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16.10.2012

07:12 Uhr

Fernsehkritik

Das kriminelle Stelldichein bei der WestLB

VonTobias Döring

Eine TV-Dokumentation im WDR arbeitet den Niedergang der WestLB chronologisch präzise auf. Wenig beleuchtet werden die letzten Monate der Landesbank. Die WestLB bot zu viel Misswirtschaft für 45 Fernsehminuten.

Längst abgebaut: Die WestLB heißt jetzt Portigon. Reuters

Längst abgebaut: Die WestLB heißt jetzt Portigon.

DüsseldorfDreieinhalb Monate ist die WestLB inzwischen schon zerschlagen. Geschichte ist die Landesbank damit aber noch lange nicht. Immer noch werden Milliarden an Erbmasse in die Bad Bank der WestLB verschoben, Skandale um Ex-Vorstände bekannt und sind Gerichtsprozess anhängig.

Nachrichten rund um die Skandalbank also werden die Steuerzahler in Nordrhein-Westfalen, die das Desaster am Ende bis zu 18 Milliarden Euro kosten wird, wohl noch auf Jahre hinaus zu hören bekommen. Der Autor Klaus Balzer wagte sich am Montagabend im WDR Fernsehen an eine erste Aufarbeitung.

So wurde die WestLB zerschlagen

Zerschlagung

Die WestLB ist seit dem 30. Juni 2012 Geschichte. Das Geldhaus, das auf die 1832 in Münster gegründete Westfälische Provinzial-Hülfskasse zurückgeht, wurde in drei Teile zerschlagen.

Verbundbank I

Sie umfasst das Sparkassengeschäft der WestLB - und wurde von der Frankfurter Helaba übernommen. 451 Mitarbeiter der WestLB wechselten dabei den Arbeitgeber. Die Helaba übernahm nach langem Poker mit den WestLB-Eignern - dem Land NRW und den beiden örtlichen Sparkassenverbänden - sowie der bundesweiten Sparkassenorganisation Geschäfte mit einer Bilanzsumme von rund 40 Milliarden Euro.

Verbundbank II

Eine Milliarde Euro erhielt die Verbundbank als Mitgift – die beiden NRW-Sparkassenverbände polsterten die Kapitaldecke der Verbundbank mit 500 Millionen Euro auf, weitere 500 Millionen Euro steuerten die Sicherungseinrichtungen der Sparkassen-Finanzgruppe bei. Diese wurden im Gegenzug an der Helaba beteiligt. Die vor allem in Hessen und Thüringen aktive Helaba konnte damit nach Nordrhein-Westfalen expandieren.

Erste Abwicklungsanstalt I

Die EAA ist die Bad Bank der WestLB - sie soll bis voraussichtlich 2027 die unverkäuflichen Überbleibsel der Bank abwickeln. Die Resterampe der Landesbank wurde im Dezember 2009 aus der Taufe gehoben. Die beiden Vorstände Markus Bolder und Matthias Wargers begannen danach, Käufer für Risikopapiere und Geschäftsbereiche der WestLB mit einem Volumen von rund 77,5 Milliarden Euro zu suchen. Mitte 2012 standen davon noch rund 45 Milliarden Euro in den Büchern der EAA.

Erste Abwicklungsanstalt II

Auf Bolder und Wargers kommt nun aber neue Arbeit zu: Portfolios mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Euro, darunter auch der Immobilien-Finanzierer WestImmo, landeten aus der Erbmasse der WestLB bei der EAA. Die Übertragung soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Für Verluste aus der Abwicklung stehen Steuerzahler und Sparkassen gerade. Allein für das mit besonders risikoreichen Papieren bestückte, „Phoenix“-Portfolio haben Land und Sparkassen Garantien in einer Höhe von fünf Milliarden Euro gegeben.

