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29.09.2011

09:30 Uhr

„Einseitige Untersuchungen“

Gribkowsky greift Ermittler im Fall BayernLB an

VonFidelius Schmid

ExklusivIm Fall BayernLB gibt es eine neue Wende. Gerhard Gribkowsky, der frühere Manager der Landesbank, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. Die Untersuchungen seien zu einseitig verlaufen.

Das Logo der Bayerischen Landesbank. Im Fall um die BayernLB gibt es eine neue Wende. dpa

Das Logo der Bayerischen Landesbank. Im Fall um die BayernLB gibt es eine neue Wende.

DüsseldorfFormel-1-Chef Bernie Ecclestone soll dem ehemaligen BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky mehr Geld geboten haben als bislang bekannt. Gribkowsky sagte Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft München, im Gespräch seien sogar 70 oder 80 Millionen US-Dollar für ihn gewesen. Das geht aus einem Vermerk der Staatsanwältinnen über ein Gespräch mit Gribkowsky hervor, der dem Handelsblatt vorliegt.

Gribkowsky sitzt seit Januar in Untersuchungshaft, da er im Zusammenhang mit dem Verkauf der Anteile der BayernLB an der Motorsportserie Formel 1 illegal Zahlungen in Millionenhöhe erhalten haben soll. Er erhielt von Ecclestone und von Firmen aus dessen Dunstkreis 44 Millionen US-Dollar, die er in einer Stiftung in Österreich platzierte. Die Staatsanwaltschaft hat Gribkowsky deswegen wegen Korruption, Untreue und Steuerhinterziehung angeklagt. Der Prozess soll im Oktober beginnen. Gribkowsky und Ecclestone weisen zurück, dass die Zahlungen im Zusammenhang mit dem Verkauf der Formel-1-Anteile erfolgt seien.

Gribkowskys Anwalt beantwortete Fragen zu diesem Sachverhalt nicht. Ecclestones Anwalt ließ ausrichten, er wolle keinen Kommentar abgeben. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte, sie wolle zu Ermittlungsdetails nicht Stellung nehmen.

Noch keine Aussage

Gribkowsky hat seit seiner Verhaftung gegenüber der Staatsanwaltschaft noch nicht ausgesagt. Der Gesprächsvermerk der Anwälte beruht auf einem Treffen im späten Dezember 2010. Gribkowsky hatte die Staatsanwälte um das Gespräch gebeten, da er sich von einem Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" im Zusammenhang mit seiner Stiftung in Österreich bedrängt fühlte. Gribkowsky wollte damals zeigen, dass er das Geld legal erhalten habe.

Vom Buhmann der Nation bis Dr. No im Norden

Viel Arbeit für Gerichte

Vom Buhmann der Nation bis Dr. No im Norden: Es folgt ein Überblick über die weiteren Verfahren

Komplexe Materie

Auf den Schock über die Finanzkrise folgte die Empörung – und die Forderung, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Seither gibt es zahlreiche strafrechtliche und zivile Verfahren gegen Banker in Deutschland – auch zu spektakulären Fällen, die nicht direkt oder gar nichts mit der Krise zu tun haben. Doch die Materie ist hochkomplex.


HRE - der Buhmann

Die Empörung gegenüber maßlosen Bankern fand im 2008 gefeuerten Vorstandsvorsitzenden der Hypo Real Estate (HRE) die perfekte Vorlage. Georg Funke klagt bis heute auf die Nachzahlung seines Gehalts über 3,5 Millionen Euro und Pensionsansprüche. Funke betrachtet sich als Opfer der Krise. Würde er auf seine Gehaltsforderungen verzichten, könnte dies als Schuldeingeständnis gewertet werden, argumentieren Juristen.

HRE - der Buhmann

Noch kurz nach der Lehman-Pleite im September 2008 erklärte Funke, die HRE habe keine Probleme. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen Funke als Hauptverantwortlichen der HRE- Pleite, ohne ihm bislang eine Klage zugestellt zu haben. Die HRE wurde verstaatlicht und konnte durch Kapitalhilfen über zehn Milliarden Euro, Liquiditätsgarantien über 145 Milliarden und Entlastungsmaßnahmen über 20 Milliarden Euro gerettet werden.

SachsenLB – virtuelle Gewinne

Auch im Fall der 2007 in Schieflage geratenen SachsenLB kommt die juristische Aufarbeitung nur langsam voran. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat Anfang September gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Michael Weiß und die Vorstände Hans-Jürgen Klumpp und Rainer Fuchs Klage erhoben. Sie wirft den ehemaligen Vorständen vor, dafür gesorgt oder davon gewusst zu haben, dass die Bilanzen der Jahre 2003 und 2004 geschönt waren. Auf dieser Grundlage sei es zu ungerechtfertigten Auszahlungen an Anteilseigner und Mitarbeiter gekommen. Die Vorstände schieden 2005 aus.

SachsenLB – virtuelle Gewinne

Die Sachsen LB musste nach Fehlspekulation ihrer Zweckgesellschaften 2007 durch die Sparkassen und das Land Sachen gerettet werden und wurde von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen. 2007 trat der gesamte Vorstand zurück sowie Finanzminister Horst Metz und bald darauf Ministerpräsident Georg Milbradt.

