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19.06.2015

20:06 Uhr

Griechenland-Krise

Der „Plan B“ liegt längst bereit

Während in Brüssel wieder verhandelt werden soll, haben sich die deutschen Banken längst darauf vorbereitet, dass Griechenland die Eurozone verlassen könnte. Mit Notfallplänen wollen sie sich für den „Grexit“ wappnen.

Experte zur Schuldenkrise

Bleiben die griechischen Banken am Montag zu?

Experte zur Schuldenkrise: Bleiben die griechischen Banken am Montag zu?

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FrankfurtAls die Uhr auf 00:00:01 springt, hält die Welt den Atem an: Stürzen die Computer ab, fällt der Strom aus, bleiben die Banken geschlossen? Keines der Schreckensszenarien trat ein, als das neue Jahrtausend begann. Damals fürchteten Experten, dass der „Y2K“-Bug die Infrastruktur lahmlegt, weil Computer nicht mit vierstelligen Jahreszahlen zurechtkommen. Die Angst erwies sich im Nachhinein als übertrieben – auch dank der guten Vorbereitung. Vielleicht ist es mit dem Grexit ähnlich. Denn mittlerweile wurde das Euro-Aus für Griechenland so oft heraufbeschworen, dass eigentlich jeder genug Zeit hatte, sich darauf einzustellen.

So liegen bei vielen deutschen Banken bereits Notfallpläne in der Schublade. „Wir haben in den vergangenen beiden Monaten alle Szenarien durchgespielt“, berichtet der Top-Manager einer europäischen Großbank dem Handelsblatt. Mit den intern als „Dry Run“ (Trockenlauf) bezeichneten Szenarien habe man sich auf eine Pleite und ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone vorbereitet.

Krisenglossar Griechenland

Bankenrun

Aus Angst vor der Staatspleite haben die Griechen längst Milliarden Euro von ihren Konten geholt oder ins Ausland geschafft. Steigt die Gefahr weiter, kommt es zum akuten Bankenrun: Die Kunden versuchen massenweise, ihre Konten leer zu räumen. Die Banken würden ausbluten, sie könnten den Firmen kein Geld mehr leihen, die Wirtschaftsaktivität erliegt.

Kapitalverkehrskontrollen

Um den Bankenrun zu verhindern, müssten die Banken vorübergehend ganz geschlossen und Onlinetransfers unterbrochen werden. Wenn sie wieder aufmachen, würden Auslandsüberweisungen verhindert und Abhebungen an den Automaten auf kleinere Beträge begrenzt werden. So wurde es vor drei Jahren in Zypern gemacht. Die letzten Kapitalverkehrskontrollen wurden dort erst in diesem Frühjahr wieder aufgehoben. Den massiven Eingriff müsste die Regierung in Athen praktisch über Nacht mit einem Dringlichkeitsgesetz beschließen - gezwungen werden kann sie von den Euro-Partnerländern nicht. "Die Griechen haben noch nichts vorbereitet", konstatiert ein EU-Diplomat.

Zahlungsunfähigkeit

Ob ein Staat pleite ist, bestimmen üblicherweise Ratingagenturen, indem sie einen sogenannten Credit Event feststellen. Dazu müsse es aber selbst dann noch nicht kommen, wenn Athen seine beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fällige Rate am 30. Juni nicht begleicht, meint der Chefvolkswirt der ING-Diba, Carsten Brzeski. Denn dabei gehe es nicht um Marktpapiere. Entscheidend sei nicht der Markt, heißt es hingegen in Euro-Kreisen: Zahlt Athen nicht an den IWF zurück, könnte die EZB griechische Anleihen eigentlich nicht länger als Pfand akzeptieren und müsste den Tropf für das griechische Finanzsystem zudrehen. Die Banken müssten praktisch über Nacht abgewickelt werden.


Grexit

Eine Pleite Athens hätte nicht automatisch das Euro-Aus für Griechenland - also den Grexit - zur Folge. Tatsächlich ist ein Rauswurf aus dem Euro-Club durch die übrigen Mitglieder nur möglich, wenn die griechische Regierung am Ende selbst zustimmt: Es müsste ein neuer Vertrag geschlossen werden - mit der Unterschrift Athens. Eine große Mehrheit der Griechen will den Euro aber behalten. Bei einem Verbleib im Euro ohne weiteren finanziellen Beistand von EZB und Euro-Ländern trocknen Banken und Wirtschaft aber aus. Die Regierung wäre also zum Grexit und der Rückkehr zur Drachme gezwungen. Eine chaotische Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr wäre die Folge, schätzt Ökonom Carsten Hefeker von der Universität Siegen.

