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08.09.2011

10:21 Uhr

Entlassungswelle

Banker zittern um ihre Jobs

VonNils Rüdel, Michael Maisch, Holger Alich

Strenge Regulierung, sinkende Umsätze, einstürzende Aktienkurse: Die Banken weltweit bereiten sich auf schwere Zeiten vor. Sie kürzen, wo es nur geht. Die Entlassungswelle 2011 ist anders als andere zuvor.

Luke Holden: Der ehemalige Investmentbanker verdient sein Geld heute mit Hummern.

Luke Holden: Der ehemalige Investmentbanker verdient sein Geld heute mit Hummern.

Washington/London/Zürich.Es war ein kurzer Ausflug in die glitzernde Welt der Wall Street. Luke Holden war einer dieser talentierten Studenten, nach denen sich die Hochfinanz die Hände reibt. Nach dem Studium an der Eliteuni Georgetown in Washington heuerte Holden 2007 in Manhattan an – und verdiente mit Mitte 20 als Investmentbanker prächtig Geld.

Doch dann kam die Finanzkrise, und um den jungen Banker herum verloren Kollegen reihenweise ihre Jobs. „Die Stimmung war schlecht und die Aussichten mau“, erinnert sich Holden an die dunkle Zeit Ende 2008. Also kam er der großen Entlassungswelle zuvor und machte das, worauf er Lust hatte. Er gründete Ende 2009 im schicken East Village „Luke's Lobster“, ein Restaurant, wo es Hummer zu erschwinglichen Preisen gab.

Droht eine Neuauflage der Bankenkrise?

Gibt es erste Anzeichen für eine Krise?

Das Misstrauen der Banken untereinander ist gestiegen. Sie leihen sich nicht mehr unbesorgt Geld, sondern deponieren es trotz geringer Zinsen teilweise lieber bei der Europäischen Zentralbank. Im August steigen die bei der EZB über Nacht „geparkten“ Gelder deutlich, auf zeitweise bis zu 145 Milliarden Euro. Von den Höchstständen während der Finanzkrise - 2008 waren es in der Spitze fast 300 Milliarden Euro - ist das aber noch ein gutes Stück entfernt.

Zugleich leihen sich die Institute nicht mehr so schnell Geld ohne Absicherung. Die Zinsen für unbesicherte Kredite in Euro sind deutlich stärker gestiegen als für besicherte. Der Abstand liegt in ruhigen Zeiten bei 0,2 Prozentpunkten, mittlerweile beträgt er 0,7 Prozentpunkte, wie Marc Hellingrath Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft Union Investment berichtet. Zur Zeiten der Lehman-Krise waren es allerdings 2 Prozentpunkte.

Warum steigt das Misstrauen?

Banken haben milliardenschwere Forderungen an die Eurosünder Griechenland, Portugal oder Irland in ihren Büchern. Das Problem: Staatsanleihen aus OECD-Staaten müssen nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. „Die Banken haben Risiken in ihrer Bilanz stehen, die als solche nicht gekennzeichnet sind“, sagt Bankenexperte Hein.
Kann ein Land seine Schulden ganz oder teilweise nicht zurückzahlen, müssen die Banken die Anleihen abschreiben, das führt zu Verlusten, die das Eigenkapital verringern.

Was unterscheidet die Lage von der letzten Krise?

Die meisten Banken stehen besser da als vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, da sind sich Experten einig. Die Institute haben ihre Bilanzen um faule Kredite bereinigt, die Kapitalausstattung ist besser. „Wir sind sehr weit entfernt von einer Situation, wie wir sie 2008 erlebt haben“, sagte jüngst Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret. Die europäischen Banken hätten im allgemeinen ihre Kapitalbasis erheblich gestärkt und seien dadurch widerstandsfähiger geworden. Den jüngsten Banken-Stresstest hatten alle deutschen Institute bestanden.

Gibt es auch positive Signale?

US-Investorenlegende Warren Buffett kündigte jüngst an, für fünf Milliarden Dollar Aktien der angeschlagenen Großbank Bank of America zu kaufen. Beobachter werten dies als Zeichen des Vertrauens in die Branche. Für Optimismus sorgte auch die angekündigte Fusion zweier bedrängter griechischer Großbanken.

