Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2015

14:37 Uhr

Griechenland-Krise

Den Banken schlägt die Stunde der Wahrheit

VonGerd Höhler

Am Samstag ist es soweit: Die EZB gibt Stresstest-Ergebnisse für die griechischen Banken bekannt. Bei der Rekapitalisierung steht die Athener Regierung zwar unter großem Zeitdruck. Doch es ist nicht alles hoffnungslos.

Während der Sommerkrise mussten die griechischen Bürger an den Geldautomaten wegen Kapitalkontrollen Schlange stehen. Nun ist die Lage der Geldinstitute weniger dramatisch. dpa

Griechische Banken

Während der Sommerkrise mussten die griechischen Bürger an den Geldautomaten wegen Kapitalkontrollen Schlange stehen. Nun ist die Lage der Geldinstitute weniger dramatisch.

AthenWie viel frisches Kapital brauchen die angeschlagenen griechischen Banken? Die Antwort auf diese Frage gibt am Wochenende die Europäische Zentralbank (EZB). Am Samstagvormittag legt sie in Frankfurt die Ergebnisse des jüngsten Stresstests vor, dem sich die vier systemrelevanten Geldinstitute – Piraeus Bank, Eurobank, National Bank of Greece und Alpha Bank – unterziehen mussten. Für die Rekapitalisierung der Hellas-Banken sind Gelder aus dem dritten Griechenland-Rettungspaket vorgesehen. Aber auch private Investoren sollen beteiligt werden.

Für die Finanzspritze bleibt nicht viel Zeit: Sie muss vor dem Jahresende verabreicht werden. Sonst geht es Bankkunden an den Kragen: Vom nächsten Jahr an müssen unversicherte Einlagen von über 100.000 Euro zur Bankensanierung herangezogen werden. So sieht es eine europäische Richtlinie vor, die am 1. Januar in Kraft tritt. Das könnte viele Sparer treffen und zahllose Kleinunternehmen in die Pleite treiben. Auf die Eilbedürftigkeit wies auch EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis diese Woche bei einem Besuch in Athen hin: „Wir sind uns einig, dass die Rekapitalisierung bis zum Jahresende abgeschlossen sein muss“, sagte Dombrovskis nach einem Treffen mit dem griechischen Zentralbankchef Giannis Stournaras. Aber es wird ein Rennen mit der Zeit. Denn die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras ist mit der notwendigen Gesetzgebung im Rückstand.

Griechenlands Bankenlandschaft

Die wichtigsten Banken

In Griechenland gibt es vier große Geldhäuser - die National Bank of Greece, die Piraeus Bank, die Eurobank und die Alpha Bank. Sie stehen für rund 95 Prozent des Marktes. Ihr Börsenwert liegt zusammengefasst bei 8,6 Milliarden Euro. Das entspricht 21 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung an der griechischen Börse. Bank-Aktien haben in Athen seit Jahresbeginn wegen des sich verschärfenden Schuldenstreits mit den internationalen Geldgebern rund die Hälfte ihres Wertes eingebüßt.

Einlagen

Die Einlagen von privaten Haushalten und Unternehmen bei griechischen Banken betrugen Ende Februar 140,5 Milliarden Euro - 12,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Allein von Dezember bis Februar wurden Guthaben im Volumen von 25,4 Milliarden Euro abgezogen. Wegen der Abflüsse waren die Geldhäuser gezwungen, verstärkt Notfall-Hilfen (ELA) ihrer heimischen Notenbank und direkte Liquiditätsspritzen der EZB in Anspruch zu nehmen.

Finanzierung durch das Eurosystem

Die Finanzierung griechischer Banken durch die EZB, bei der Sicherheiten verlangt werden, hatte Ende März ein Volumen von 38,67 Milliarden Euro. Die ELA-Hilfen durch die Athener Notenbank summierten sich zudem auf 68,6 Milliarden Euro. Hellas-Banken nutzen diesen Weg verstärkt, seitdem die EZB sie ab Mitte Februar von der direkten Finanzierung ausgeschlossen hat. Die EZB hatte damals eine Sonderregel gekippt, die griechischen Banken bis dahin erlaubte, auch bonitätsschwache Staatsanleihen des Landes als Pfand für frisches Zentralbankgeld zu hinterlegen.

Die Versorgung über ELA-Hilfen der Athener Notenbank ist für Banken teurer als die direkte Finanzierung durch die EZB. Zuletzt hatte die EZB eine Aufstockung des ELA-Rahmens um 1,5 Milliarden auf 75,5 Milliarden Euro genehmigt.

Sicherheiten

Griechische Banken setzen bei der Liquiditätsversorgung als Sicherheiten unter anderem Staatsanleihen, kurzfristige Geldmarktpapiere (sogenannte T-Bills), von der Regierung garantierte Bank-Anleihen und Kredite ein. Die Banken besaßen im Februar solche Pfänder im Umfang von zusammen rund 50 Milliarden Euro. Inzwischen ist dieser Puffer auf rund 40 Milliarden Euro gesunken.

Griechische Staatsanleihen

Hellas-Banken haben rund fünf Milliarden Euro in griechische Staatsanleihen investiert. Das entspricht nur 1,4 Prozent ihrer Bilanzsumme. Darüber hinaus besitzen sie kurzfristige T-Bills im Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Aktuell wird für bonitätsschwache griechische Papiere, welche die Banken als Pfänder für ELA-Hilfen einsetzen, nach Angaben von Bankern und Analysten aus Sicherheitsgründen ein Wertabschlag (Haircut) von 32 bis 35 Prozent vorgenommen.

Die griechischen Banken, die beim Schuldenschnitt vom Februar 2012 einen Großteil ihres Eigenkapitals verloren, wurden bereits im Sommer 2013 mit öffentlichen Geldern von 25 Milliarden Euro rekapitalisiert. Weitere zehn Milliarden sammelten sie bei privaten Investoren ein. Die Banken waren, wie die griechische Wirtschaft insgesamt, 2014 auf einem guten Weg, gerieten aber nach dem Wahlsieg des radikalen Linksbündnisses Syriza im Januar wieder in den Strudel der Krise. Aus Angst vor einem Grexit zogen Bankkunden allein seit Jahresbeginn Einlagen von rund 40 Milliarden Euro ab. Um den Aderlass zu stoppen, erließ die Regierung Ende Juni Kapitalkontrollen. Zugleich reißen wachsende Rückstellungen für faule Kredite immer größere Löcher in die Kapitaldecke. Die Quote der notleidenden Darlehen liegt im Branchendurchschnitt bei fast 40 Prozent.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×