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11.10.2011

20:02 Uhr

Eigenkapital-Check

Europas Banken im Blitz-Stresstest

Europäische Banken müssen sich wegen der Staatsschuldenkrise auf Milliardenhilfen einstellen. Die Aufsichtsbehörde EBA zieht derzeit einen verschärften Blitz-Stresstest durch, um die Schwachstellen zu ermitteln.

Bankentürme von Frankfurt am Main. dpa

Bankentürme von Frankfurt am Main.

FrankfurtDie Banken müssen dieses Mal unter Krisenbedingungen auf eine harte Kernkapitalquote von mindestens sieben Prozent kommen, wie mehrere Banker und Regulierer der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag sagten. „Diese Messlatte des Tests dürfte eine große Zahl von Banken in Europa und Deutschland reißen“, sagte ein Banker voraus. „Da wird eine ordentliche Summe an benötigtem Kapital zusammenkommen.“

Wer die Marke nicht erreicht, werde aufgefordert, sich frisches Kapital zu besorgen - am Markt oder beim Staat, hieß es in den Finanzkreisen. Angesichts der aktuellen Unruhe an den Märkten dürfte vielen Häusern am Ende nur die Staatshilfe bleiben - wie schon zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Seither haben die Staaten in der Europäischen Union mehr als 400 Milliarden Euro in die Banken gesteckt. Dadurch wurde die Verschuldung der einzelnen Länder in die Höhe getrieben.

Welche Großbanken im Visier der Ratingagenturen sind

Italien

Standard & Poor's hat am Mittwoch den 21. September die langfristige Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Instituten herabgestuft und deren Ausblick mit negativ bewertet. Darunter sind auch Größen wie Mediobanca und Intesa SanPaolo, die von der Bonitätsstufe „A+“ auf „A“ rutschten. Die Ratingagentur drohte, dass noch acht weitere Häuser abgewertet werden könnten - unter anderem die größte italienische Bank Unicredit. Die Herabstufung der Geldhäuser ist in diesem Fall eng verknüpft mit der Bewertung der Staatsbonität. Anfang der Woche stufte S&P Italien ebenfalls von „A+“ auf „A“ ab.

Frankreich

Ins Visier der Ratingagentur Moody's gerieten am 14. September zwei der drei französischen Großbanken. Die Kreditwürdigkeit der Crédit Agricole und der Société Générale wurde jeweils um eine Stufe auf „Aa2“ beziehungsweise auf „Aa3“ herabgestuft. Das entspricht immer noch einer sehr guten bis guten Bonität. Begründet wurde die Entscheidung mit den Engagements der Banken in Griechenland. Die Ratingagentur erwägt wegen der angeschlagenen Finanzmärkte eine weitere Abstufung der Noten. Beim Marktführer BNP Paribas wurde die Frist für die Überprüfung verlängert.

Griechenland

Während italienische und französische Banken trotz Herabstufung noch über eine gute Bonität verfügen, steht die Kreditwürdigkeit griechischer Geldhäuser seit dem Sommer auf „Ramschniveau“. Am Donnerstag den 22. September hat Moody's acht Institute nochmals um zwei Stufen herabgestuft - sie stehen aufgrund der Schuldenkrise und drohende Pleite des Landes kurz vor einem Zahlungsausfall. Die EmporikiBank, eine Tochter der französischen Credit Agricole, und die General Bank notieren nun bei „B3“, die National Bank, die EFG Eurobank, die Alpha-Bank, die Piräus Bank, die Attica Bank und die ATE bei „Caa2“.

USA

Nach Einschätzung von Moody's würde die US-Regierung eine aktuelle Bankenpleite möglicherweise nicht auffangen. Mit der Warnung ging eine Herabstufung einher: Die Ratingagentur attestierte der Bank of America, dem größten Geldhaus der USA, statt eines guten Ratings („A2“) nur noch ein befriedigendes („Baa1“). Auch Konkurrent Wells Fargo rutschte leicht von „A1“ auf “A2“ - immer noch eine gute Bonität.

