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17.07.2011

17:32 Uhr

Griechenland-Krise

Potentielle Giftanleihen gefährden EU-Bankensystem

VonOlaf Storbeck

Exklusiv194 Milliarden potentieller Giftanleihen Griechenlands, Portugals und Irlands lagern in Europas Banken. Sie belasten vor allem einheimische Institute - ein Crash würde aber vor allem deutsche Geldhäuser hart treffen.

Ein Crash in Griechenland würde vor allem griechische und deutsche Banken gefährden - das zeigen Daten des Bankenstresstests. Quelle: dpa

Ein Crash in Griechenland würde vor allem griechische und deutsche Banken gefährden - das zeigen Daten des Bankenstresstests.

LondonEine Staatspleite in Griechenland würde deutsche Banken besonders hart treffen - das zeigen die Ergebnisse des Stresstests, den die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA am Freitag Abend in London veröffentlicht hat.

Deutsche Geldinstitute haben demnach griechische Staatsschulden in Höhe von rund 8,8 Milliarden Euro in den Büchern - sie halten neun Prozent aller griechischen Staatschulden in Höhe von 98,2 Milliarden Euro, die im europäischen Bankensystem stecken (Exklusive Zusammenstellung). Französische Banken liegen mit rund 7,9 Milliarden Euro (acht Prozent) an zweiter Stelle.

Größter deutscher Einzelgläubiger Griechenlands ist die Commerzbank, die knapp 3,1 Milliarden Griechenland-Anleihen in ihren Büchern hat, zeigen die von der Bundesbank veröffentlichten Detaildaten. Auf dem zweiten Platz liegt die Deutsche Bank (1,7 Milliarden Euro), gefolgt von der Landesbank Baden-Württemberg (0,8 Milliarden Euro) und der DZ Bank (0,7 Milliarden Euro).

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Betrachtet mal alle drei Krisenstaaten Griechenland, Irland und Portugal zusammen, dann haben die 90 betrachteten Banken Staatsanleihen im Wert von 194,1 Milliarden Euro in ihren Büchern. Jeweils rund zwei Drittel davon liegen bei Geldinstituten aus dem jeweiligen Krisenstaat.

So wäre eine Insolvenz Athens für die ohnehin stark angeschlagenen griechischen Banken verheerend - diese halten 65,8 Milliarden Euro oder 67 Prozent der griechischen Staatsanleihen. Sollte die Regierung in Athen ihre Schulden nicht mehr bedienen können, würde dies die griechischen Banken also in massive Schwierigkeiten stürzen. Ähnlich sieht es in den anderen Euro-Problemländern aus.

Irische Banken halten halten 61 Prozent der irischen Staatsanleihen im Gesamtvolumen von 52,7 Milliarden Euro, portugiesische Banken halten 63 Prozent von Portugals Staatsanleihen (43,2 Milliarden Euro).

Die EBA spielt die Gefahren in ihrem Bericht herunter: “Selbst unter brutalen Szenarien würden die direkten Erstrunden-Effekte [von Staatspleiten] vor allem die Geldinstitute in den Heimatländern treffen”, heißt es im Bericht der EBA. Dann würde in den Banken weiteres Eigenkapital vernichtet.

Dies könne aber über “glaubwürdige Schutzmechanismen wie den bereits beschlossenen Hilfspaketen für Irland, Portugal und Griechenland” wieder ersetzt werden. Allerdings betont die europäische Bankenaufsicht auch, dass die mögliche Zweitrundeneffekte bei Staatspleiten nicht berücksichtigt hat.
Eine Bankenkrise in Griechenland würde Geldinstitute in Deutschland auch indirekt treffen - sie sind für zehn Prozent aller Geschäfte (rund 1,7 Milliarden Euro), die griechische Banken mit anderen EU-Instituten machen, die Gegenpartei. Französische Banken machen dagegen nur halb so viele Geschäfte mit griechischen Geldhäusern.

Kommentare (21)

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Kostolany

17.07.2011, 17:48 Uhr

Wieder eine neue Schlagzeile ohne Neuigkeitswert. Interessierte Kreise wollen einfach Panik erzeugen. Panik schafft immer gute Einstandspreise.

Kostolany

17.07.2011, 18:07 Uhr

Die Währung stirbt nur im eigenen Bett,
der Euro stirbt nicht an seiner Krankheit, sondern mit Sicherheit an der dargereichten Medizin der Experten.

Revision

17.07.2011, 18:15 Uhr

ein Crash würde aber vor allem franzoesische Unternehmen treffen. Die Franzosen stecken am tiefsten im griechischen Schuldensumpf. Nicht nur Geldinstitute verlieren in einer Pleite, auch alle anderen engagierten Unternehmen werden den Haircut hinnehmen muessen. Frankreich hat klare Gruende um eine Beteiligung privater Glaeubiger zu verhindern, denn Frankreich muesste in dem Fall weitaus den groessten Beitrag zum Rettungspaket beitragen.
Wie es jetzt aussieht wird der deutsche Steuerzahler viele franzoesische Unternehmen vor riesigen Verlusten oder sogar Pleiten retten. ....and the French would laugh all the way to the bank!!!

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