Apobank – verzockt

Der Aufsichtsrat der Apotheker- und Ärztebank klagt gegen fünf frühere Vorstände auf 66 Millionen Euro Schadensersatz. Die Apobank wirft ihren Ex-Managern den Kauf riskanter strukturierter Wertpapiere vor. Diese führten 2009 zum ersten Verlust in der Geschichte.

IKB – der einzige Schuldspruch

Mit der Schieflage der Düsseldorfer IKB war die Finanzkrise im Spätsommer 2007 in Deutschland angekommen. Die Mittelstandsbank hatte sich mit US-Ramschhypotheken verspekuliert. Die Rettung kostete mehr als zehn Milliarden Euro.

IKB – der einzige Schuldspruch

Der damalige Vorstandsvorsitzende Stefan Ortseifen bekräftigte am 20. Juli 2007, also eine Woche vor der Beinahe-Pleite, die Gewinnprognose der Bank. Das Gericht hat darin eine bewusste Marktmanipulation gesehen. Ortseifen ist bislang der einzige rechtskräftig verurteilte Vorstand. Das Urteil lautet auf zehn Monate Haft auf Bewährung und Zahlung von 100000 Euro. Für Ortseifen ist die Sache damit noch nicht beendet. Die IKB klagt nun gegen ihn auf Rückzahlung von Tantiemen, rückständiger Mieten für die bankeigene Dienstvilla sowie auf die Räumung derselben.

WestLB – die Kleinen hängt man

Weitestgehend unbeachtet geht das Verfahren bei der WestLB voran. Hier geht es um rund 600 Millionen Euro Verluste, die die Bank durch Spekulationen mit VW-Aktien erlitten hatte. Allerdings geht die juristische Aufarbeitung ohne die Führungsetage von damals voran: Das Verfahren gegen Ex-Vorstandschef Thomas Fischer und weitere Vorstände wurde gegen eine mittlere sechsstellige Geldauflage eingestellt. Angeklagt sind nun ein ehemaliger Bankdirektor und zwei ehemalige Händler sowie zwei externe Händler. Der Prozessauftakt steht noch nicht fest.

HSH – Omega-Papiere und Porno

Auch die HSH Nordbank schien zwischenzeitlich wie ein Affärenstadel: Wegen der Verluste aus den sogenannten „Omega-Papieren“, einer Investition in verbriefte Kredite, ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen sechs ehemalige Vorstände, darunter auch den ehemaligen Bankchef Jens-Dirk Nonnenmacher wegen Untreue und Bilanzfälschung. Ein Sprecher der Behörde sagte, die Ermittlungen seien „weitestgehend abgeschlossen“, eine Entscheidung über eine Anklage falle zeitnah. Zudem prüft der Aufsichtsrat der HSH eine Schadensersatzklage.

HSH – Omega-Papiere und Porno

Außerdem wurde die Bank vergangenes Jahr durch zwei veritable Affären erschüttert: So soll dem Leiter der New Yorker Filiale Material untergeschoben worden sein, das ihn mit Kinderpornos in Verbindung brachte. Zudem soll einem ehemaligen Vorstandsmitglied untergejubelt worden sein, vertrauliche Informationen an die Presse gegeben zu haben. Bei beiden Betroffenen hat die Bank sich inzwischen entschuldigt. Staatsanwaltliche Ermittlungen sind aber noch anhängig – und auch die Frage, welche Rolle Nonnenmacher darin spielte.

LBBW – leise geworden

Die Ermittlungen bei der Landesbank Baden-Württemberg dauern an. Hier geht es um den Verdacht der Untreue – im Visier der Ermittler stehen der Ex-Vorstandschef Siegfried Jaschinski und weitere amtierende und ehemalige Vorstände. Ihnen wird vorgeworfen, zu einem Zeitpunkt in US-Hypothekenpapiere investiert zu haben, als der Zusammenbruch des Marktes praktisch feststand. Jedoch ist es um das Verfahren leise geworden. Das war nicht immer so: 2009 sorgte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit einer Razzia für Aufsehen.

KfW – Dummheit nicht strafbar

Seit einiger Zeit eingestellt ist das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen ehemalige Vorstände und den noch amtierenden Chef der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die Staatsbank hatte der US-Bank Lehman Brothers 320 Millionen Euro überwiesen – obwohl diese bereits in der Nacht zuvor pleitegegangen war. „Deutschlands dümmste Bank“ titelte „Bild“.

In dem mehrstündigen Gespräch mit den Ermittlern zeichnete Gribkowsky ein Bild rauer Sitten zwischen Ecclestone und der BayernLB: So habe Ecclestone ihn im Streit um die Kontrolle der Formel 1 gewarnt, er solle "vorsichtig sein". Später sei er dann beim Joggen im Perlacher Forst von "zwei Typen zusammengeschlagen worden". Er habe den Vorfall der Polizei gemeldet, eine Verbindung zu Ecclestone habe sich aber nie nachweisen lassen. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte, ihr sei nicht bekannt, dass ein solcher Fall der Polizei gemeldet worden sei.

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