Portigon I

Am 1. Juli 2012 ging das neue Serviceinstitut an den Start. Rund 3500 Mitarbeiter sollte Portigon zunächst haben, bis Jahresende sollen es dann weniger als 2700 Menschen sein – und die Zahl der Beschäftigten soll in Zukunft weiter schrumpfen, bis Ende 2016 soll das Service-Geschäft verkauft sein.

Portigon II

Die Portigon-Mitarbeiter werden sich zunächst vor allem mit gut bekannten Geschäftsvorgängen beschäftigen: Sie sollen die EAA bei der Abwicklung ihrer Milliarden-Portfolien unterstützen. Diese strebt selbst einen Personalstand von rund 100 Mitarbeitern an. Auch Portigon wurde mit einer Finanzspritze auf den Weg geschickt: Das Land Nordrhein-Westfalen gab eine Milliarde Euro – es ist nun auch alleiniger Eigner von Portigon.

Dabei kamen die letzten Monate vor der Zerschlagung der WestLB zum 1. Juli 2012 leider zu kurz. Thematisiert wurde lediglich die Entlohnung des ehemaligen CDU-Spitzenpolitikers Friedrich Merz, der für sein vergebliches Unterfangen, Käufer für das marode Finanzinstitut zu finden, angeblich ein Tageshonorar von 5000 Euro erhielt. Der Hang zum Personalisieren ging auch hier mit den Fernsehmachern durch.

Die Wochen der zähen Verhandlungen zwischen der EU, Bund und Land, den Sparkassen, der Helaba und weiteren Beteiligten des Abwicklungs-Pokers, blieben in der Dokumentation ausgespart. Und was an Negativmeldungen noch kommen wird, das lässt sich für den Zuschauer am Ende nur erahnen. „Übrig bleiben nur die Erinnerung an Filz und Größenwahn und der Verlust von vielen Milliarden Euro“, so schließt der Film. Zugegeben: Die WestLB bot in den 43 Jahren ihrer Geschichte einfach zu viel Misswirtschaft und Skandale für 45 Fernsehminuten.

Die Vorstandschefs der WestLB

40 Jahre - neun Chefs

Die WestLB hatte in ihrer mehr als 40-jährigen Geschichte neun Vorstandschefs. In den zurückliegenden zehn Jahren, in der die WestLB gleich mehrere Milliardenverluste und Krisen erlebte, gaben sich viele Manager die Klinke in die Hand.

Ludwig Poullain

1969: Ludwig Poullain wird erster Vorstandsvorsitzender der Westdeutschen Landesbank Girozentrale (WestLB). Poullain tritt zurück, als ein lukrativer Beratervertrag mit einem Finanzmakler bekannt wird.

Johannes Völling

1978: Johannes Völling wird Nachfolger von Poullain. Er stand allerdings nur drei Jahre an der Spitze der WestLB. Völling wurde vorgeworfen, die Eigentümer nicht rechtzeitig über die ungünstige Geschäftsentwicklung der Bank informiert zu haben.

Friedel Neuber

1981: Friedel Neuber wird neuer Vorstandsvorsitzender. Unter Neuber übernimmt die Bank zahlreiche Industriebeteiligungen und baut ihr internationales Geschäft aus. Die WestLB wird unter dem SPD- Mitglied zum wichtigen Instrument für die Industriepolitik in NRW.

Jürgen Sengera

2001: Jürgen Sengera folgt Anfang September Neuber, der in den Ruhestand geht. Der Investmentbanker soll den Umbau der Bank meistern. Der Konzern wird 2002 auf EU-Druck in eine Förderbank (heute NRW.BANK) und die WestLB AG für kommerziellen Aktivitäten aufgespalten. Riskante Geschäfte führen zu hohen Verlusten.

Johannes Ringel

2003: nach dem Rücktritt von Jürgen Sengera Mitte 2003 wird Johannes Ringel zum Übergangschef berufen. Die Großbank befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einer bedrohliche Schieflage.

