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01.04.2014

06:21 Uhr

Geiz war geil

Das Ende der Gratiskonten

VonLukas Bay, Jens Hagen

Wirklich kostenlos sind Girokonten nur noch bei den Direktbanken. Bei Filialbanken und Sparkassen verliert das Gratismodell seinen Reiz. In Zeiten niedriger Zinsen werden die Budgets knapp. Wie Banken Kunden werben.

Geldbörse: Gratiskonten sind bei den Kunden beliebter als bei den Banken. Getty Images

Geldbörse: Gratiskonten sind bei den Kunden beliebter als bei den Banken.

DüsseldorfManchmal lohnt es sich, wenn man sich unbeliebt macht. Im Jahr 2008 - auf dem Höhepunkt der Finanzkrise - wagte die Comdirect einen Tabubruch. Die Direktbank der Commerzbank schaffte kurzerhand die Gebühren für ihr Girokonto ab. Damit nicht genug: Die Kunden bekamen sogar eine Gutschrift. Aktuell zahlt die Bank jedem Neukunden 50 Euro.

Eigentlich waren Wechselprämien aus der Mode. Die Branche war erzürnt, doch das Preisbrecher-Angebot hat der Bank viele neue Kunden beschert: Seit die Bank ihr kostenfreies Girokonto eingeführt hat, hat sich die Zahl der Konten mehr als verdoppelt. Im Jahr 2013 verwaltete die Direktbank erstmals über eine Million Girokonten.

In puncto Eigenkapitalrendite ist das Institut seitdem allerdings kaum vorangekommen. Zinsüberschuss und operatives Ergebnis sind rückläufig, die Verwaltungsausgaben steigen. Das verwundert nicht: Das Geschäft mit den Gratiskonten wird in Deutschland mittlerweile hart geführt. Für jedes dritte Konto in Deutschland werden keine Kontoführungsgebühren erhoben - 30 Millionen sind es bundesweit. Kunden haben sich längst an die Gratiskultur gewöhnt. Um aufzufallen müssen Banken deshalb mehr bieten.

Diese Bankengebühren sind unzulässig

Zwangsversand von Kontoauszügen

Wer vergisst, seine Kontoauszüge online regelmäßig abzurufen, bekommt sie mit der Post zugeschickt. Für diesen Dienst dürfen Banken von ihren Kunden keine Gebühren einfordern.

Aktenzeichen der Landesgerichte: Dortmund (8 O 361/09), Frankfurt a.M. (2- 19 O 106/12), Göttingen (2 O 62/10), Magdeburg (7 O 1525/09)

Gebührenanpassung nach Marktlage

Nur weil die Bank am Markt mehr bezahlen muss, darf sie die Kosten nicht automatisch auf die Kunden übertragen. Wenn die Vertragsklauseln die Pflichten der Banken nicht klar und nachvollziehbar benennen und zum Nachteil der Kunden ausgelegt werden können, sind sie unwirksam. Es muss transparent dargestellt werden, inwieweit Kostensteigerungen und Gebührenerhebung aneinander gekoppelt sind.

Aktenzeichen: Bundesgerichtshof XI ZR 55/08 und 78/08

Gebühr ohne Serviceleistung

Die Verwaltung von Freistellungsaufträgen berechtigt nicht zur Gebührenerhebung. Nur wenn Banken für ihre Kunden eine klare Dienstleistung erbringen, dürfen sie dafür auch Gebühren verlangen.

Aktenzeichen Bundesgerichtshof: XI ZR 198/00

Nachforschungen zu gescheiterten Überweisungen

Geldinstitute müssen bei Überweisungen dafür sorgen, dass das Geld beim Empfänger ankommt. Kommt das Geld nicht an, müssen sie Nachforschungen anstellen – sie handeln daher im eigenen Interesse und dürfen dem Kunden dafür keine Gebühren in Rechnung stellen.

