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16.03.2006

13:28 Uhr

Führungsrolle

Théodore: Opernliebhaber mit Stehvermögen

VonHolger Alich

Die Landung der Amerikaner in der europäischen Börsenlandschaft hat ohne Zweifel den Druck auf Euronext-Chef Jean-François Théodore erhöht. Doch er zeigt sich weiter gelassen und ist sogar zu Scherzen aufgelegt.

PARIS. Bei der Vorstellung der Bilanz am Dienstag stellte ein Journalist die Frage, ob der von der französischen Regierung ausgerufene „Wirtschaftspatriotismus“ nicht ein Hindernis für einen Zusammenschluss mit der Deutschen Börse AG sei. Théodores Antwort: „Euronext ist eine niederländische Gesellschaft. Sie ist in Paris an der Börse notiert. Unser wichtigstes Geschäftsfeld hat seinen Sitz in London. Und unsere Hauptaktionäre sind Amerikaner.“

Ansonsten verweigerte er jeglichen weiteren Kommentar zu den anstehenden Fusionsgesprächen mit der Deutschen Börse. „Wir verhandeln eben nicht über die Zeitungen“, sagt ein Euronext-Manager. Das beharrliche Schweigen von Théodore darf indes nicht als Unentschlossenheit interpretiert werden. Er genießt am Finanzplatz Paris den Ruf des beharrlichen Experten mit Liebe zum Detail. „Théodore beansprucht bei der Börsenkonsolidierung einen Führungsplatz“, sagt ein Experte, „denn er spricht sich hier eine natürliche Autorität zu, da er bereits mit Euronext vier Aktienmärkte und die britische Terminbörse Liffe unter ein Dach gebracht hat.“

Dieser Führungsanspruch könnte schnell zu einem Knackpunkt bei den Gesprächen mit den Deutschen werden. Denn bislang war Euronext bei den bisherigen Konsolidierungsschritten wie der Übernahme der Liffe im Jahr 2002 das übernehmende Haus. Die Rolle des Juniorpartners will Théodore auch bei einer Fusion mit der Deutschen Börse nicht übernehmen, auch wenn diese eine doppelt so große Marktkapitalisierung wie die Euronext auf die Waage bringt.

Im Börsenpoker kann der 59-jährige Opernliebhaber auf seine Beharrlichkeit und seine Erfahrung setzten. Denn er leitet bereits seit 1989 die Pariser Börse, aus der er elf Jahre später mit der Fusion der Börsen Paris, Amsterdam und Brüssel die Euronext schmiedet.

Als Börsenchef hat Théodore gelernt, Rückschläge hinzunehmen und einen langen Atem zu haben. Als er nach der Amtsübernahme die veralteten Handelssysteme modernisieren lässt, häufen sich zu Beginn die Pannen. Schon kam Spott über eine „neue Concorde“ der Börse auf. Doch Théodore behielt recht.

Auch mit der Deutschen Börse hat Théodore schon seine Erfahrungen gesammelt. Denn bereits 1999 wollten die Börsen Paris, Frankfurt und Zürich enger miteinander kooperieren, um London Paroli zu bieten. Die Grundsatzvereinbarung war schon fertig, als der damalige Frankfurter Börsenchef Werner Seifert plötzlich einen Fusionsplan mit der London Stock Exchange (LSE) aus dem Hut zog.

Heute ist Seifert weg, die Londoner Börse wird von der Nasdaq umworben. Und Théodore ist immer noch an der Euronext-Spitze. Dieses Stehvermögen sollte den Frankfurter Unterhändlern eine Mahnung sein.

J.F. Théodore

Der 58-jährige Jurist begann seine Karriere 1974 im französischen Finanzministerium, 1990 wechselte er als Chairman zur Pariser Börse. Mit der Gründung der Euronext im Jahr 2000 übernahm er deren Vorsitz.

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