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24.11.2016

12:22 Uhr

Finanzmärkte

Trump-Sieg macht EZB nervös

VonYasmin Osman

Die politischen Risiken für die europäischen Finanzmärkte sind nach Einschätzung der EZB gestiegen. Das liegt vor allem am Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl – und deren möglichen wirtschaftlichen Folgen.

Der Vizechef der Europäischen Zentralbank stellte den Finanzstabilitätsbericht vor. Reuters

Vitor Constancio

Der Vizechef der Europäischen Zentralbank stellte den Finanzstabilitätsbericht vor.

FrankfurtDie Gefahren für das europäische Finanzsystem sind nach Ansicht der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Mai weiter gestiegen. Zwar habe sich das Finanzsystem der Euro-Zone als widerstandsfähig gezeigt, doch die Gefahr von Kurskorrekturen an den globalen Finanzmärkten habe sich intensiviert, heißt es im Finanzstabilitätsbericht, den die EZB am Donnerstag veröffentlichte.

Ein wichtiger Grund dafür ist das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl, das der Republikaner Donald Trump Anfang November für sich entschieden hatte. „Die Folgen für die Finanzstabilität der Eurozone, die von Änderungen der US-Wirtschaftspolitik herrühren, sind höchst ungewiss“, heißt es in dem Bericht. Dessen ungeachtet dürfte die Wirtschaftspolitik stärker nach innen gerichtet werden und das Haushaltdefizit der USA könne wachsen. „Die Wirtschaft der Euro-Zone könnte direkt über Handelskanäle und durch mögliche Überlaufeffekte durch höhere Zinsen und Inflationserwartungen in den USA betroffen sein“, warnt die EZB.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Nehme man die Aussagen aus dem Wahlkampf als Grundlage, sei es möglich, dass die US-Regierung protektionistische Maßnahmen ergreife. Sollte das protektionistische Maßnahmen in anderen Ländern nach sich ziehen, sei das riskant, so Vitor Constancio, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank. Der weltweite Handel befinde sich ohnehin in einer Schwächephase, käme Protektionismus noch hinzu, werde der Handel und damit auch das Wachstum darunter leiden.

Zum Problem für die europäische Wirtschaft würde eine mehr auf Protektionismus ausgerichtete US-Politik vor allem dann, wenn sie mit steigenden Anleihezinsen einhergehen würde. Wenn das Zinsniveau steigt, weil eine Volkswirtschaft wächst, sei das eine gesunde Entwicklung. „Es besteht aber das Risiko, dass das für die USA eher gilt als für Europa und andere Teile der Welt“, warnte Constancio. Das gilt insbesondere dann, wenn die USA tatsächlich Schutzmaßnahmen für ihre Wirtschaft ergreifen, so dass Europa nicht durch Exporte an einem US-Aufschwung teilhat. Sollten in diesem Fall die Zinsen in Europa dennoch steigen, allein von der Entwicklung in den USA nach oben gezogen, ohne dass die Wirtschaft auf dem Kontinent sich entsprechend erholt, dann sei das „keine willkommene Entwicklung“. In diesem Fall deutete Constancio an, werde die EZB gegensteuern.

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Schon im Mai hatte die EZB in ihrem Finanzstabilitätsbericht vor Kurskorrekturen gewarnt, damals aber auf die instabile Lage in einigen Schwellenländern verwiesen. Diese Risiken sind geblieben, die US-Wirtschaftspolitik kommt jetzt als weiterer Faktor oben drauf. Bislang haben die Aktien- und Anleihemärkte politische Überraschungen wie den Brexit, also den Beschluss Großbritanniens, aus der EU auszutreten, und auch die unerwartete Wahl Donald Trumps gut weggesteckt. Vor allem die Aussicht auf ein expansives Ausgabenprogramm Trumps habe die Märkte beflügelt, sagte EZB-Vizepräsident Vítor Constancio.

Kommentare (1)

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24.11.2016, 10:55 Uhr

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