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12.07.2012

17:02 Uhr

Euribor manipuliert?

Bafin nimmt deutsche Banken unter die Lupe

Die deutsche Bankenaufsicht überprüft Banken auf Vorkehrungen, die mögliche Manipulationen des Referenzzins Euribor verhindern können. Das könnte weitreichende Folgen haben: Auch eine Reform des Systems ist denkbar.

Die deutsche Bankenaufsicht Bafin will die acht deutschen Banken überprüfen, die an der Festsetzung des Euribor beteiligt sind. dpa

Die deutsche Bankenaufsicht Bafin will die acht deutschen Banken überprüfen, die an der Festsetzung des Euribor beteiligt sind.

FrankfurtIm Zusammenhang mit dem Skandal um die Manipulation von Zinssätzen nimmt die Finanzaufsicht Bafin Regulierungskreisen zufolge derzeit mehrere deutsche Banken unter die Lupe. Überprüft werde vor allem, ob die Institute ausreichende Vorkehrungen getroffen hätten, um derartige Zinsbetrügereien zu verhindern, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Im Fokus steht dabei der europäische Referenzzins Euribor, der auf den Daten von 43 Banken basiert, darunter acht deutschen Geldhäusern.

„Die Bafin hat keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass deutsche Banken versucht haben, den Euribor zu manipulieren", sagte eine der informierten Personen. Die Prüfung, die noch nicht einmal zur Hälfte durch sei, beziehe sich auf die Organisationsstrukturen der Häuser. Man könne davon ausgehen, dass die Bafin alle acht Institute unter die Lupe nehme. Hierzulande sind an der Festlegung des einmal täglich ermittelten Satzes Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank, LBBW, BayernLB, Helaba, NordLB und Landesbank Berlin beteiligt. Die Behörde und die Banken äußerten sich nicht dazu.

Banken die in den Libor-Skandal verwickelt sind

16 Großbanken beteiligt

Die Affäre um Zinsmanipulationen durch Großbanken hat die Ermittler in Europa, Japan und den USA auf den Plan gerufen. Insgesamt werden derzeit mehr als ein Dutzend Institute durchleuchtet. Ihnen wird vorgeworfen, beim Libor-Zinssatz getrickst zu haben. Der einmal täglich in London ermittelte Libor zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen und dient damit als Referenz für billionenschwere Kreditgeschäfte mit Kunden rund um den Globus.

Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit auf das Jahr 2008, als sich die Finanzkrise zuspitzte. Damals trugen 16 Großbanken zur Festsetzung des Libor bei. Im Folgenden einige Informationen zu diesen Instituten (in alphabetischer Reihenfolge):

Bank of America

Das US-Institut ist von den Ermittlungen betroffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von einem Insider erfahren hatte. In ihrem Geschäftsbericht 2011 hat sich die Bank zur Sache aber nicht geäußert. Wegen Libor wurde die Bank vom Brokerhaus Charles Schwab verklagt.

Barclays

Die britische Großbank hat ein Fehlverhalten einiger Händler beim Libor eingeräumt und wurde zu einer Strafe von einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Die Führungsspitze muss gehen. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in London befasst sich mit der Aufklärung des Skandals und der Frage, wie viel die Aufseher von den Zinsmanipulationen wussten.

BTMU

Im Februar 2012 wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden unter anderem gegen das japanische Geldhaus Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen ermitteln. Die Bank machte dazu in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben. Zwei in London ansässige Händler wurden wegen Manipulationsvorwürfen beurlaubt - nach offiziellen Angaben hatte das aber nichts mit ihrer Arbeit bei BTMU zu tun.

Citigroup

Die US-Bank hat eingeräumt, dass Töchter von den Ermittlungen betroffen sind und ihre Kooperation bei der Aushändigung von Informationen angekündigt. In den USA ist die Bank auch von Libor-Klagen betroffen. In Japan wurde einigen Citi-Mitarbeitern auch die Manipulation des Interbanken-Zinssatzes Tibor vorgeworfen.

Credit Suisse

Die Schweizer Bank wird von den heimischen Behörden durchleuchtet. Sie werfen dem Institut als einem von insgesamt zwölf Häusern vor, Libor und Tibor manipuliert zu haben sowie damit zusammenhängende Derivate. Die Bank hat ihre Kooperation bei der Aufklärung der Vorwürfe zugesichert.

Deutsche Bank

Der deutsche Branchenprimus kooperiert mit den Ermittlern in den USA und Europa, die Untersuchungen drehen sich um den Zeitraum 2005 bis 2011. Wegen Libor gibt es in den USA bereits Klagen gegen das Geldhaus. In Deutschland hat die Bankenaufsicht Bafin Kreisen zufolge eine Sonderprüfung eingeleitet, die Ergebnisse stehen noch aus. Zwei Mitarbeiter hat das Geldhaus Finanzkreisen zufolge bereits suspendiert.

HBOS

Die inzwischen zu Lloyds gehörende Bank taucht ebenfalls in Klageschriften in den USA auf. Im Geschäftsbericht 2011 teilte HBOS mit, die Auswirkungen und das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse seien nicht abzuschätzen. Die Bank arbeite mit den Behörden zusammen.

HSBC

Die Bank hat erklärt, die Aufseher hätten sie um Informationen im Zusammenhang mit den Libor-Ermittlungen gebeten und man kooperiere. In den USA tauchte die HSBC auch in Klageschriften im Zusammenhang mit Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 hieß es, das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse sei nicht abzuschätzen.

