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19.06.2015

12:25 Uhr

Griechenland und der Euro

„Der Sondergipfel am Montag kommt zu spät“

VonMartin Dowideit, Jens Münchrath

Die Bargeld-Abhebungen in Griechenland haben sich in den vergangenen Tagen beschleunigt, die EZB tagt in einer Not-Konferenz zur Lage der Geldhäuser. Die Lage der griechischen Banken spitzt sich zu.

Experte zur Schuldenkrise

Bleiben die griechischen Banken am Montag zu?

Experte zur Schuldenkrise: Bleiben die griechischen Banken am Montag zu?

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FrankfurtMit Herkules C-130 Militärmaschinen kam vor drei Jahren die begehrte Ware aus Italien und Österreich nach Griechenland: 50- und 100-Euro-Scheine in großen Mengen. Vor den Parlamentswahlen 2012 hatten Griechen in wenigen Tagen 3,5 Milliarden Euro abgehoben und die Scheine in den Automaten wurden knapp. Eine Panik unter Bankkunden, falls die Bargeldversorgung austrocknet, sollte damit verhindert werden.

Die Mission mit der Notversorgung gelang damals, aber es war knapp. Der damalige Chef der griechischen Notenbank, Giorgos Provopoulos, erinnerte sich später. Er habe damals nicht gewusst, „mit welcher Währung er ins Bett gehen“ und „mit welcher er aufwachen“ würde. Jetzt hat Griechenland mit seinem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras ein Déjà-vu. Die Situation ist ernst.

Die Europäische Zentralbank hat für Freitagmittag eine Notfall-Telefonkonferenz beschlossen. Am Donnerstagabend hatte ein per Hörensagen aus der Euro-Finanzministergruppe kolportiertes Zitat die Dramatik der Situation deutlich gemacht. EZB-Direktor Benoit Coeure habe auf die Frage, ob die griechischen Banken am Freitag öffnen könnten, gesagt: „Morgen ja. Montag – ich weiß es nicht.“

Krisenglossar Griechenland

Bankenrun

Aus Angst vor der Staatspleite haben die Griechen längst Milliarden Euro von ihren Konten geholt oder ins Ausland geschafft. Steigt die Gefahr weiter, kommt es zum akuten Bankenrun: Die Kunden versuchen massenweise, ihre Konten leer zu räumen. Die Banken würden ausbluten, sie könnten den Firmen kein Geld mehr leihen, die Wirtschaftsaktivität erliegt.

Kapitalverkehrskontrollen

Um den Bankenrun zu verhindern, müssten die Banken vorübergehend ganz geschlossen und Onlinetransfers unterbrochen werden. Wenn sie wieder aufmachen, würden Auslandsüberweisungen verhindert und Abhebungen an den Automaten auf kleinere Beträge begrenzt werden. So wurde es vor drei Jahren in Zypern gemacht. Die letzten Kapitalverkehrskontrollen wurden dort erst in diesem Frühjahr wieder aufgehoben. Den massiven Eingriff müsste die Regierung in Athen praktisch über Nacht mit einem Dringlichkeitsgesetz beschließen - gezwungen werden kann sie von den Euro-Partnerländern nicht. "Die Griechen haben noch nichts vorbereitet", konstatiert ein EU-Diplomat.

Zahlungsunfähigkeit

Ob ein Staat pleite ist, bestimmen üblicherweise Ratingagenturen, indem sie einen sogenannten Credit Event feststellen. Dazu müsse es aber selbst dann noch nicht kommen, wenn Athen seine beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fällige Rate am 30. Juni nicht begleicht, meint der Chefvolkswirt der ING-Diba, Carsten Brzeski. Denn dabei gehe es nicht um Marktpapiere. Entscheidend sei nicht der Markt, heißt es hingegen in Euro-Kreisen: Zahlt Athen nicht an den IWF zurück, könnte die EZB griechische Anleihen eigentlich nicht länger als Pfand akzeptieren und müsste den Tropf für das griechische Finanzsystem zudrehen. Die Banken müssten praktisch über Nacht abgewickelt werden.


Grexit

Eine Pleite Athens hätte nicht automatisch das Euro-Aus für Griechenland - also den Grexit - zur Folge. Tatsächlich ist ein Rauswurf aus dem Euro-Club durch die übrigen Mitglieder nur möglich, wenn die griechische Regierung am Ende selbst zustimmt: Es müsste ein neuer Vertrag geschlossen werden - mit der Unterschrift Athens. Eine große Mehrheit der Griechen will den Euro aber behalten. Bei einem Verbleib im Euro ohne weiteren finanziellen Beistand von EZB und Euro-Ländern trocknen Banken und Wirtschaft aber aus. Die Regierung wäre also zum Grexit und der Rückkehr zur Drachme gezwungen. Eine chaotische Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr wäre die Folge, schätzt Ökonom Carsten Hefeker von der Universität Siegen.

