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11.09.2013

16:51 Uhr

Fünf Jahre Lehman-Pleite (Teil 3)

Wie Banken das Vertrauen in Staaten erschütterten

VonSebastian Ertinger

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers riss ganze Staaten in die Krise. Anleger, die an deren Verlässlichkeit geglaubt hatten, verloren Riesensummen. Und die Fehlentwicklungen sind längst nicht korrigiert.

Arbeiten an der Akropolis in Athen: Griechenland arbeitet sich nur sehr langsam aus der Krise. dpa

Arbeiten an der Akropolis in Athen: Griechenland arbeitet sich nur sehr langsam aus der Krise.

DüsseldorfHasso Müller-Kittnau suchte eigentlich eine attraktiv verzinste, aber auch sichere Kapitalanlage Er wollte Geld fürs Alter zurückzulegen. Doch am Ende verlor der Saarländer rund 53.000 Euro – er hatte in griechische Staatsanleihen investiert. Wie viele deutsche Privatanleger glaubte Müller-Kittnau dem Versprechen, das Europas Politiker mit dem Aufspannen des milliardenschweren Rettungsschirms für Griechenland gegeben hatten: Das Land darf nicht pleitegehen. Doch Anfang 2012 war das Versprechen gebrochen. Athen schuldete um, tausende Privatanleger blieben auf ihren Verlusten sitzen.

„Die Aussage klang plausibel, dass Griechenland-Anleihen bis zum Auslaufen des EU-Rettungsschirms im Mai 2013 sicher sind“, sagt Müller-Knittau. So kaufte er einen Bond mit Fälligkeit vor Ende des Hilfspakets. „Doch da habe ich mich getäuscht.“ Der Saarländer organisiert Konzerte und Kulturevents. Große Namen wie José Carreras, Udo Jürgens, Patricia Kaas sowie Montserrat Caballé oder auch den Moskauer Staatszirkus brachte er auf die Bühne.

Doch als Selbstständiger kann er von der Rentenkasse nichts erwarten. Kaum mehr als 400 Euro im Monat kommen raus. So entschloss sich der Manager, das Geld aus dem Verkauf seiner alten Firma möglichst ertragreich zu investieren. Ein Zinssatz von 5,25 Prozent erschien angesichts der mageren Renditen bei Staatsanleihen nach der Finanzkrise als äußerst attraktiv. „Damals notierten Griechenland-Anleihen bei einem Kurs von rund 93 Prozent. Das war kein hochspekulatives Niveau“, erinnert sich der Kulturmanager. Doch später musste er sich eines Besseren belehren lassen.

Die Ursache für das Leid des Saarländer Griechenland-Geschädigten geht auf den 15. September 2008 zurück. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers trat eine Lawine los, die weltweit Banken, Unternehmen und Privatmenschen in den Ruin trieb, Staaten in den finanziellen Abgrund riss und die Fundamente der Europäischen Währungsunion erschütterte. Wie konnte es soweit kommen? Trotz der unterschiedlichen Fälle ähneln sich die tiefergehenden Fehlentwicklungen – die noch längst nicht überall korrigiert sind.

Als erster Staat bekam Island im Oktober 2008 mit voller Wucht die Folgen eines ausufernden Bankensektors zu spüren. Die Bilanzen der drei größten Geldhäuser der Inselnation waren auf das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts angeschwollen. Der Verfall an den Finanzmärkten in den Wochen nach der Lehman-Insolvenz pulverisierte die Bilanzen der Institute, die in ausufernde Devisengeschäfte und undurchsichtige Pakete aus Immobilienkrediten investiert hatten.

Wie die Finanzkrise aufflammt

Juni 2007

Alarmglocken an der Wall Street: Zwei Hedge-Fonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln, weil sie in großem Stil in mit Immobilien besicherten Papieren engagiert sind.

Juli und August 2007

In Deutschland geraten Banken wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt in die Krise – etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.

September 2007

Besorgte Kunden stürmen die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.

Oktober 2007

Ein großes Finanzhaus nach dem anderen meldet Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.

Februar 2008

Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im Umfang von 150 Milliarden Dollar.

März 2008

Das Investmenthaus Bear Stearns wird auf Druck der US-Notenbank kurz vor dem Zusammenbruch an die Großbank JP Morgan Chase verkauft. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.