Aktenzeichen LG Frankfurt: Az. 2/2 O 16/99

Quelle: focus.de

Gebühr für Barabhebung am Schalter

Wer am Bankschalter persönlich Bargeld abhebt, darf dafür nicht extra belangt werden. Die Begründung von Kreditinstituten, dass am Schalter die Personalkosten höher seien als am Geldautomaten, ist nicht zulässig.

Aktenzeichen Bundesgerichtshof: XI ZR 217/95

Deckungsprüfung mit zusätzlichen Kosten

Der Dauerauftrag ist fällig – aber es ist nicht genug Geld auf dem Konto? Dafür darf das Kreditinstitut keine zusätzlichen Kosten verbinden. Die Deckungsprüfung liegt allein im Eigeninteresse des Kreditinstituts und ist keine Serviceleistung für den Kunden.

Aktenzeichen Bundesgerichtshof: ZR 5/97; XI ZR 296/96

Bearbeitungsgebühr für Darlehen

Vertragsklauseln einiger Banken forderten zwei Prozent eines Darlehenbetrags oder mindestens 50 Euro als Bearbeitungsgebühr. Das wurde verboten – entsprechende Klauseln sind unwirksam.

Aktenzeichen Oberlandesgericht Karlsruhe: 17 U 192/10

Somit steht die Comdirect mit ihrem Angebot längst nicht mehr allein da. Im März boten 1822 direkt, Cortal Consors und die Ing-Diba Neukunden ebenfalls 50 Euro. „Um signifikant neue Kunden zu werben ist ein kostenloses Konto inklusive Kreditkarte und Willkommensprämie von 50 bis 100 Euro notwendig“, sagt Oliver Mihm von der Managementberatung Investors Marketing.

Die Comdirect wirbt daher mit einer Zufriedenheitsgarantie: 50 Euro bekommen Neukunden, wenn sie zufrieden sind. 100 Euro, wenn nicht. Auch die Commerzbank bieten diese Offerte in ihren Filialen. Zufrieden dürfte am Ende aber nur der Kunde sein.

Für die Banken sind Kostenloskonten mit Wechselprämie zunächst ein Zuschussgeschäft. Die Kosten für die Akquise schätzt Mihm auf 150 bis 300 Euro. Von der Werbung über die Kontoeröffnung bis zur EC-Karte zahlt die Bank erst mal drauf. Dazu kommt die Wechselprämie. „Mehr als ein dutzend Banken verzinsen die Guthaben“, sagt Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung. Im Zuge des Zinstiefs sind aber nur noch maximal 1,1 Prozent drin.

Kommentare (15)

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01.04.2014, 08:44 Uhr

Banken und Versicherungen wurden und werden in Deutschland verhätschelt und beschützt. Sie haben ehrliche Sparer um Ihr schwer erarbeitendes Sparguthaben gebracht und die Politik schaut untätig zu.
Sie kriegen den "Hals nicht voll".

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01.04.2014, 08:58 Uhr

Sie sollten doch froh sein, wenn die Banken nun für ihre Dienstleistungen - wie übrigens jeder andere Dienstleister auch - ein Entgelt berechnet, anstatt sich den Profit über Provisionen für den Vertrieb von Finanzprodukten mit zweifelhaftem Nutzen zu holen.

Im übrigen ist das Gros der geschundenen Sparer für die Misere selbst verantwortlich. Oder hat irgendjemand die Sparer gezwungen, das Tagesgeld für 6% bei Kaupzhing anzulegen?

Account gelöscht!

01.04.2014, 09:02 Uhr

Für unser Girokonto in Spanien, das ich jährlich für ca. 30 Abbuchungen, 4 - 5 Geldeingänge aus Deutschland und 5 - 6 Bartransaktionen nutze, zahlen wir ca. 150,-- EUR (incl. Nichtresedentenzertifkiate) pro Jahr; und diesen "günstigen Preis" auch nur, da wir die Kontoauszüge online abrufen und auf jegliche weitere (Werbe)Zusendungen (0,35 EUR Porto je Brief) auf dem Postweg verzichtet haben. Dagegen sind die Kosten in Deutschland sehr gering.

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