Deutschland

DDie französische Société Générale rutschte im Moody's-Rating auf „Aa3“ - das entspricht der Bonität der Deutschen Bank. Von Standard & Poor's erhält Deutschlands größtes Geldhaus ein „A+“, von Fitch ein „AA-“. Die Einstufungen sprechen für eine gute bis befriedigende Bonität. Die Commerzbank als Nummer zwei erhält von den drei Ratingagenturen jeweils eine „befriedigende“ Beurteilung. Keine private deutsche Großbank wurde während der Zuspitzung der Euro-Krise in diesem Jahr in ihrer langfristigen Bonität herabgestuft.

Spanien, Portugal, Irland

SPANIEN, PORTUGAL und IRLAND: In den drei anderen PIIGS-Staaten neben Italien und Griechenland ist die Situation unterschiedlich. Moody's senkte die Bewertung der Anleihen von 30 spanischen Instituten im März dieses Jahres um eine oder mehr Stufen. Die beiden Großbanken Santander und BBVA waren von der Abstufung aber nicht betroffen. Ihre Bonität ist nach wie vor gut. Die größte portugiesische Bank, Caixa Geral de Depósitos, wurde dieses Jahr dagegen von allen drei Ratingagenturen jeweils zweimal abgestuft. Ihre Bonität wird durchgehend als befriedigend bewertet.

Die Kreditwürdigkeit mehrerer großer irischer Institute wie der Bank of Ireland oder der Allied Irish Banks wurde durch die Fast-Pleite des Landes 2010 von Moody's auf „Ramschniveau“ herabgestuft.

Nach Reuters-Berechnungen auf Basis der Daten des vergangenen Stresstests vom Sommer müssten 48 Banken nach den Kritierien der neuen Prüfung etwa 100 Milliarden Euro an frischen Mitteln aufnehmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte den Kapitalbedarf auf bis zu 200 Milliarden Euro beziffert. Bei der letzten groß angelegten Belastungsprobe von 90 Finanzinstituten im Sommer lag die Bestehenshürde nur bei fünf Prozent hartem Kernkapital. Der Test war als zu lax kritisiert worden, nur acht Banken fielen durch.

Anders als damals wird nun auch durchgespielt, welche Folgen es für die Kapitalausstattung hätte, wenn die Staatsanleihen aus den Euro-Krisenländern auf den Marktwert abgeschrieben werden, wie sich aus dem Reuters vorliegenden Formular ergibt. Die Banken müssen demnach ihre Kapitalausstattung per Ende Juni und ihre Engagements in den Euro-Krisenländern mit Buchwert zum Ende September angeben. In dem Stress-Szenario unterstellen die Aufseher dann eine Bewertung zu Marktpreisen, sprich sie gehen von weiteren Abschreibungen aus, wie mehrere Banker erläuterten.

Spannungen unter Europas Banken und die Folgen

Warum ist das Vertrauen unter den Banken beschädigt?

Dies hat mehrere Gründe und geht letztlich auf die Finanzkrise zurück. Wegen massiver Verluste infolge der 2008 geplatzten Immobilienblase in den USA sind die Banken ohnehin angeschlagen, einige große Institute wären ohne staatliche Hilfe sogar pleite gegangen. Dies erklärt, warum die aktuelle Staatsschuldenkrise eine abermalige Bedrohung für die Banken darstellt: Da Kreditinstitute neben dem Steuerzahler die Hauptfinanzierer von Staaten darstellen, sind auch sie von möglichen Zahlungsausfällen etwa in Griechenland betroffen. Dies lastet auf dem Vertrauen der Institute untereinander.

Woran wird der Vertrauensverlust deutlich?

Ein wichtiges Maß für das Misstrauen der Banken untereinander ist das Geschäft mit der Europäischen Zentralbank (EZB), über das sich die Institute refinanzieren. Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei der EZB sehr kurzfristig frisches Geld zu besorgen oder überschüssige Mittel dort anzulegen. Diese eintägigen „Über-Nacht-Geschäfte“ nehmen die Banken normalerweise kaum in Anspruch, da die Konditionen ungünstig sind. So verlangt die EZB für eintägige Ausleihungen derzeit einen Zins von 2,25 Prozent. Für eintägige Einlagen zahlt sie hingegen nur 0,75 Prozent. Im direkten Handel zwischen den Banken - auf dem sogenannten Interbanken- oder Geldmarkt - sind die Konditionen für gewöhnlich deutlich günstiger.

