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08.07.2015

09:31 Uhr

Ethik und Unternehmensführung

„Mit der Freiheit kommt die Verantwortung“

VonPeter Wuffli

Auf der Handelsblatt-Tagung „Private Equity 2015“ hielt Peter Wuffli, Verwaltungsratspräsident von Partners Group, ein flammendes Plädoyer für ethisch verantwortliche Unternehmensführung. Wir dokumentieren die Rede.

„Als Frühpensionierter das Leben auf Segeljachten und Golfplätzen zu genießen und die Talente verkümmern lassen, genügt meiner Meinung nach nicht.“ © argum / Thomas Einberger für Handelsblatt

ePeter Wuffli fordert mehr gesellschaftliches Engagement

„Als Frühpensionierter das Leben auf Segeljachten und Golfplätzen zu genießen und die Talente verkümmern lassen, genügt meiner Meinung nach nicht.“

Peter Wuffli hat eine Mission. Mehr Ethik und Verantwortung brauchen die Leitenden in Konzernen  der Welt – Nachhaltigkeit statt Kurzsichtigkeit sollte regieren, zum Wohle aller. Der frühere Chef der Schweizer Großbank UBS und heutige Verwaltungsratspräsident der Beteiligungsgesellschaft Partners Group weiß, wovon er spricht. Im Juli 2007 zum Ausbruch der Finanzkrise trat er überraschend von seinem Chefposten bei der der UBS zurück, ein Quartal später schrieb die Bank bereits Milliarden Franken ab. Gut 30 Jahre Berufserfahrung haben dem Schweizer Manager zum Kenner vor allem der Finanzbranche gemacht. Wir dokumentieren seine Rede auf der Handelsblatt-Tagung „Private Equity 2015“ in Auszügen. 

„Ich bin der Überzeugung, dass Führung...einen positiven Beitrag leisten kann...Für mich hat Führung viel mit Ethik und mit Unternehmertum zu tun.

Weshalb Ethik? In unseren Zeiten des raschen Wandels von Realitäten einerseits, aber auch von Ideen und Werten andererseits muss Führung Orientierung schaffen und Leitplanken vermitteln. Sonst droht der Ideen-  und Chancenreichtum unserer Zeit zur haltlosen Beliebigkeit zu verkommen. Damit kommt Ethik ins Spiel, ein meiner Meinung nach vernachlässigtes Feld in der Führungstheorie und -praxis.

Was ist Ethik? Es geht um grundsätzliche Fragen nach dem guten Leben, nach verantwortungsvollem Handeln, nach Fairness und Gerechtigkeit im Umgang zwischen Menschen. Ethik geht jeden etwas an. Vor allem von Persönlichkeiten mit Führungsaufgaben erwarte ich, dass sie über ethische Fragen reflektieren und ihre Standpunkte entsprechend artikulieren.

Mein persönliches Ethikkonzept orientiert sich an Freiheit und Verantwortung sowie an Engagement und Bescheidenheit.

Viele von denen, die auf unserem Planeten nicht in absoluter Armut leben – und das sind heute einige Milliarden Menschen – haben Freiheiten, von denen unsere Vorväter nicht einmal träumten, weil ihnen die Vorstellungskraft dafür fehlte. Wir haben globalen Zugang zu Produkten und Dienstleistungen, nutzen Mobilitätschancen in ungekanntem Ausmaß und verfügen über Ressourcen und Informationen wie nie jemand zuvor. Wir können uns heute sogar weitgehend unsere eigenen Weltanschauungen, Ethik-Konzepte und Werte aus einer reichen Palette verschiedenster Kulturen und unterschiedlichster Epochen auswählen.

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Mit der Freiheit kommt die Verantwortung. (Der Ökonom) Peter Drucker hat einmal gesagt: „Freiheit ist nicht Spass, es ist verantwortliche Auswahl.“ Und die Erwartung an Verantwortung wächst – meiner Meinung nach zu Recht - mit den Freiheitsgraden. Wenn jemand über mehr Ambitionen, Fähigkeiten und Ressourcen verfügt, sollte die Verantwortung, die mit deren Ausübung  verbunden ist, an höheren Maßstäben gemessen werden. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Verantwortung wahrzunehmen, sei es als Wirtschaftsführer und Unternehmer, in der Politik, als Kunstmäzen, oder in der Philanthropie. Einfach als Frühpensionierter das Leben auf Segeljachten und Golfplätzen zu genießen und die Talente verkümmern lassen, wie ich das bei einigen ehemaligen Bekannten sehe, genügt meiner Meinung nach dieser Erwartung nicht.

