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09.09.2013

14:27 Uhr

Fünf Jahre Lehman-Pleite (Teil 1)

„Ich will nicht mehr zurück“

VonNils Rüdel

Acht Jahre war Karen von Ruffer Hills bei Lehman Brothers und hielt dort unter anderem deutsche Geldgeber bei Laune. Nach der Pleite der Zockerbude stand die Bankerin vor dem Nichts – bis zu einer rettenden Begegnung.

Karen von Ruffer Hills: „Wir konnten nur zu unseren Schreibtischen gehen und abwarten, was passiert“.

Karen von Ruffer Hills: „Wir konnten nur zu unseren Schreibtischen gehen und abwarten, was passiert“.

New YorkWenn Karen von Ruffer Hills auf „jenen Tag“ zu sprechen kommt, verdüstert sich für einen Moment ihr Blick. „Es war beängstigend“, sagt sie. Morgens zur Arbeit zu fahren nach Midtown Manhattan, ohne zu wissen, ob man überhaupt noch einen Job hat. Vor der Tür Fernsehkameras, gerichtet auf nunmehr Ex-Kollegen, die ihre Habseligkeiten in Pappkartons ins Nichts hinaustragen. „Ich hätte nie gedacht, dass es so enden würde, wie es endete“, sagt die 42-Jährige.

„Jener Tag“, das ist der 15. September 2008, als die glitzernde Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmeldete. Der „Schwarze Montag“ der Wall Street, als in der Folge die weltweite Finanzbranche um ein Haar kollabiert wäre, als in Banken, Börsen und Regierungszentralen nur noch Panik herrschte. Von Ruffer Hills, damals Mitte 30 und im mittleren Management bei Lehman, erlebte die Tumulte direkt im Zentrum, im Lehman-Wolkenkratzer nahe des Times Square. „Wir konnten nur zu unseren Schreibtischen gehen und abwarten, was passiert“, sagt sie. Doch zu arbeiten gab es ja eigentlich nichts mehr.

Fünf Jahre nach der Katastrophe sitzt Von Ruffer Hills in einem Café an der Upper West Side in Manhattan und ist bestens gelaunt. Draußen brennt die August-Sonne auf den nahen Broadway, drinnen beißt die 42-Jährige in ein Croissant und sagt mit einem Lächeln: „Wahnsinn, dass das jetzt schon wieder so lange her ist“.

Für die Frau mit den langen blonden Haaren ist die Lehman-Pleite eine traurige und fröhliche Geschichte zugleich. Erst kamen Jobverlust, Ungewissheit und Geldprobleme, doch dann fing sie noch einmal ganz von vorne an. Mit Francis Hills, einem New Yorker Promifotografen, gründete sie das Porträtstudio Figjam Portraiture, das schon bald „abhob“. Figjam ist ein eher unbescheidener Firmenname: Das Wort ist eine Abkürzung und Slang für „F*ck I’m good, just ask me“ – „Verdammt ich bin gut, frag‘ einfach mich“.

Wie die Finanzkrise aufflammt

Juni 2007

Alarmglocken an der Wall Street: Zwei Hedge-Fonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln, weil sie in großem Stil in mit Immobilien besicherten Papieren engagiert sind.

Juli und August 2007

In Deutschland geraten Banken wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt in die Krise – etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.

September 2007

Besorgte Kunden stürmen die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.

Oktober 2007

Ein großes Finanzhaus nach dem anderen meldet Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.

Februar 2008

Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im Umfang von 150 Milliarden Dollar.

März 2008

Das Investmenthaus Bear Stearns wird auf Druck der US-Notenbank kurz vor dem Zusammenbruch an die Großbank JP Morgan Chase verkauft. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.

6. September

Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei den US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac.

Wie auch die Finanzwelt ein Vor-Lehman und ein Nach-Lehman kennt, hat auch Van Ruffer Hills zwei Lebenswege. Der erste endete am 15. September 2008, der andere begann am 15. September 2008.
Davor, sagt sie, hätte sie sich nicht träumen lassen, tatsächlich einmal etwas anderes zu machen als für eine Bank zu arbeiten. Von Ruffer Hills, die deutsche Eltern hat und in den USA aufwuchs, war Bankerin durch und durch. Nach dem Politik-Studium war sie erst drei Jahre lang in der US-Zentrale der Hypo-Vereinsbank, ab dem Jahr 2000 dann bei Lehman – damals eine der begehrtesten Top-Adressen der Wall Street. Ihr Titel: Vice President und Senior Relationship Manager.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

09.09.2013, 14:58 Uhr

Gratulation Karen von Ruffer Hills! Das zeugt von Stärke und zeigt, dass es mehr als einen Weg gibt, scheint manchmal auch eine Situation überwältigend und entmutigend. Niemals aufgeben und immer wieder bereit sein von vorn anzufangen.

Excel

09.09.2013, 15:03 Uhr

Typisch USA, dort gilt ein Politik Studium als genügende Qualifikation für eine Banker gar Investmentbankerkarriere. Aus meiner persönlichen Sicht ist das unterqualifiziert. Es ist zwar wahr, Politik und Finanzwirtschaft sind eng vernetzt, aber ein Studium der Oekonomie oder Mathematik ist anspruchsvoller und siebt besser die Spreu vom Weizen.

Account gelöscht!

09.09.2013, 15:33 Uhr

Die einschlägigen Produkte und die große strategische Linie von Lehmann und Co hat das dortige mittlere Management ganz gewiss nicht mitbekommen - es hätte das auch nicht ansatzweise verstanden. Die taten, was man ihnen sagte: Strukturierte Produkte an Dumme verkaufen (waren wohl auch haufenweise deutsche Stadträte darunter; in der Regel Lehrer oder sonstige Beamten-Besserwisser). Dafür darf man dan auch gerne Politologe sein. Oder Putzfrau mit Überzeugungskraft. Völlig egal.

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