Wie hoch genau ist das Misstrauen der Banken untereinander?

Derzeit misstrauen sich die Banken ungewöhnlich stark, jedoch bei weitem nicht so sehr wie zu Zeiten der Lehmann-Pleite 2008 oder der ersten Zuspitzung der Griechenland-Krise 2010. Seinerzeit war der direkte Kredithandel zwischen den Banken faktisch nicht mehr vorhanden - die EZB musste einspringen und die Institute mit Liquidität versorgen. Damals lag beispielsweise das Niveau der eintägigen Bankeinlagen bei der EZB bei zeitweise 385 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor der Finanzkrise im Jahr 2007 betrugen die Einlagen im Durchschnitt gerade einmal 500 Millionen Euro, also rund 0,1 Prozent des Spitzenwerts in der Krise. Aktuell liegt das Niveau der Bankeinlagen bei rund 120 Milliarden Euro, Mitte September lagen sie aber schon einmal bei knapp 200 Milliarden Euro.

Ist das Misstrauen auf Europa begrenzt?

Nein, auch Banken außerhalb des Euroraums misstrauen europäischen Instituten immer mehr. Deutlich wird dies daran, dass etwa US-Banken und Geldmarktfonds immer weniger bereit sind, europäischen Instituten Geld zu leihen. Auch hier muss die EZB einspringen: So bietet sie seit längerem wöchentliche Refinanzierungsgeschäfte in Dollar an, damit die europäischen Banken ihre Geschäfte in den USA weiterführen können. Unlängst hat die EZB sogar zusätzliche Geschäfte mit einer längeren Laufzeit von drei Monaten aufgelegt. Damit will sie die Planungssicherheit der Institute erhöhen.

Welche Probleme ergeben sich aus dieser Situation?

Die größte Gefahr ist ähnlich wie in der Finanzkrise, dass nämlich letztlich das gesamte Bankensystem ins Wanken geraten könnte. Sollte etwa Griechenland pleite gehen, müssten die betroffenen Institute einen erheblichen Teil ihrer griechischen Staatsanleihen abschreiben. Experten gehen zwar davon aus, dass dies für die meisten großen Banken noch verkraftbar wäre. Viel schlimmer aber wären ähnliche Konstellationen in anderen Euro-Ländern. Würden nach Griechenland auch andere Staaten ihre Schulden nicht mehr bedienen können, würde das europäische Bankensystem vermutlich an den Rand des Abgrunds gedrängt werden. Der IWF veranschlagt die gesamten Bankrisiken, die aus der europäischen Schuldenkrise resultieren, auf 300 Milliarden Euro.

Kommentare (3)

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zock

11.10.2011, 20:15 Uhr

Zwei Jahre wurden schwachsinnige Stresstests durchgeführt, mit dem einzigen Zweck nur ja niemandem auf die Füsse zu treten. Wenns dann um die Rekapitalisierung geht wird wieder per Blitztest festgestellt wie arm die Banken doch alle dran sind und dass sie dringend unser Steuergeld benötigen. Das ist nicht mehr der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, das ist eine handfeste Überschwemmung.

Account gelöscht!

11.10.2011, 20:53 Uhr

...und es wird wieder ganz anders kommen: Die europäischen Banken werden nicht vom freien Markt oder von ihren Heimatstaaten wiederbelebt, sondern - ganz wie es Herr Zarkozy möchte - kollektiv über den Rettungsschirm. Deutschland bezahlt dann nicht nur für die Rettung der Eurostaaten, sondern auch gleich noch für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen europaweit. Schöner kann Sozialismus auch nicht sein.

steve

11.10.2011, 22:21 Uhr

Zins sorgt für Verschuldung. Muss man Zinsen auf seine Schulden zahlen, dann bleibt weniger Geld für Konsum übrig. Wir brauchen deshalb dringend einen Systemwechsel. Wie im Buch "Spielgeld - ein neues Wirtschaftssystem" beschrieben. Und zwar früher als später.

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