Parallelwährung

Eine Art Mittelweg zwischen Euro und Grexit wäre die Einführung einer Parallelwährung: Weil dem Staat Barmittel fehlen, zahlt er Beamte und Rentner zumindest zum Teil mit Schuldscheinen aus. Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, erläutert der französische Finanzwissenschaftler Eric Dor. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als Euro. Die Schuldscheine werden in der Finanzwelt "IOU" genannt, nach dem Englischen "I Owe You" (Ich schulde Dir). Kalifornien griff im Sommer 2009 erfolgreich auf das Hilfsmittel zurück, um eine Pleitephase zu überbrücken.

Geuro

Den Begriff hat Ex-Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer erfunden, im Mai erläuterte er sein Konzept Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis. "Geuro"-Schuldscheine würden Athen finanziellen Spielraum verschaffen und durch die Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärken, so seine Theorie. Die Rechnung ginge aber nur auf, wenn die internationalen Gläubiger ihre Forderungen zurückstellen und das griechische Bankensystem weiter durch den Euro-Rettungsschirm gestützt würde, was unter Experten als ausgeschlossen gilt. Ein Rückweg vom Geuro zur Euro-Vollmitgliedschaft gelänge nur, wenn Athen durch Wirtschaftsreformen ein Haushaltsplus erwirtschaftet und die Schuldscheine allmählich auslösen kann.

Primärüberschuss

Die Erwirtschaftung eines Primärüberschusses - also ein Plus im Haushalt vor Abzug der Schuldentilgung - ist der entscheidende Faktor für die Gesundung der Staatsfinanzen: Wenn Athen durch Steuern und Privatisierungen mehr einnimmt als es ausgibt, kann es seine Schulden schrittweise abtragen. Die Vorgängerregierung hat durch drastische Kürzungen einen Überschuss erreicht. Stattdessen durch höhere Staatseinnahmen ein Plus zu erzielen, kann nur gelingen, wenn das Vertrauen zurückkehrt. "Dafür gibt es keinen Hinweis", sagt ING-Experte Brzeski.

Schuldenschnitt

Sowohl Athen als auch der IWF wollen die Euroländer bewegen, zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um dem überschuldeten Land einen Neustart zu ermöglichen. Die griechische Regierung hat signalisiert, bei einem Schuldenschnitt die verlangten Reformen umsetzen zu wollen. Neben dem IWF halten auch viele Experten einen Verzicht für den einzigen gangbaren Weg. Allerdings liefe das auf ein drittes Rettungspaket hinaus. Der geplante Sondergipfel der Euro-Staaten müsste sich dafür eine Erklärung abringen, bei einem Antrag Athens ein neues Programm zu entwerfen und die Schuldentragfähigkeit zu sichern. Dafür bräuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Rückendeckung des Bundestages.

Erst am Mittwoch waren die Notfall-Kreditlinien (ELA) für die griechischen Banken um 1,1 Milliarden auf 84,1 Milliarden Euro ausgeweitet. Nur zwei Tage später sollen weitere drei Milliarden Euro nötig sein – darüber beraten die EZB-Offiziellen heute wohl. Ein EZB-Sprecher lehnte einen Kommentar ab.

Die Begeisterung zumindest bei einigen Währungshütern, die ELA-Hilfen schon wieder und so deutlich zu erhöhen, hält sich in Grenzen. Kommt es nicht zu einer Erhöhung, könnte das Griechenland dazu zwingen, noch am Wochenende Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Sonst könnte „ein Großteil der griechischen Banken ab Montag nicht mehr auszahlungsfähig sein“, erfuhr das Handelsblatt am Freitagmorgen aus Notenbankenkreisen.

Bei einer europäischen Notenbank heißt es angesichts der zugespitzten Situation: „Der Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs am Montag kommt zu spät.“

Kommentare (12)

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19.06.2015, 10:41 Uhr

Wenn die GRE uns ein paar Grad Temperatur (und Sonne) überlassen, dann könnten wir ihnen ja im Gegenzug ein paar Milliarden schenken.

Als Faustformel könnte gelten, pro Grad = 1 Mrd. € die Schäuble zu viel in seinen Kassen hat als größter Profiteur und Nutznießer der Gemeinschaftswährung.

Herr C. Falk

19.06.2015, 10:46 Uhr


Na gut, wenn am Montag Panik an den Geldautomaten entsteht führt das zu erhöhtem Druck auf die Verhandlungspartner zu einer Lösung "so oder so" zu kommen.

Herr Josef Schmidt

19.06.2015, 10:50 Uhr

Wer jetzt noch Geld auf der Bank hat ist selber Schuld. Tsipras und Fakis haben doch der Bevölkerung genug Zeit verschafft um die Konten leer zu räumen. Die EZB und der IWF und alle anderen Gläubigerbanken schauen in die Röhre.

Was die beiden für die Griechen tun das hat keine Regierung in der Geschichte GR getan.

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