Thomas Fischer

2004: Thomas Fischer tritt an. Der ehemalige Vorstand der Deutschen Bank wird als Retter der WestLB nach Düsseldorf geholt. Er bringt einen tiefgreifenden Umbau des Instituts auf den Weg. Knapp dreieinhalb Jahre später muss er nach millionenschweren Fehlspekulationen von Mitarbeitern der Bank seinen Posten abgeben.

Alexander Stuhlmann

2007: Der ehemalige Chef der HSH Nordbank, Alexander Stuhlmann, wird Übergangschef. Kurz darauf bricht die Finanzmarktkrise aus. Die Bank gerät durch umfangreiche außerbilanzielle Risiken in die schwierigste Lage ihrer Geschichte. Unter seiner Mitwirkung wird eine Risikoabschirmung aufgebaut, die die Bank stabilisiert.

Heinz Hilgert

2008: Der frühere Vorstand der DZ Bank, Heinz Hilgert, tritt als neuer Vorstandschef an. Er soll die WestLB sanieren und mittelfristig auf eine Fusion mit einer anderen deutschen Landesbank vorbereiten.

Dietrich Voigtländer

2009: Hilgert tritt im Mai zurück und begründet das mit einer unzureichenden Unterstützung des Bankumbaus durch die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen, die die WestLB-Mehrheitseigentümer sind. Sein Stellvertreter Dietrich Voigtländer führt kommissarisch die Bank.

Der letzte Vorstandschef

2009: Voigtländer wird im September Vorstandsvorsitzender. Sein wichtigste Aufgabe ist das Auslagern von Schrottpapieren in eine Abwicklungsanstalt, die „Bad Bank“. Gleichzeitig wirbt er für einen Fusionspartner für die WestLB unter den Landesbanken. Dazu kommt es in der Folgezeit nicht, die WestLB muss Mitte 2012 zerschlagen werden. Voigtländer ist damit der letzte Vorstandschef der WestLB.

Kommentare (20)

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kritLeser

16.10.2012, 07:59 Uhr

Die genauen Kosten oder Verluste zu berechnen, die bei der Zerschlagung und in der Historie der WestLB angefallen sind (bzw. noch anfallen werden) ist gar nicht zu beziffern. Ob es die genannten 18 Mrd. EURO werden oder nicht, wird erst in vielen Jahren klar werden. Es wird nur vergessen, dass es auch durchaus sehr viel weniger werden können, dies hängt stark von der Wertentwicklung und dem Abwicklungserfolg beim EAA Portfolio ab.

In dem TV Beitrag wurde jedenfalls schön herausgearbeitet, dass der Misserfolg und dieser große Verlust im Wesentlichen durch wenige Einzelpersonen verursacht wurde, die entweder direkt aus der Politik kamen oder stark mit der Politik verbunden waren! Viel zu unerwähnt bleiben die Sparkassen, die genauso wenig wie Herr Steinbrück, der ja "bei keiner Sitzung des Kreditausschusses anwesend" war, ihre Kontrollfunktion als Eigentümer im Aufsichtsrat erfüllt haben.

Vergessen werden die zwischendurch mehr als 10.000 Mitarbeiter, die durch die politischen Winkelzüge mit nach unten gezogen wurden!

Account gelöscht!

16.10.2012, 08:40 Uhr

Pfui Teufel, Korruption gibts nur in Griechenland!

Account gelöscht!

16.10.2012, 09:15 Uhr

Der Berichth war einer der anspruchsvollsten und spannendsten Beiträge des Jahres im deutschen Fernsehen. Wahrscheinlich haben ihn um diese Sendezeit auf einem '3.Programm' nur wenige gesehen - schade.

Der ganze rote Filz mit 'Landesväterchen' Rau wurde endlich mal schonungslos offengelegt - Herzlichen Dank für diese journalistische Leistung und den Mut eines Senders, denn ich bis gestern auch als rein 'SPD-gelenkt' angesehen hatte...

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