken dazu zwingen, Kapitalpläne zu entwickeln, mit denen sie die neun Prozent dauerhaft vorhalten können.

Die große Bilanz der EBA hatte in der vergangenen Woche ein vorsichtiges Bild gezeichnet: Die europäischen Großbanken seien auch nach der von den Aufsehern verordneten massiven Sanierung ihrer Bilanzen noch nicht aus dem Gröbsten heraus.

27 Institute hätten ihre Kapitalbasis seit Ende des vergangenen Jahres um insgesamt 94,4 Milliarden Euro aufgebessert. Sieben Institute brauchten aber Finanzspritzen des Staates von zusammen 9,5 Milliarden Euro, um das geforderte Kapitalpolster von neun Prozent der risikogewichteten Bilanzsumme zu erreichen. Einige davon sind auch noch nicht geflossen.

„Da muss noch eine Menge getan werden“, resümierte EBA-Chef Andrea Enria. „Das ist noch nicht die Wunderwaffe, um die schwierige Situation der europäischen Banken zu lösen.“ Die Banken dürften bei der Reparatur ihrer Bilanzen nicht nachlassen.

Die EU hatte mit der Aktion, die Kernkapitalquote auf neun Prozent zu erhöhen, an der ursprünglich 31 Banken beteiligt waren, das Vertrauen und die Stabilität in die Branche wiederherstellen wollen. Die Vorgabe sollte ursprünglich solange gelten, bis die neuen Regeln des Regelwerks Basel III greifen. Diese treten bis 2019 schrittweise in Kraft und sehen lediglich eine Kernkapitalquote von sieben Prozent vor. Bei den großen globalen Banken kann ein Aufschlag von bis zu 2,5 Prozent hinzukommen.

Kommentare (13)

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Ludwig500

16.07.2012, 11:02 Uhr

"Sieben Institute brauchten aber Finanzspritzen des Staates von zusammen 9,5 Milliarden Euro, um das geforderte Kapitalpolster von neun Prozent der risikogewichteten Bilanzsumme zu erreichen"

Und wenn die Vorgaben nicht erfüllt sind hilft mal wieder der Staat. Und wenn der auch nichts hat die doofen Deutschen.

Es ist wirklich kaum noch auszuhalten.

madhouse

16.07.2012, 11:11 Uhr


Baseler Ausschuss, Bundesbank, EU, CEBS, Bafin und jetzt noch eine EBA.

Kann es sein, dass in Sachen Bankenregulierung und Zuständigkeiten keiner genau weiß, wer was zu beaufsichtigen und regeln hat? Welche Insitution ist denn für was konkret zuständig - ich blick da nicht durch.

Account gelöscht!

16.07.2012, 11:14 Uhr

Es ist schon seltsam, dass jetzt wieder diejenigen bedauert werden, die Hauptverursacher der Krise sind, nämlich die grossen Finanzinstitute. Wer jahrelang auf dem Rücken von Steuerzahlern und Anlegern verdient hat, wer durch masslose Bonizahlungen, risikoreiche Eigengeschäfte für die zu einem grossen teil Kundengelder verwendet wurden und werden, der darf sich letztlich nicht wundern, wenn ihm die Fesseln angelegt werden.
Klar ist, dass mit einer Eigenkapitalquote von 9 % das Spekulationskapital minimiert wird. Allerdings muss man auch sagen, dass die masslosen Anleger, die selbst in schlechten Zeiten den Zins- und Gewinnhals nicht vollkriegen auch mit Schuld an diesem Dilemma sind. Wer fragt schon danach, woher eigentlich das Geld kommt bei einem Tagesgeldzinssatz von 2,5 %. Das Geld kann eine Bank nur mit hochspekulativen und von hohem Ausfallrisiko bedrohten Geschäften erwirtschaftenbei einem Tageszinssatz, der realistisch bei ca. 0,5 % liegt.
Wenn man also trotz Bankenkrise nicht realistisch wirtschaftet, soll dieses Risiko wenigstens realistisch abgesichert werden. Sonst werden demnächst die nächsten Milliarden Bürgschaften für Banken fällig-- mit noch zu erwirtschaftendem Steuergeld

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