Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2006

13:29 Uhr

Gonthard & Metallbank

Dichter und Banker

Die Muse Wenn Geld der Liebe entgegensteht, entstehen die schönsten Gedichte. „Nur einen Sommer lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht“, schreibt Hölderlin 1796, Hauslehrer bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard, über seine Liebe zu Tochter Susette. Die Liebe scheitert an den Standesschranken.

Die Glücksritter

Die 1726 gegründete Bank lockt immer wieder Glücksritter. Das benachbarte Bankhaus Cohen wird 1875 von der Metallgesellschaft aufgefangen und begleitet dann als „Metallbank“ Bergwerksunternehmen der Gründerzeit an die Börse. 1996 erwirbt der Goldzack-Großaktionär Dietrich Walther, der die Jungstars der New-Economy-Szene später an den Neuen Markt bringt, das Bankhaus Heinrich Gontard und kauft zwei Jahre danach von der Schmidt-Bank die Metallbank.

Der Rausch

Es ist eine dieser berauschenden Erfolgsstories: Jeder Börsengang wird ein Kassenschlager, und Gontard & Metall verdient stets zweimal: an der Börsenplatzierung und an der Kurssteigerung der Aktien im eigenen Bestand. Als der Neue Markt im März 2000 sein Rekordhoch überschreitet und die Kurse nur noch sinken, schrumpfen die 27 Beteiligungen zu Penny-Stocks. Seit im Sommer 2001 Bilanzskandale in den USA die Börsen weltweit auf Talfahrt schicken, muss die Bank immer mehr Kredite abschreiben. Die einst 70 Prozent stolze Eigenkapitalquote schmilzt auf 4,6 Prozent.

Der Kollaps

Am 6. Mai 2002 schließt die Bankenaufsicht die Schalter. Vorher hat Bankchef Lothar Mark noch eine Stiftung gegründet, die Übersetzer unterstützt – eine Verbeugung vor der literarischen Tradition. Ein Retter taucht auf, verschwindet. Der Kurs dümpelt bei drei Cent, und verzehnfacht sich, wenn wieder ein Phantasiefunke durch die Chatrooms irrlichtert. Für Tage nur, nie mehr einen ganzen Sommer lang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×