Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.12.2012

13:49 Uhr

Finanzskandale

Der Deal mit den Denunzianten

Ein Informant packt gegenüber den Aufsichtsbehörden aus – und beschert der Deutschen Bank womöglich einen handfesten Skandal. Worum es in dem Fall genau geht und warum bald noch mehr „Whistleblower“ plaudern dürften.

Die New Yorker Börse an der Wall Street: Die Behörden erhoffen sich von Informanten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. dpa

Die New Yorker Börse an der Wall Street: Die Behörden erhoffen sich von Informanten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten.

DüsseldorfAufsichtsbehörden rund um die Welt setzen verstärkt auf Hinweise von Informanten. So ruft etwa die US-Aufsicht SEC Belohnungen für Hinweise auf Unregelmäßigkeiten aus. Nun werfen sogenannte „Whistleblower“ der Deutschen Bank vor, ihr Portfolio von Kreditderivaten zu hoch bewertet zu haben.

Ein ehemaliger Risiko-Analyst, Eric Ben-Artzi, packt aus, dass die Bank zeitweise diese Papiere mit einem Nennwert von 120 bis 130 Milliarden im Portfolio hatte, aber nicht korrekt bewertete. Der Schritt half der Bank demnach dabei, gesünder auszusehen. Den Vorwürfen zufolge versteckte die Bank bis zu 12 Milliarden Dollar an Papier-Verlusten im Derivatehandel.

So ist die Bankenaufsicht organisiert

Nationale Behörden

Bei der Kontrolle der Banken in Europa sind derzeit in erster Linie die nationalen Behörden entscheidend.

EBA

Seit Anfang 2011 gibt es auf europäischer Ebene zwar die EBA (European Banking Authority) in London. Die Behörde hat allerdings kaum Durchgriffs- und Weisungsrechte.

Bafin und Bundesbank

In Deutschland sind die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und die Deutsche Bundesbank für die Überwachung verantwortlich. Die Notenbank ist für die operative Aufsicht zuständig, die Bafin übernimmt die Verantwortung für die hoheitlichen Maßnahmen.

EZB

Nach einem Beschluss des Euro-Gipfels vom Juni soll es künftig eine mächtige europäische Aufsicht geben, und zwar von der Europäischen Zentralbank (EZB).

Konkret geht es um die Bewertung von sogenannten „Leveraged Super Senior Tranches“ - das sind Teile von komplexen Finanzinstrumenten, mit denen die Ausfallrisiken von Anleihen gehandelt werden können. Dies gleicht einer Art Kreditversicherung. Als „Senior-Tranchen“ werden die Teile von Wertpapier-Emissionen  mit dem niedrigsten Risiko bezeichnet. Im Falle von Zahlungsschwierigkeiten werden diese Tranchen vorrangig bedient.

Die hier betroffenen Papiere unterscheiden sich von regulären Senior-Tranchen dadurch, dass der Verkäufer des Papiers weniger Sicherheiten bieten muss. „Wenn man eine Super-Senior-Tranche im Nennwert von einer Milliarde Dollar zehnfach hebelt, muss der Verkäufer der Kreditversicherung nur 100 Millionen Dollar Sicherheit stellen“, erläutert der Ben-Artzi im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen“. „Damit sind die Papiere aber auch weniger wert als reguläre Tranchen.“

Die Deutsche Bank bewertete die Papiere Ben-Artzi zufolge während der Kreditkrise aber wie reguläre Tranchen, also zu hoch. Den Unterschied zwischen diesen Wertpapieren nennt man Gap-Option. Das ist ein Begriff für das vertraglich festgelegte Recht des Verkäufers, der ja nur für einen kleinen Teil der Transaktion haftet, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Diese Option muss bewertet werden. Das hat die Bank Ben-Artzi zufolge aber unterlassen. Die Deutsche Bank bezeichnete die Anschuldigungen als unbegründet, die vorgenommenen Bewertungen seien korrekt gewesen.

In der Zukunft könnten noch weitere solcher Whistleblower-Fälle auftauchen. Denn der jüngste Fall folgt einem neuen Programm in den USA, dass im Zuge der Finanzmarktreform entwickelt wurde. Es ist speziell dazu angelegt, Insider zur Preisgabe von Tipps zu bewegen.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

10.12.2012, 14:13 Uhr

Das riecht nach Sturm im Wasserglas. Rückstellungen, und um solche handelt es sich hier, sind ein ewiger Zankapfel, da sie unmittelbar das Jahresergebnis beeinflussen. Zankapfel firmenintern, mit dem WP und mit der Steuerprüfung.
Offensichtlich handelt sich im vorliegenden Falle um Rückstellungen, die man aus der pessimistischen Sicht der seinerzeitigen Lage wohl vertreten konnte, aber auch ebensogut unterlassen konnte (sonst hätte der WP nicht mitgespielt). Wäre der pessimistische Fall tatsächlich eingetreten, so gäbe es wahrscheinlich die DB heute nicht mehr in derselben Form, was wohl im nachhinein der Geschäftsleitung recht gibt. Nicht alle geschäftlichen Entscheidungen sind justiziabel, eher die allerwenigsten.

Hallo

10.12.2012, 15:34 Uhr

@mondahu:

So wie ich den Artikel lese geht es nicht um Rückstellungen, sondern um die Bewertungen der Aktiva. Und offensichtlich gab es für diese Aktiva ziemlich genaue Richtlinien, zu welchen Werten diese zu Bilanzieren sind. Und gegen diese Richtlinien hat die Deutsche Bank angeblich verstoßen.

Rechtlich könnten potenziell Bilanzfälschung, Anlagebetrug (beim Verkauf von Anleihen oder Kapitalerhöhung), Betrug der Angestellten gegen die Bank (bei der Erlangung der Bonuszahlungen) vorliegen, evtl. auch Insolvenzverschleppung. Wir sind uns aber sicher einig in dem Punkt, dass es strafrechtliche Konsequenzen für Banken auch in diesem Fall nicht geben wird, egal ob an den Vorwürfen etwas dran ist.

KnuRu

10.12.2012, 16:18 Uhr

Hallo, man muss whistleblowern ja gar nicht Bonuszahlungen einräumen, wenn sie sich gegen ihre Firma stellen. Wenn es die Möglichkeit gäbe, anonym auf Mißstände hinzuweisen, ohne dafür auf Entlohnung zu schielen, sondern einfach, weil es einem in der Seele weh tut, dann wäre das schon was, womit Aufseher etwas anfangen könnten, ohne sich gleich moralisch angreifbar zu machen. Zur Zeit wird vieles tot geschwiegen und Risiken auf dem Rücken der Angestellten abgeladen, damit die Entscheidungsträger ihren Kopf und ihr Gehalt behalten. Was macht also die deutsche Aufsicht?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×