Parallelwährung

Eine Art Mittelweg zwischen Euro und Grexit wäre die Einführung einer Parallelwährung: Weil dem Staat Barmittel fehlen, zahlt er Beamte und Rentner zumindest zum Teil mit Schuldscheinen aus. Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, erläutert der französische Finanzwissenschaftler Eric Dor. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als Euro. Die Schuldscheine werden in der Finanzwelt "IOU" genannt, nach dem Englischen "I Owe You" (Ich schulde Dir). Kalifornien griff im Sommer 2009 erfolgreich auf das Hilfsmittel zurück, um eine Pleitephase zu überbrücken.

Geuro

Den Begriff hat Ex-Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer erfunden, im Mai erläuterte er sein Konzept Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis. "Geuro"-Schuldscheine würden Athen finanziellen Spielraum verschaffen und durch die Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärken, so seine Theorie. Die Rechnung ginge aber nur auf, wenn die internationalen Gläubiger ihre Forderungen zurückstellen und das griechische Bankensystem weiter durch den Euro-Rettungsschirm gestützt würde, was unter Experten als ausgeschlossen gilt. Ein Rückweg vom Geuro zur Euro-Vollmitgliedschaft gelänge nur, wenn Athen durch Wirtschaftsreformen ein Haushaltsplus erwirtschaftet und die Schuldscheine allmählich auslösen kann.

Primärüberschuss

Die Erwirtschaftung eines Primärüberschusses - also ein Plus im Haushalt vor Abzug der Schuldentilgung - ist der entscheidende Faktor für die Gesundung der Staatsfinanzen: Wenn Athen durch Steuern und Privatisierungen mehr einnimmt als es ausgibt, kann es seine Schulden schrittweise abtragen. Die Vorgängerregierung hat durch drastische Kürzungen einen Überschuss erreicht. Stattdessen durch höhere Staatseinnahmen ein Plus zu erzielen, kann nur gelingen, wenn das Vertrauen zurückkehrt. "Dafür gibt es keinen Hinweis", sagt ING-Experte Brzeski.

Schuldenschnitt

Sowohl Athen als auch der IWF wollen die Euroländer bewegen, zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um dem überschuldeten Land einen Neustart zu ermöglichen. Die griechische Regierung hat signalisiert, bei einem Schuldenschnitt die verlangten Reformen umsetzen zu wollen. Neben dem IWF halten auch viele Experten einen Verzicht für den einzigen gangbaren Weg. Allerdings liefe das auf ein drittes Rettungspaket hinaus. Der geplante Sondergipfel der Euro-Staaten müsste sich dafür eine Erklärung abringen, bei einem Antrag Athens ein neues Programm zu entwerfen und die Schuldentragfähigkeit zu sichern. Dafür bräuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Rückendeckung des Bundestages.

Die größte Herausforderung: Vorherzusagen, was in welcher Reihenfolge passieren wird. Welcher Kunde wird als erstes zahlungsunfähig? Wo gibt es Zahlungsströme über griechische Banken, die umgeleitet werden müssen? Denn als erste Maßnahme dürfte die griechische Regierung Kapitalverkehrskontrollen einführen: Nur so ließe sich verhindern, dass Bürger ihre Ersparnisse ins Ausland schaffen. Doch auch der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr käme damit zum Erliegen – Griechenland wäre von den Kapitalmärkten abgeschnitten.

Zwar rechnet der Top-Banker damit, dass der Grexit vermieden werden kann. „Doch um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, haben wir einen Notfallstab eingerichtet“, berichtet der Manager. Zudem gebe es Meldeketten, mit denen weitere Mitarbeiter alarmiert werden können – etwa, falls es zu einem Ansteckungseffekt an den Märkten kommt.

Bankrun in Griechenland

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Er gilt als größte Gefahr eines „Grexit“ für das Finanzsystem. Denn schon jetzt haben die Renditen italienischer, spanischer oder portugiesischer Staatsanleihen angezogen. Investoren halten einen Zahlungsausfall also für wahrscheinlicher.

Von ihren Höchstständen zu Zeiten der Euro-Krise sind die Anleiherenditen der südlichen Länder zwar weit entfernt. Doch die Sorgen bleiben – auch bei den Banken. „Die unmittelbaren Auswirkungen lassen sich vorhersagen“, berichtet der Top-Banker. „Aber die möglichen Ansteckungseffekte kann man nur schwer kalkulieren.“

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