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27.12.2011

10:14 Uhr

EZB-„Vorsichtskasse“

Bankeinlagen steigen auf neuen Rekordwert

Das gegenseitige Misstrauen der Banken ist spürbarer denn je: Die eintägigen Einlagen bei der EZB sind mit knapp 412 Milliarden Euro auf einen Rekordwert gestiegen. Die Schuldenkrise belastet den Interbankenhandel enorm.

Das Logo der EZB am Hauptsitz in Frankfurt. ap

Das Logo der EZB am Hauptsitz in Frankfurt.

FrankfurtDie „Vorsichtskasse“ der Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist zu Beginn der letzten Handelswoche des Jahres auf einen Rekordwert gestiegen. Die eintägigen Einlagen kletterten auf knapp 412 Milliarden Euro und damit so hoch wie noch nie, wie aus Zahlen der EZB vom Dienstag hervorgeht.

Am Freitag hatten sie noch fast 65 Milliarden Euro niedriger bei 347 Milliarden Euro gelegen. Zuletzt erreichten die Einlagen einen Rekord im Sommer 2010 bei knapp 385 Milliarden Euro. Die eintägigen Ausleihungen der Banken bei der EZB sanken zwar den Angaben zufolge leicht von 6,3 Milliarden auf 6,1 Milliarden Euro. Das aktuelle Niveau ist aber deutlich höher als üblich.

Welche europäischen Banken 2011 ihr Kapital erhöht haben

Commerzbank

Seit zwei Jahren gehört das deutsche Institut zu einem Viertel dem Staat. Mit den Mitteln aus der Kapitalerhöhung will die Bank den größten Teil der rund 16 Milliarden Euro schweren staatlichen stillen Einlage ablösen - eine Art haftendes Eigenkapital ohne Stimmrechte. Insgesamt sammelte die Commerzbank zwischen April und Juni rund 14 Milliarden Euro ein.

Intesa SanPaolo

Erst kürzlich erhöhte die italienische Bank Intesa SanPaolo ihr Eigenkapitel um rund 7 Milliarden Dollar. Mit einer Kernkapitalquote von 7,9 Prozent zum Ende des Jahres 2010 benötigt Intesa nicht unmittelbar frisches Geld. Die Großbank dürfte sich jedoch auf die neuen Eigenkapitalregeln unter Basel III vorbereiten.

Danske Bank

Auch die dänische Danske Bank polsterte in diesem Jahr bereits ihre Kapitalausstattung auf. Im April sammelte sie rund 4 Milliarden Dollar ein. Mit Hilfe der Emission sollen staatliche Finanzhilfen zurückgezahlt werden.

Monte dei Paschi di Siena

Im August hat die italienische Bank Monte dei Paschi eine Kapitalerhöhung durchgeführt. Der Schritt mit einem Volumen von rund 3 Milliarden Dollar soll dem Institut die Rückzahlung der so genannten Tremonti-Bonds ermöglichen.

 

Nordea Bank

Auch die dänische Nordea Bank sah sich gezwungen, ihre Eigenkapital aufzustocken: Im April dieses Jahres sammelte sie rund 2,9 Milliarden Dollar ein.

Bank of Ireland

Das irische Institut Bank of Ireland entging durch eine Kapitalerhöhung von rund 2,8 Milliarden Dollar in diesem Jahr nur knapp der Verstaatlichung. Durch die Beteiligung eines privaten Konsortiums liegen mindestens 68 Prozent des Instituts in privaten Händen.

Banco Popolare

Die mailändische Banco Popolare stockte im Februar ihre Kapitaldecke auf – um 2,7 Milliarden Dollar. Sie hatte in der Krise staatlich garantierte Anleihen in Anspruch genommen. Die wollte sie ablösen.

Agricultural Bank of Greece

Die Agricultural Bank of Greece (ATE) ist ein Sorgenkind des griechischen Bankensektors und fiel beim Stresstest der Bankenaufsicht durch. Sie erhöhte ihr Eigenkapital im Juni um 1,8 Milliarden Euro.

Unione die Banche Italiane

Im zweiten Quartal dieses Jahres konnte Italiens viertgrößte Bank ihr Ergebnis durch Steuergutschriften fast verdreifachen. Zuvor hatte sie eine Kapitalerhöhung von 1,4 Milliarden Dollar durchgeführt.

Emporiki Bank of Greece

Die viertgrößte Bank Griechenlands erhöhte ihr Eigenkapital im März ebenfalls um 1,4 Milliarden Dollar.

Bank of Piraeus

Die griechische Bank ist wegen des Umtauschs einheimischer Staatsanleihen tief in die roten Zahlen gerutscht. Im Januar griff sie zum Instrument der Kapitalerhöhung – und sammelte rund 1,1 Milliarden Dollar ein.

Marfin Popular Bank Public

Die zyprische Marfin Popular Bank erhöhte im Februar ihr Eigenkapital um 700 Millionen Dollar.

