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30.10.2014

19:35 Uhr

Finanzstabilitätsrat

Gefährliche Schattenbanken kleiner als gedacht

Der Schattenbanken-Sektor ist im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent gewachsen – und nach Berechnungen des Finanzstabilitätsrats kleiner als gedacht. Sorge bereitet den Aufsehern der Sektor in China.

Der britische Notenbank-Chef Mark Carney führt den Finanzstabilitätsrat. Reuters

Der britische Notenbank-Chef Mark Carney führt den Finanzstabilitätsrat.

Frankfurt/PekingDer als gefährlich eingestufte Schattenbanken-Sektor ist nach neuen Berechnungen der globalen Finanzaufseher deutlich kleiner als gedacht. Der vom britischen Notenbank-Chef Mark Carney geführte Finanzstabilitätsrat (FSB) korrigierte den Umfang der Kreditvergabe und weiterer Finanzdienstleistungen durch Nicht-Banken auf 35 Billionen von 62 Billionen Dollar nach unten. Der Sektor sei im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent gewachsen. Besonders stark gewachsen ist der Schattenbanken-Sektor laut FSB-Daten in China. Mit knapp drei Billionen Dollar ist er der drittgrößte der Welt hinter den USA und Großbritannien – und im vergangenen Jahr erneut um 37 Prozent gewachsen. Und diese Zahl unterschätze die Realität womöglich noch.

„Unter den Schwellenländern verlangen die Größe und das rapide Wachstum in China besondere Aufmerksamkeit“, warnte der FSB. Denn zuletzt häuften sich die Meldungen von Pleiten in dem Sektor. Das hat schon die chinesische Regierung auf den Plan gerufen, die die Schattenbanken selbst unter Kontrolle bringen will.

Schattenbanken

Ein großes Problem der Finanzkrise

Vor fünf Jahren hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in Schock versetzt. Viele Banken hatten Risiken ausgelagert - in sogenannte Schattenbanken („shadow banking“). Auch heute noch sind Geschäfte in diesem Graubereich sehr einträglich und wachsen rasant.

Was versteht man überhaupt unter Schattenbanken?

Darunter fallen Unternehmen, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen - aber im Gegensatz zu Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Schattenwelt oder Grauzone, daher der Name. Dazu gehören Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds und spezielle Zweckgesellschaften. Bekanntere Beispiele sind Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen (externe Kapitalgeber, die Unternehmen außerbörslich Eigenkapital zur Verfügung stellen).

Wie groß ist dieser Graubereich?

Gigantisch. Zwischen 2002 und 2010 haben die Schattenbanken ihren Umsatz weltweit auf 46 Billionen Euro verdoppelt - das entspricht mindestens einem Viertel des globalen Finanzmarktes. Diese Zahlen nennen die Finanzaufseher des Financial Stability Board. In den USA bewegen die „Nichtbanken“ ein größeres Kreditvolumen als herkömmliche Banken. Für Deutschland beziffert die EU-Kommission den Anteil auf fünf Prozent, in Großbritannien auf 13 Prozent.

Der Trend zeigt nach oben. Wie arbeiten diese Unternehmen?

Schattenbanken sammeln Kapital ein, sind als Kreditvermittler tätig oder sichern Kredite ab. Dabei arbeiten sie vor allem mit Fremdkapital und nutzen oft Hebelwirkungen, um eine Summe zu vervielfachen. Diese Strategie gilt als risikoreich.

Warum sind Schattenbanken so gefährlich?

Weil sie sich oft sehr kurzfristig finanzieren. Das kann zu einem Kollaps führen, wenn viele Kunden auf einmal ihr Geld abziehen wollen („Bank-Run“). Schattenbanken machen Geschäfte mit wenig Kapital, aber einem hohen Schuldenanteil, was bei einer Krise einen hohen Schaden anrichten kann. Diese Unternehmen unterliegen nicht der Einlagensicherung und haben keinen Zugriff auf Notenbankgeld. Ungeordnete Insolvenzen könnten verheerende Folgen haben, warnt die EU-Kommission: „Schattenbanken und ihre Tätigkeiten können eine Reihe von Risiken bergen.“

Und wieso wird der Graubereich größer?

Es ist eine praktische Sache: Viele Geldhäuser nutzen Schattenbanken als Handelspartner, um Risiken loszuwerden. Beispielsweise ist eine Bank verpflichtet, ihre Kreditrisiken immer mit Eigenkapital abzusichern. Lagert sie diese Risiken in eine Zweckgesellschaft aus, kann sie diese Regel umgehen - unbemerkt von den Aufsehern. In der Finanzkrise brachte diese Geschäftspolitik Banken wie die Hypo Real Estate oder die IKB ins Taumeln. Aber auch in jüngster Zeit nimmt diese Tendenz wieder zu: Je mehr die EU Banken kontrolliert, desto größer ist der Anreiz, auszuweichen. Damit wächst wiederum das Risiko einer Krise - ein Teufelskreis.

Zu den Schattenbanken zählen Hedge- und Geldmarktfonds, spezielle Börsenhändler und andere Investment-Vehikel wie etwa Stiftungen. Sie werden für riskant für das finanzielle Gleichgewicht weltweit gehalten, wenn sie wie klassische Banken Geld einsammeln und Kredite vergeben, ohne reguliert zu sein wie Kreditinstitute. Der FSB versucht die Ansteckungseffekte solcher Investoren auf die Wirtschaft und die Finanzbranche einzudämmen, hat aber Schwierigkeiten, die Schattenbanken zu identifizieren.

Insgesamt beziffert der FSB das Volumen der Schattenbanken zwar inzwischen auf 75 Billionen Dollar, fünf Billionen mehr als ein Jahr zuvor. Das ist die Hälfte der Bilanzsumme aller Banken und 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weltweit. Doch nur ein Teil der Schattenbanken tummele sich im angestammten Feld der Banken, andere gehörten selbst zu Banken und seien damit bereits reguliert. Andererseits vermutet der FSB, dass das Volumen der Hedgefonds nach den vorliegenden Daten noch deutlich unterschätzt wird. Die Regulierer können zurzeit nur auf Zahlen aus der Euro-Zone und aus weiteren 25 Ländern zurückgreifen, aber nicht auf solche aus exotischen Steuerparadiesen, in denen diese Investoren oft sitzen.

Von

rtr

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