Wie geht es weiter?

IWF-Chefin Christine Lagarde forderte die europäischen Staaten jüngst auf, Banken zu rekapitalisieren. Die EU-Kommission warnt vor Panikmache. Sie weist daraufhin, dass europäische Banken im Zuge der Stresstests ihr Eigenkapital um rund 50 Milliarden Euro gestärkt hätten. Nach Einschätzung des Bankenexperten Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management hängt viel davon ab, wie sich die Schuldenkrise entwickelt. „Wenn wir tatsächlich über den Ausfall von Staatsanleihen im größeren Umfang reden, dann haben nicht nur die Banken ein Problem, dann liegen die Probleme weltweit.“

Er traf damit eine Marktlücke: Inzwischen ist Holden Herr über fünf preisgekrönte Restaurants mit mehr als 100 Mitarbeitern. „Ich verdiene nur noch einen Bruchteil dessen, was ich vorher hatte“, sagt der heute 27-Jährige, aber es macht mir Spaß.“ Holden hat es geschafft: Er machte für sich das beste aus der Entlassungswelle und fing noch einmal ganz von vorne an. Für Banker-Kollegen, die vor einer ähnlichen Situation stehen, hat er diesen Rat: „Es ist nicht das Ende. Man muss es als Chance begreifen.“

Viele haben gerade die Gelegenheit dazu: Durch die Bankenwelt schwappt eine Entlassungswelle, die schon an die brutalen Kürzungen während der Finanzkrise 2008 und 2009 erinnert. Zehntausende Banker bangen um ihren Job.

Die Branche versucht, aus sinkenden Umsätzen mehr Gewinn herauszupressen. Strengere Regulierung, die weltweite Schuldenkrise, die Folgen der Finanzkrise – all das führt zu enttäuschenden Quartalsberichten und sinkenden Aktienkursen. Bank of America und Goldman Sachs müssen ebenso sparen wie Morgan Stanley, in Großbritannien Barclays oder in der Schweiz die UBS und die Credit Suisse.

Kommentare (15)

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Nutto_vs_Bretto

08.09.2011, 10:53 Uhr

Die Arbeitsmarkt-Nummer.

Auch eingeplant btw.

Das kommt dabei raus, wenn man die Welt erpressen möchte.

Max_Mustermann

08.09.2011, 11:33 Uhr

Dass der nun erfolgreiche Inhaber von 5 preisgekrönten Hummer-Restaurants einen Bruchteil dessen verdient, was ihm zuvor schon mit Anfang 20 im Investment-Banking gezahlt wurde, spricht doch Bände!
Trotz des gutgemeinten Rats des Luke Holden an seine ehememaligen Banker-Kollegen, es doch mal mit richtiger Arbeit zu versuchen, wird sich an diesen Verhältnissen auch nichts ändern, solange die Investment-Finanzbranche losgelöst von der Realwirtschaft ihren Geschäften nachgeht und in höhere Sphären entschwebt.... Warum? Weil sie es können, und niemand wird sie hindern... Ihre Repräsentanten (z.B. von Goldman Sachs an erster Stelle) sitzen weltweit an den Hebeln der Macht, auch in Europa.
Bis auf's Blut wird die Wirtschaft weiter von diesen Parasiten ausgepresst werden...

Thordi

08.09.2011, 12:12 Uhr

Bevor jetzt jeder Hurra schreit, weil die "bösen Banker" jetzt entlassen werden und nicht mehr so viel verdienen möchte ich eines zu bedenken geben. Wenn 30000 Menschen entlassen werden, sind davon nur ein Bruchtil die Bänker die viel verdienen. Die meißten die es trifft sind Menschen wie du und ich, welche ein normales deutsches durchschnittseinkommen haben. Diese menschen stehen davor Ihre existenz zu verlieren und haben kein Polster von hunderttausenden von Euro um mal im handumdrehen ein neues Leben zu beginnen.

Ich fände es gut wenn in den ganzen Kommentaren, wo die Bänker immer als geldgierige Säcke dargestellt werden man diese Seite auch mal berücksichtigt. Die Bänker die so viel verdienen sind nicht mehr als eine Hand voll. Die anderen die darnter nun leider sind tausende ...

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