JP Morgan

Die Bank hat erklärt, sie arbeite mit den Ermittlern zum Thema Libor, Euribor und Tibor zusammen, das betreffe vor allem die Zeiträume 2007 und 2008. Die Bank taucht auch als Beschuldigte in US-Klagen auf.

Lloyds

Auch Lloyds hat eine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt und taucht in US-Klagen zu Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 erklärte die Bank wie die anderen Institute, der Ausgang der Ermittlungen sei offen.

Norinchuckin

Die japanische Bank hat die Libor-Ermittlungen in ihrem Geschäftsbericht 2011 nicht erwähnt. Im April 2011 war das Institut eines von zwölf, die vom Vermögensverwalter FTC Capital wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen verklagt worden waren.

Rabobank

Das niederländische Geldhaus, ebenfalls in einigen US-Klagen beschuldigt, arbeitet nach eigenem Bekunden mit den Ermittlern bei Libor zusammen. Die Bank hat erklärt, sie halte die Klagen für unbegründet und werde sich gegen die Vorwürfe entsprechend verteidigen.

RBC

Kanadas größte Bank machte in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben dazu, ob sie von Ermittlungen wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen betroffen ist.

Royal Bank of Scotland

Die britische Großbank Royal Bank of Scotland (RBS) hatte erklärt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Mehreren Mitarbeitern wurde Fehlverhalten vorgeworfen. Das Institut zahlt eine Strafe in Höhe von 615 Millionen Dollar an britische und US-Behörden.

UBS

Die Schweizer Bank hoffte als Kronzeuge bei den Libor-Ermittlungen darauf, dass die Behörden etwa in den USA und der Schweiz Milde walten lassen. Doch die Strafe fiel hoch aus: 1,16 Milliarden Euro zahlt die Bank wegen des Libor-Skandals.

WestLB

Aus Finanzkreisen wurde bereits im März vergangenen Jahres bekannt, dass die WestLB zu den untersuchten Instituten zählt. In ihrem Geschäftsbericht 2011 ging die Bank auf die Libor-Ermittlungen nicht ein. Allerdings zog sich das Haus schon im Juli 2011 aus dem Kreise jener Banken zurück, die den Dollar-Libor festsetzen. Die Landesbank ist inzwischen aufgelöst und kam damit den EU-Auflagen nach.

Ähnlich wie der Londoner Interbankenzins Libor, der derzeit im Zentrum des Manipulationsskandals steht, beruht der Euribor auf den Angaben der Banken zu ihren Refinanzierungskosten. Sie melden einmal täglich die Zinsen, zu denen sie sich von anderen Banken Geld leihen können. Auf dieser Basis wird dann der Euribor-Referenzzins ermittelt, an dem sich die Preise für viele Finanzprodukte wie Hypotheken oder Tagesgeld orientieren. Der Libor ist zwar der weltweit bedeutendere Satz, in Europa jedoch spielt der Euribor für einige Produkte eine wichtigere Rolle.

Die EU-Kommission hatte vergangenes Jahr Untersuchungen gegen zahlreiche europäische Großbanken wegen mutmaßlicher Manipulation des Euribor eingeleitet. Diese laufe unabhängig von der Bafin-Prüfung, sagte ein Insider. Daneben gibt es weltweit Ermittlungen der Aufsichtsbehörden wegen ähnlicher Verzerrungen beim Libor. Die britische Großbank Barclays hat als erstes Geldhaus eine Beteiligung an dem Libor-Manipulationsskandal eingeräumt. Sie wurde zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Daraufhin mussten Bankchef Bob Diamond und andere Top-Manager ihren Hut nehmen.

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Die Manipulationen des Referenzzins Libor durch Großbanken schaden dem Ansehen der ohnehin verrufenen Branche. Die Vertrauenswerte sinken. Banker gelten bei vielen sogar als kriminell - nicht ganz zu unrecht.

In Deutschland konzentrieren sich die Libor-Ermittlungen auf die Deutsche Bank, da sie neben der mittlerweile vom Markt verschwundenen WestLB als einziges deutsches Institut an der Festsetzung dieses Satzes beteiligt ist. Bei dem Institut läuft deswegen auch eine Sonderprüfung durch die Bafin. Das größte deutsche Geldhaus hat Finanzkreisen zufolge im vergangenen Jahr nach internen Untersuchungen zwei Händler beurlaubt. Seither habe es keine weiteren Suspendierungen mehr gegeben.

Den Banken wird vorgeworfen, in der Finanzkrise durch die bewusste Angabe zu niedriger Zinsen die Referenzzinssätze nach unten verzerrt zu haben. Dadurch hätten sie ihre wahren Refinanzierungskosten verschleiert und in einigen Handelsgeschäften satte Gewinne gemacht. Da der Euribor auf den Angaben von mehr als doppelt sovielen Banken beruht wie der Libor, sind die Manipulationsmöglichkeiten hier geringer.

„Wenn es hier ein oder zwei schwarze Schafe gab, hat das den Zins weniger stark verzerrt als beim Libor", sagt ein Banker. Dennoch hat durch den Skandal das Vertrauen der Marktteilnehmer in diese wichtigen Zinssätze stark gelitten. Eine Reform des Systems gilt daher als wahrscheinlich. Auf dem Libor beruhen Finanztransaktionen im Volumen von 360 Billionen Dollar.

Von

rtr

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