Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2012

21:54 Uhr

Gerichtsverhandlung in London

Commerzbank-Chef verteidigt Boni-Kürzung

Seit Jahren kämpfen Investmentbanker der ehemaligen Dresdner Kleinwort um Millionen-Boni, die von der neuen Mutter Commerzbank drastisch gekürzt worden waren. Jetzt entscheiden Juristen, ob das zu Recht geschah.

Commerzbank-Chef Martin Blessing. dapd

Commerzbank-Chef Martin Blessing.

Commerzbank-Chef Martin Blessing hat die Kürzung von Millionen-Boni für britische Mitarbeiter der Bank im Zuge der Finanzkrise vor Gericht verteidigt. Angesichts der Geschwindigkeit und des Ausmaßes der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Ende 2008 habe man sich entschieden, die Bonuszahlungen zu reduzieren, sagte Blessing am Montag vor einem Londoner Gericht aus. Die Entscheidung sei richtig gewesen.

Er habe dabei sowohl die Erwartungen der Aktionäre und die öffentliche Meinung als auch die der Banker berücksichtigen müssen. Blessing betonte, er habe den Bonus-Topf immer abgelehnt. Dieser sei unklug und überzogen gewesen.

In dem Verfahren fordern 104 frühere Investmentbanker von Dresdner Kleinwort insgesamt 52 Millionen Euro an Bonuszahlungen von der Bank. Sie hätten ein Anrecht auf das Geld, meinen sie - schließlich habe es ihnen der ehemalige Chef von Dresdner Kleinwort Benson, Stefan Jentzsch, 2008 öffentlich versprochen. Das war vor der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank. Wenige Monate später strich Blessing 90 Prozent der Leistungsboni, nachdem Dresdner Kleinwort in der Finanzkrise einen Verlust von sechs Milliarden Euro verursacht hatte.

In dem Prozess geht es zunächst um die Frage, ob die Banker auf die mündliche Zusage von Jentzsch bauen konnten, der ihnen kurz vor der Übernahme einen mit 400 Millionen Euro gefüllten Bonus-Topf versprochen hatte. Blessing argumentierte nun als Zeuge der Verteidigung, die Zusage bei einer Mitarbeiter-Veranstaltung sei rechtlich nicht bindend gewesen.

Man müsse zwischen einer mündlichen Zusage und einer schriftlichen Vertragsvereinbarung unterscheiden. „Wenn es vertraglich bindend wäre, müsste es natürlich gezahlt werden, weil es dann wie ein Festgehalt ist“, sagte der Vorstandschef.

Blessing selbst hatte 2008 auf seinen eigenen Bonus verzichtet. Der Commerzbank-Chef erklärte zudem, selbst nur in eingeschränkten Maße in die zur Verhandlung stehenden Fragen eingebunden gewesen zu sein. Wiederholt sagte er aus, sich an genaue Details nicht erinnern zu können. Es sei eine „sehr heftige Zeit“ gewesen, in der er bis zu 18 Stunden täglich gearbeitet und kaum freie Wochenenden gehabt habe.

Von

rtr

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Mazi

30.01.2012, 22:19 Uhr

Vor dem Gesetz sind alle gleich!

Die Öffentlichkeit hat großes Verständnis für die Boni-Kürzung in der Commerzbank. Auch die Abgeordneten werden dem beipflichten.

Jetzt ist die Kanzlerin im Zugzwang. Wird sie auch ihre Boni-Kürzung in ihrer Commerzbank ebenso konsequent durchziehen. Für wahr, die Regierung, die Abgeordneten haben auch nicht besser gewirtschaftet wie die Commerzbank.

Wenn die Kanzlerin glaubhaft sein will, wird sie das Thema anfassen. Sie wird es selbst machen müssen, die Opposition wird es nicht fordern. Hat Gabriel nicht den Nichtangriffspakt schon einseitig verkündet.

Mazi

30.01.2012, 22:39 Uhr

"Man müsse zwischen einer mündlichen Zusage und einer schriftlichen Vertragsvereinbarung unterscheiden. „Wenn es vertraglich bindend wäre, müsste es natürlich gezahlt werden, weil es dann wie ein Festgehalt ist“, sagte der Vorstandschef."

Ein gefährlicher Seilakt, den Blessing beschreiten wollte. M.E. ist er schon abgerutscht, bevor er es überhaupt versucht hat. Man kann allerdings nicht erkennen oder er nach rechts oder nach links abgerutscht ist.

Das Wort eines Vorstand soll nicht (mehr) gelten? Erteilt er damit nicht jeder Betriebsversammlung mit dem Vorstand eine klare Absage, weil man sich auf dessen Worte nicht verlassen kann? Ein Vertrauensbruch, unverzeihbar!

Ein unverantwortlicher Vertrauensbruch des Vorstands mit der Belegschaft.

Auch gegenüber dem Gericht sollte es ein Eigentor gewesen sein. Das Wort seiner hier klagenden Händler dagegen gilt unstrittig für Milliarden von Euros. Wenn dem so ist, dann soll das Wort des Chefs nicht gelten? Unvorstellbar!

Die Einlassungen von Jentzsch waren bekannt. Sie waren öffentlich. Blessing hat nicht widersprochen. Er hat diesen "Wechsel" nicht als Abzug vom Kaufpreis geltend gemacht. Wenn doch, dann ist sein Vortrag unmoralisch.

Blessing ist kein Dummer. Hat er damit nur seinen Abgang einleiten wollen? Für die Belegschaft ist er jedenfalls nicht mehr tragbar.

Lohnfortzahlung, Abfindung? Das widerspricht doch wohl seinem Ehrgefühl, welches er dem Gericht darstellen wollte.

AndreAdrian

31.01.2012, 00:30 Uhr

Lasst die Gerichte entscheiden!

Hr. Blessing und die ehemaligen Dresdener Kleinwort Manager liefern sich hoffentlich einen vollständigen Schlagabtausch vor Gericht. Es soll keine aussergerichtliche Einigung geben. Ich bin wirklich gespannt wie die endgültige Entscheidung sein wird.
Wenn die Situation sich ändert, müssen Versprechungen angepasst werden - nichts anderes passiert z.B. durch den Schuldenschnitt in Griechenland.
Warum soll es einen Schulden-Schnitt geben, aber keinen Boni-Schnitt? Welche Banker haben eigentlich Dresdner Kleinwort an den Rand der Pleite geführt?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×