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09.04.2012

09:59 Uhr

Finanzinstitute

Der Banker-Versteher

VonOlaf Storbeck

Ein niederländischer Anthropologe streift seit Monaten durch die Londoner Finanzszene. Seine Erlebnisse arbeitet er in einem Blog auf. Das Projekt gibt einzigartige Einblicke hinter die Kulissen der Geldbranche.

Der Banker: eine oft unverstandene Spezies. Angestellte der Royal Bank of Scotland betreten eine Londoner Filiale. AFP

Der Banker: eine oft unverstandene Spezies. Angestellte der Royal Bank of Scotland betreten eine Londoner Filiale.

LondonIn manchen Situationen sind Banker inzwischen sein Vorbild geworden. Zum Beispiel, wenn er mal wieder keine Lust hat, sich zu seiner morgendlichen Schwimmrunde aufzuraffen. „Jetzt reiß dich zusammen, du fauler Kerl!“, sagt Joris Luyendijk dann zu sich selbst. „Die ganzen Banker, mit denen du gesprochen hast, sind schon seit Stunden auf den Beinen.“

Luyendijks Leben dreht sich seit einem dreiviertel Jahr fast nur noch um Banker. Die Akteure der Londoner Finanzszene stehen im Mittelpunkt eines einzigartigen journalistischen Experiments: Einer anthropologischen Feldstudie zur Londoner Finanzszene, die Luyendijk quasi in Echtzeit im Internet dokumentiert. Bezahlt wird der Anthropologe und Journalist dafür von der britischen Tageszeitung „The Guardian“, die sein „Banking Blog“ auf ihrer Webseite veröffentlicht.

Mit rund 100 Menschen, die in der Finanzszene ihr Geld verdienen,  hat er sich in den vergangenen Monaten getroffen, hat vertrauliche Gespräche über ihren Arbeitsalltag, ihr Leben, ihre Gefühle geführt und darüber in seinem „Banking Blog“ berichtet. Entstanden ist ein bemerkenswertes Psychogramm der Geldbranche und der Menschen, die darin arbeiten; über ihre  Motivation und ihre Ängste, die Kultur in der Finanzwirtschaft und  die ungeschriebenen Gesetze.

Eine Charaktereigenschaft seiner Gesprächspartner beeindruckt Luyendijk dabei immer wieder besonders. „Banker jammern nicht herum.“ Egal wie gestresst, frustriert oder überarbeitet sie sind - „Selbstmitglied kennen sie nicht.“

Wo Banker in Europa am meisten verdienen

Gehalt und Leistung

Ein erstes Urteil fällt eine Studie des unabhängigen Equity-Research-Unternehmens Alpha Value schnell: Banker verdienen zu viel. Im Schnitt sind es rund 40 Prozent mehr als andere Industrien. Dies steht im krassen Gegensatz zu der Performance der Geldhäuser – Aktionäre haben seit 2007 mit Bankentitel rund 86 Prozent an Vermögen verloren. Ein kurze Übersicht, wo in Europa wie viel verdient wird.

Platz 13

In Belgien haben Banker 2010 laut einer Studie von AlphaVille 250.700 Euro verdient. Im Vorjahr war es mehr als doppelt so viel. Die Summen beziehen sich auf Durchschnittgehälter von leitenden Managern.

Platz 12

Die Banker in Norwegen haben dagegen 2010 mehr verdient als im Jahr davor, nämlich im Schnitt 538.000 Euro.

Platz 11

Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden verdient man als Banker durchschnittlich "nur" 623.000 Euro, ein wenig mehr als 2009.

Platz 10

Die Banker in Dänemark haben es noch so gerade in die Top Ten geschafft: Sie verdienten 2010 im Schnitt 797.000 Euro.

Platz 9

Vielleicht eine kleine Überraschung, die Portugiesen in diesem Ranking so weit oben zu sehen. Aber nur weil das Land kein richtig großes Institut hat, können die Banker ja dennoch ordentlich verdienen: 846.000 Euro waren es durchschnittlich - übrigens deutlich mehr als 2009.

Platz 8

Einen kräftigen Schluck aus der Pulle haben sich die französischen Banker gegönnt: Ihr Durchschnittgehalt stieg auf 865.000 Euro. Im Vorjahr waren es "nur" knapp 600.000 Euro.

Platz 7

Auf Rang sieben überspringt Österreich die "magishe" Millionengrenze: In der Alpenrepublik verdienen Top-Banker im Schnitt 1,25 Millionen Euro.

Platz 6

Auch in Schweden kann man in Geldhäusern gutes Geld verdienen: 1,36 Millionen Euro waren es 2010.

Platz 5

Die Italiener schaffen es in die Top Five. Die leitenden Angestellten von Unicredit, Intesa und Co. verdienen durchschnittlich 1,9 Millionen Euro.

Platz 4

Bis zu unseren deutschen Bankern auf Rang vier ist es ein gewaltiger Sprung: Hierzulande verdienen leitende Manager 3,3 Millionen Euro. 2009 war es mit 3,5 Millionen Euro übrigens ein wenig mehr.

Platz 3

Sozusagen aufs Treppchen haben es die Funktioniere in Spanien geschafft: Hier lag das Gehalt bei 3,7 Millionen Euro.

Platz 2

Noch ein wenig mehr gibt es in der Schweiz, nämlich 4,4 Millionen Euro. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten in Zürich oder Genf auch ein gutes Stück höher als in Deutschland.

Platz 1

Mit weitem Abstand gibt es in Großbritannien am meisten zu verdienen: 5,8 Millionen Euro verdienen die Banker in London. Kein Wunder, tun hier doch sehr viele Investmentbanker ihr Werk, die gewohnheitsmäßig auf überdurchschnittliche Vergütungen kommen.

An der öffentlichen Abrechnung des ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiters Greg Smith, der seinem Ex-Arbeitgeber Mitte März in der „New York Times“ vorwarf, die Kunden rücksichtslos über den Tisch zu ziehen, hat Luyendijk vor allem eines überrascht: Dass es dem Sektor so lange gelungen ist, der Diskussion über die von Smith angesprochenen Punkte aus dem Weg zu gehen. In seinen Interviews stellte Luyendijk fest: Es sei allgegenwärtig in der Branche, auf die Kunden herabzublicken und sich stets fragen, wie man ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann.

Da ist zum Beispiel der junge Investmentbanker, der mit Fusionen und Übernahmen sein Geld verdient: „Wenn wir intern über eine Präsentation vor einem potenziellen Kunden diskutieren, ist in neun von zehn Fällen immer die erste Frage: Und an welcher Stelle kassieren wir ab?“, erzählte er   Luyendijk.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

09.04.2012, 10:45 Uhr

Der "liebe Gott" sorgt schon dafür dass bei den meisten von uns die Bäume nicht zu sehr in den Himmel wachsen...

Account gelöscht!

09.04.2012, 11:01 Uhr

Maximal 5 Jahre das mitmachen, und soviel Geld scheffeln, daß es für den Rest des Lebens reicht. Für diese paar Jahre eben jede Moral vergessen!
Aber: Nicht immer weitermachen und noch mehr wollen! Endet in der Psychiatrie.

IRRWEG

09.04.2012, 12:11 Uhr

Ist dieses Bankensystem denn dann auch nachhaltig bzgl. Demokratie, Ehtik, Sozialität gegenüber Kunden und Mitarbeitern. Wer kann so ein kaltes Bankensystem etablieren wollen? Geht es denn nur so?

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