Neben dem Engagement ist für mich Bescheidenheit eine wichtige Maxime: Dabei meine ich nicht einen mittelständischen Lebensstil, sondern eine Geisteshaltung, die akzeptiert, wie wenig wir trotz aller wissenschaftlicher Fortschritte bewusst und systematisch gestalten können. Die globale Finanzkrise war diesbezüglich eine herbe Lektion. Eine allzu unbescheidene Expansionsstrategie kombiniert mit fehlender Vorstellungskraft über mögliche Risiken waren für mich – und ich nehme an für viele andere in der Finanzbranche – wichtige Lehren.

Neben der Rolle von Führung als ethischer Orientierungshilfe steht für mich deren Bedeutung zur Förderung von Unternehmertum. In den letzten vierzig Jahren akzelerierter Globalisierung hat sich auch der Kapitalismus wesentlich gewandelt. Damals noch geprägt von alten Unternehmerfamilien wurden vor allem bei großen Unternehmen zunehmend Finanzinvestoren und professionelle Manager aktiv  - dies oft mit kürzerem Zeithorizont und mit weniger gesellschaftlicher Verankerung und Verantwortung. Bis heute ist nicht klar, wem die langfristige  - also über 10-15 Jahre - unternehmerische Gestaltungs- und Steuerungsaufgabe in großen börsennotierten Konzernen sinnvollerweise zukommt. Wer wittert Zukunftschancen, mobilisiert Ressourcen für ungewissen Erfolg, hat den Mut, Risiken auf sich zu nehmen, und partizipiert direkt am Ergebnis, ob positiv oder negativ? Wer bringt die notwendige Passion, das langfristige Commitment und die kreativen Ideen aufgrund eines umfassenden Geschäftsverständnisses ins Unternehmen ein, ohne die unternehmerische Gestaltungskraft und damit wirtschaftlicher Erfolg auf Dauer nicht zu haben sind?

Sind es die Aufsichts- oder Verwaltungsräte, die zur Mehrheit unabhängig sein müssen und in den Augen vieler sogenannter Experten auch nicht erfolgsabhängig entlohnt werden dürfen? Ist es realistisch, diese wichtige Aufgabe Gremien zu überbürden, die in ihrer Mehrheit keine wirkliche Bindung ans Unternehmen haben, oft weder Branche noch Organisation im Detail kennen, und denen es materiell nicht darauf ankommt, ob ein Unternehmen untergeht oder seinen Wert verfünffacht?

Oder sind es die CEOs und ihre Führungsmannschaften, deren Verweildauer sich je nach Branche und Land in den letzten zwanzig Jahren auf etwa vier bis sechs Jahre halbiert hat, was einen für unternehmerische Zwecke notwendigen langfristigen Verpflichtungszeitraum gar nicht mehr zulässt?

Unternehmerisches Gestalten und Verändern in einem Prozess der kreativen Zerstörung - wie ihn der große Ökonom Josef Schumpeter bezeichnet hatte und der darin das eigentliche Wesen des Kapitalismus und damit die Quelle unseres Wohlstands sah - ist aufgrund aktueller Tendenzen der Corporate Governance gefährdet. (Gemeint ist die Organisation der Führung auf der obersten Ebene, das Zusammenspiel zwischen Aufsichtsrat und Geschäftsleitung bei Ausrichtung, Steuerung und Überwachung einer Firma.)  Auch noch so ausgeklügelte Regelungen und Vorschriften, verschärfte Kontroll- und Überwachungsmechanismen oder erhöhte, vorwiegend formelle Anforderungen an die beteiligten Personen werden es nicht schaffen, Misserfolge und unternehmerisches Scheitern „wegzuorganisieren“. Aber es gelingt ihnen zunehmend, den Unternehmergeist zu ersticken.

Da sehe ich eine Chance für die Industrie der Privatmarktinvestitionen, bessere Alternativen anzubieten. Private Equity erlaubt es, mit maßgeschneiderten Eigner- und Governance-Konzepten unternehmerische Energien freizusetzen.

Ich glaube, dass es zu einer ethisch verantwortlichen Führung gehört, sich für gute Zwecke aktiv und zuweilen kämpferisch zu engagieren:  Unternehmertum mit seiner positiven Wohlstandswirkung gehört meiner Meinung nach eindeutig dazu. Wenn die Private Equity Industrie da selbstbewusst und gut artikuliert vorangeht, wird sie in zweierlei Hinsicht Günstiges bewirken. Erstens wird sie die Konkurrenz um beste Eigner- und Governance-Strukturen befeuern, und zweitens wird sie möglicherweise der Politik und den Regulierungsbehörden Grenzen...aufzeigen.“

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