6. September

Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei den US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac.

Die Exzesse der Banken rissen die Insel mit: Anfang 2009 waren 80 Prozent der isländischen Unternehmen und 30 Prozent der Privathaushalte praktisch pleite. Doch während die Euro-Krisenstaaten wie Portugal, Spanien oder Irland und Italien sich mühsam gesund sparen und dank der niedrigen Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) aus der Krise robben wollen, gingen die Isländer einen anderen Weg: Sie zogen die Gläubiger heran. Gut 85 Milliarden Euro mussten diese stemmen – so auch deutsche Sparer als Kunden der Kaupthing-Bank. Island verprellte damit ausländische Investoren, nahm das aber bewusst in Kauf, um sich zu sanieren.

Reykjavik verstaatlichte seine Banken, schickte sie dann aber in die Pleite und zerschlug sie. Übrig blieben ein Rumpfgeschäft und Bad Banks, in die die faulen Papiere und Kredite ausgelagert wurden. Anders als in den USA, Irland oder Spanien kam es aber nicht zu Zwangsversteigerungen von Privathäusern: Hypothekenschulden, die über den neuen, realistischen Marktwert hinausgingen, wurden erlassen. Auch überschuldete, aber im Grunde profitable Unternehmen bekamen einen Schuldenerlass.

Kommentare (7)

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orakel

11.09.2013, 18:40 Uhr

Wie die Beispiele Island u. Irland zeigen:

Es geht auch anders!

Leider haben Merkel,Schäuble & Co den falschen Weg eingeschlagen. Sie haben die einstigen Gläubiger Griechenlands voll finanziell abgesichert, und das komplette Risiko auf den EU-Steuerzahler übertragen.

Die müssen nun bluten, während die EX-Gläubiger fein raus sind.

Zu allem Unglück funktioniert die Rettung nicht, Griechenland ist ein Faß ohne Boden.

Es wird weiter getrickst und gelogen, sieht man ja an an dem tollem "Verwaltungsabbau".

Ohne echte Reformen keine Chance auf Erfolg!

Auf allen wichtigen Posten sitzen entweder unfähige Günstlinge der Mächtigen oder genauso unfähige Mafiosi.

Genau diese Leute verhindern auch, daß Nachforschungen im Ausland wegen der verschobenen Steuerfluchtgelder in Mrd-Höhe angestellt werden.

Als Tüpfchen auf dem i gibt's dann noch griech. Reeder, die überhaupt keine Steuervorschreibung bekommen und halt
gnadenhalber einen Minibetrag ans Finanzamt überweisen.

Letzte Chance auf Besserung:

EU - Zwangsverwaltung, Reformen mit einer gemischten Truppe aus europ Finanzexperten u. Auslandsgriechen durchziehen.
Gleichzeitig Technikerschule bauen, Marshallplan für
neue griech. Industrie entwickeln.

Querdenker

11.09.2013, 18:44 Uhr

Island hat es also richtig gemacht, alle anderen falsch. Irland ist wie Deutschland auf dem Holzweg, während die anderen schon im Sumpf versunken sind. Den Schmerz müssen die Gläubiger spüren - wie in einer richtigen Wirtschaft - nicht der Staat!

Jedem_das_seine

11.09.2013, 18:51 Uhr

"Wie Banken das Vertrauen in Staaten erschütterten"

Stimmt! Wie können solch eingebildete Schlipsträger sich so etwas erlauben. Hier hätte es nicht geschadet, den einen oder anderen so zu bestrafen, dass diese sich davon nie wieder erholen!!! Aber dass Gegenteil ist oft der Fall.

Wir sind alle selbst Schuld, wenn solche "Menschen" unter uns leben dürfen und so weitermachen wie bisher.

Hier sollte mal wieder jemand her, der hier nicht nur Worthülsen bringt, sondern hart durchgreift wie schon oft passiert. Siehe Gaddafi, Ceau Cesku, Hitler, Mubarak.

Wir brauchen wieder Helden und keine Mitläufer oder Angsthasen. Wenn's nach mir ginge, wären die meisten schon in Sibirien für mindestens 20 Jahre und Enteignung dieser Geldparasiten.

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