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30.01.2011

10:00 Uhr

Fall Kerviel

Alles wird einstürzen

VonChristian Panster

Hugues Le Bret war dabei: Sein Buch über den Jérôme Kerviel und den Beinahe-Zusammenbruch der Société Générale liest sich wie ein Krimi. Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte.

Jérôme Kerviel erhielt im Oktober drei Jahre Gefängnis und zwei auf Bewährung. Quelle: DAPD

Jérôme Kerviel erhielt im Oktober drei Jahre Gefängnis und zwei auf Bewährung.

FRANKFURT . Um kurz nach 13 Uhr klopft es an der Bürotür. Fünf Männer schrecken auf; dabei ist es nur die Sekretärin, kein böser Geist. Sie sagt, dass sie kurz weg sein werde und deshalb keine Telefonanrufe entgegennehmen könne. Die Herren wirken erleichtert; für einen Moment scheint die Welt wieder völlig in Ordnung, weil alltäglich. Doch der Moment verfliegt schnell.

Es ist der 20. Januar 2008, ein Sonntag, sehr milde für die Jahreszeit. Die Sekretärin ahnt zunächst nicht, was die Herren so Wichtiges zu besprechen haben in dem Büro nebenan. Sie ahnt nicht, dass es bei der eilig von Daniel Bouton, dem Chef der Société Générale (SocGen) einberufenen Krisensitzung um nichts weniger geht als um die Zukunft der französischen Großbank. Es geht um 160 000 Arbeitsplätze, vermutlich sogar um noch sehr viel mehr: Fällt SocGen, fallen auch andere Finanzkonzerne. In Frankreich, in Europa, in aller Welt.

"Das ganze Kartenhaus wird einstürzen", schreibt Hugues Le Bret in seinem Buch "Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte". Es herrscht Endzeitstimmung in "La Défense", dem Pariser Viertel, in dem die Zentrale von SocGen steht.

Le Bret war Kommunikationschef bei der Société Générale - und mit dabei an jenem denkwürdigen Januartag, jener spektakulären Krisensitzung. Dem Tag, als bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter namens Jérôme Kerviel über viele Monate eigenmächtig und verbotenerweise mit dem Geld der Bank spekuliert hatte. Allein in den ersten Wochen des Jahres 2008 hatte der Händler am Terminmarkt Positionen von mehr als 50 Mrd. Euro aufgebaut - mehr als das anderthalbfache des Eigenkapitals der Société Générale. "Das ist tödlich", schreibt Le Bret. "Betrug!"

Kerviel wettete auf steigende Kurse der beiden Leitindizes Dax und Euro-Stoxx. Das Dumme daran: Die Märkte entwickelten sich Anfang 2008 nicht so, wie er es geplant hatte. Die US-Hypothekenkrise griff langsam auf Europa über. Investoren bekamen es mit der Angst zu tun und verkauften ihre Aktien - die Kurse rutschten.

"Wenn der Index um einen Prozentpunkt fällt, kostet uns das 500 Millionen", sagt Bouton. Schweigen im Büro. "Zwei Punkte machen eine Milliarde." Allzu viele Punkte kann die Kasse der Société Générale nicht verkraften. "Verdammt, es war so eine schöne Bank", sagt Bouton. "Die werden uns schlachten", meint Jean-Pierre Mustier, oberster Investmenbanker bei SocGen.

Den "Zusammenbruch" nennt Le Bret das erste Kapitel seines Buches. Minutiös und detailliert beschreibt er darin die dramatische Krisensitzung in "La Défense", inklusive der Befragung von Kerviel; beim Wort Milliarde zuckt der Zocker nicht einmal mit der Wimper. 125 Millionen darf seine Abteilung eigentlich bewegen.

Kommentare (3)

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Le Pivert

30.01.2011, 16:23 Uhr

Désolé, aber dieses buch dient nur der Legendenbildung. Wenn man bei der SocGén nicht den Kopf verloren hätte, hàtte der Schaden nur ein bruchteil des tatsächlichen betragen.

AndreAdrian

31.01.2011, 02:34 Uhr

ist keine Antwort auch eine Antwort

Laut Kerviel waren seine Vorgesetzte immer informiert und haben immer seinen Geschäften zugestimmt. Wenn das so war, hat hat die Kontrolle nicht versagt, sondern die Kontrolle hat auch mit am grossen Rad gedreht. Maximalen Gewinn gibt es nur bei maximalen Risiko, bankrott inklusive.

Maggie Arnold

31.01.2011, 13:14 Uhr

Très amusant!
Und nun wird mit dem bauernopfer durch Trittbrettfahrer auch noch Geld verdient!
Mais naturellement wird Kerviel sicherlich an den Einnahmen beteiligt werden (bien sur!), so daß ihm bei der Erfüllung seiner finanziellen Verpflichtungen geholfen werden kann...
Oh - wie charmant!

Wo waren Sie - die Verfasser der basel-ii-Papiere?
Wo war ihre Empörung? Der kollektive Aufschrei?
Oder musste die französische bankenaufsicht nicht die 2. Säule nach basel ii beachten?
O lala, da hat Mr. le Président tief ins Rotweinglas oder tief in die Augen seiner Frau geschaut und sicher ein paar Augen zugekniffen!
Hat Sie (Die Aufsicht) nicht regelmäßig kontrolliert, ob die internen Kontrollmechanismen (iKS) der bank funktionsfähig sind?
Wo waren die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften - die eben die Einhaltung dieser internen Vorschriften zum iKS zu prüfen - und an die bankenaufsicht zu berichten haben?
Wo war das interne Kontroll-/Prüfungsorgan der SoGen (interne Revision / Group internal Audit), was taten Abteilungsleitungen (Handel und Abwicklung und Risiko-Controlling) und Vorstände (Markt und Marktfolge)?
Mon dieu - "Kerviel war wohl allein zu Haus" - in dieser kleinen SoGen!!

Alle - tout le monde - haben weggesehen, sind abgetaucht - und Kerviel wird auf dem Altar geopfert! Voilà!

Malheureusement - Deutschland hat keinen vergleichbaren "Kerviel" - aber das Reservoir der Wegseher, Abtaucher und Aussitzer ist auch hier im Lande ganz enorm! bonne chance!

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