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20.07.2017

10:49 Uhr

Ermittlungen gegen Vorstandschef Kengeter

Staatsanwaltschaft widerspricht Deutscher Börse

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat sich zu den Ermittlungen gegen Carsten Kengeter zu Wort gemeldet. Anders als vom Unternehmen dargestellt habe man noch keine Angaben zum Verfahren gegen den Börsenchef gemacht.

Dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse wird Insiderhandel vorgeworfen. dpa

Carsten Kengeter

Dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse wird Insiderhandel vorgeworfen.

FrankfurtDeutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter muss im Verfahren wegen Insider-Handel weiter zittern. „Wir haben noch keine Angaben gemacht zum Verfahren mit Herrn Kengeter“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Donnerstag. Die Deutsche Börse hatte in einer Ad-hoc-Mitteilung am Dienstag erklärt, die Staatsanwaltschaft habe in Aussicht gestellt, das Ermittlungsverfahren gegen Kengeter ohne Auflagen einzustellen. Die Staatsanwaltschaft habe lediglich ein Anhörungsschreiben im Verfahren gegen die Deutsche Börse geschickt. „Alles andere ist offen“, sagte die Behördensprecherin.

Kengeter hatte im Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Aktien des Börsenbetreibers gekauft - zwei Monate, bevor die letztendlich gescheiterten Fusionspläne mit der London Stock Exchange (LSE) öffentlich wurden. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Gespräche mit der LSE. Kengeter hält die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft für haltlos, und auch die Deutsche Börse hat sich hinter ihn gestellt. Kengeter habe die Aktien im Rahmen eines Vergütungsprogramms gekauft, mit dem Aufsichtsratschef Joachim Faber den ehemaligen Investmentbanker langfristig an die Börse binden wollte.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Die Deutsche Börse selbst soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft eine Buße von insgesamt 10,5 Millionen Euro zahlen: 5,5 Millionen Euro wegen des Vorwurfs des Insiderhandels, sowie fünf Millionen Euro wegen der verspäteten Information über die Fusionsgespräche mit der LSE. Zumindest beim Vorwurf des Insiderhandels geht die Staatsanwaltschaft von Vorsatz bei der Deutschen Börse aus. Die Höchststrafe bei einer fahrlässigen Straftat liegt nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz bei fünf Millionen Euro.

Die Deutsche Börse prüft das Schreiben der Staatsanwaltschaft. So lange der Konzern die Geldbuße nicht akzeptiert habe, sei das Verfahren offen, sagte ein Sprecher des Börsenbetreibers.

Deutsche Börse und Scale: Kater nach der Kursparty

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Premium Kater nach der Kursparty

Nach heftigen Kapriolen untersucht die Bafin möglichen Marktmissbrauch beim Börsendebütanten Naga. Das wirft kein gutes Licht auf das neue Marktsegment Scale. Auch die Affäre um Aktienkäufe von Börsenchef Kengeter zieht Kreise.

Weiterer Ärger könnte von der Finanzaufsicht Bafin drohen. Man prüfe die Ad-hoc-Mitteilung der Deutschen Börse vom Dienstag zu den Ermittlungen gegen den Konzern und Vorstandschef Kengeter, hieß es am Mittwoch. „Wir sehen uns die gestrige Ad-hoc-Mitteilung an“, sagte eine Bafin-Sprecherin. Darin ging es unter anderem um Vorwürfe des Insiderhandels gegen Kengeter.

Laut der „Wirtschaftswoche“, die zuerst über den Schritt der Bafin berichtet hatte, ist in dem Schreiben der Staatsanwaltschaft aber keine Rede von einer möglichen Einstellung des Verfahrens gegen den Vorstandschef. „Wir stehen zu unserer Mitteilung vom Dienstag“, sagte ein Konzernsprecher.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr Wilken Von Hodenberg

20.07.2017, 17:46 Uhr

Es wäre schon erstaunlich, wenn diese Angelegenheit nun auf eine solche Weise zu Ende gebracht werden würde.
1. Es ist ausserordentlich unwahrscheinlich, dass zwischen der Gesprächsaufnahme von Deutscher Börse und LSE weniger als 2 Monate vergangen sind. Jeder, der sich bei Fusionen und Übernahmen auskennt, weiss, dass solche Transaktionen vor ihrer Veröffentlichung Monate an Vorbereitungen benötigen.
2. Es wäre wohl einer der grössten Insiderfälle eines deutschen VV einer Dax Gesellschaft, es wird ja immer gelästert, die Grossen liesse man laufen, an den Strick komme nur der Kleine Mann. In eine solche Angelegenheit Transparenz zu bringen, liegt im öffentlichen Interesse, da stellt sich auch die Frage, inweiweit der Aufsichtsratsvorsitzende, der im Zweifel in die Insidertatbestände eingeweiht gewesen wäre, die richtige Person für die Überwachung der internen Aufklärung ist.
3. Wenn ein Insidervergehen vorliegen würde, wie kann dann das Strafgeld eigentlich vom Emittenten übernommen werden. Der Vergütungsbericht wäre in einem solchen Falle eine interessante Lektüre. Auch wird interessant sein, wie das steuerlich funktionieren soll. Aus Sicht des Finanzbeamten wäre die Übernahme jedenfalls erst einmal eine steuerpflichtige Zuwendung an den mutmasslichen Täter. Das wird dann die Deutsch Börse das doppelte kosten?

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