Banco de Sabadell

Die spanische Bank  kam beim Stresstest nur auf eine Kernkapitalquote von 5,7. Erst im Februar hatte sie Kapital um rund 600 Millionen Euro erhöht.

Monte dei Paschi di Siena

Die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena hat sich mit 536 Millionen Dollar neuem Kapital eingedeckt. In der Finanzkrise hatte das Institut aus der Toskana als erste italienische Bank Staatshilfen in Anspruch genommen, nachdem es sich vor der Krise vor allem mit der Übernahme der norditalienischen Banca Antonveneta stark verschuldet hatte.

Aareal Bank

Knapp 399 Millionen Dollar nahm die Aareal Bank durch die Platzierung neuer Aktien im April 2011 ein. Ein Teil des Erlös nutzte das Institut, um Staatshilfen an den Bankenrettungsfonds zurückzuzahlen.

Banco Comercial Portugues

Auch die Banco Comercial Portugues hat sich mit frischem Kapital eingedeckt. Das Institut generierte 377 Millionen Dollar.

Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB sind ein Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise greifen die Institute kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen ungünstig sind.

In der vergangenen Woche hatte die EZB in einem Dreijahreskredit ein Volumen von fast 500 Milliarden Euro an Banken der Eurozone ausgeschüttet. Nach Einschätzung von Experten wird ein Großteil dieses Geld nun über Nacht bei der EZB geparkt. Für gewöhnlich versorgen sich die Banken lieber untereinander mit Zentralbankgeld. Dieser Handel am sogenannten Interbankenmarkt ist aber - ähnlich wie in der Finanzkrise 2008 - erneut gestört.

Ausschlaggebend sind die Schuldenkrise und das starke Engagement einzelner Institute in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten. Wegen der aktuell hohen Unsicherheit parken die Banken reichlich Liquidität bei der EZB, selbst unter Inkaufnahme von Zinsverlusten.

Was ist eine Kernkapitalquote?

Für Europas Banken ...

... dreht sich alles um einen finanztechnischen Begriff, die Kernkapitalquote (englisch: „Tier“). Für den letzten Stresstest forderte die europäische Bankenaufsicht EBA mindestens neun Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken: Bis Ende Juni 2012 mussten die Institute diesen Wert erreichen. In dem Test ermittelten die Aufseher, wie groß die Kapitallücke der Geldhäuser bei einer Bewertung der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen zu Marktpreisen ist.

Die Kennzahl wird berechnet, ...

... indem man das Kernkapital (damit ist das unmittelbar haftende Eigenkapital gemeint) durch die Summe der Risikoposten (etwa Kredite und Wertpapiere) teilt. Die Kernkapitalquote sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. Die Kernkapitalquote gilt darum als wichtige Zahl, um Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen. Wer mehr Kernkapital hat, kann Verluste besser abfedern.

Beim letzten großen Stresstest ...

... im Sommer 2011 hatten die EU-Aufseher als Untergrenze fünf Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken gefordert. Dabei hatte die EU-Bankenaufsicht EBA strengere Maßstäbe angelegt als beim Test 2010: Es wurden bereits die engeren Eigenkapitalregeln nach den neuen Bankenregeln („Basel III“) berücksichtigt, obwohl diese erst von 2013 an gelten.

Die Aufseher ...

... gingen in dem damaligen Test von einer harten Kernkapitalquote aus („Core Tier 1“). Diese umfasst gezeichnetes Kapital und Rücklagen, nicht aber die bei deutschen Landesbanken üblichen Stillen Einlagen und auch kein sogenanntes hybrides Kapital (Zwischenformen von Schulden und Eigenkapital).

Von

dpa

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

27.12.2011, 12:11 Uhr

Man könnte die Sache ja auch mal anders interpretieren, statt nur die Angst der Banken in den Vordergrund zu stellen, möglicherweise Geld an Kollegen zu verleihen, bei denen sie ausfallen könnten. Wie wäre es damit:

„Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise“
http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/

Vielleicht sind wir damit am Ende doch noch erheblich näher am Problem als so einige Leute im Moment vermuten möchten. Eines scheint aber gewiss, die Probleme steigen genauso exponentiell wie die Menge der Guthaben und der Schulden und am Ende ist es nicht nur ein Problem der Banken, sondern wieder unser aller Problem, wenn die Banken dann Nachschlag brauchen, was schon absehbar ist, wenn man DIE Formel kennt (°!°)

karlosdallos

27.12.2011, 14:10 Uhr

Diese Summe entspricht ca.

einem Jahres-Netto-Gehalt ALLER Bundesbürger.

karlosdallos

27.12.2011, 15:14 Uhr

Das Geld hat
nach einem Jahrzehnt "Lassen Sie ihr Geld arbeiten"

offenbar einen Burn-Out

und sich offenbar zur Rekonvaleszens zurückgezogen.

Ich gehe davon aus, dass ein Krankenhaustagegeld entrichtet werden sollte.

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