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30.07.2012

06:59 Uhr

Großbank

Noch eine Affäre bei Barclays

VonMichael Maisch

Nicht nur die Libor-Affäre hält die Großbank Barclays momentan in Atem. Nun ermittelt die britische Finanzaufsicht auch noch gegen den Finanzvorstand wegen Ungereimtheiten bei der Kapitalerhöhung.

Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor. Reuters

Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor.

LondonVier Top-Manager hat die Großbank Barclays durch eine Skandalserie bereits verloren. Jetzt ermittelt die britische Aufsicht FSA auch noch gegen Finanzvorstand Chris Lucas.

Dieses Mal geht es aber nicht um die Manipulation des globalen Referenzzinses Libor, sondern um eine Kapitalerhöhung, die 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise dringend benötigte frische Mittel in die Kassen der Bank spülte. Die FSA untersucht, ob Barclays dabei die an die Investoren aus dem Nahen Osten gezahlten Gebühren von 300 Millionen Pfund korrekt veröffentlich hat.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Viele Großanleger vor allem aus Großbritannien waren damals über die Kapitalerhöhung erbost. Barclays hatte dem Staatsfonds von Katar und Scheich Mansour von Abu Dhabi eine Beteiligung von bis zu 32 Prozent angeboten, ohne dass sich die Altaktionäre zu gleichen Konditionen hätten beteiligen können.

Aber auch die Libor-Affäre hält Barclays weiterhin in Atem. Bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen räumte der eigentlich bereits zurückgetretene Chairman Marcus Agius ein, dass in den USA neue Sammelklagen gegen die Bank eingegangen sind.

Banken an die Leine!

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Barclays steht im Mittelpunkt des globalen Liborskandals. 14 Händler der Bank sollen das Marktbarometer über Jahre hinweg manipuliert haben. Barclays hatte sich als erste von einem Dutzend verdächtiger Banken mit den Behörden auf einen Rekordvergleich von 290 Millionen Pfund geeinigt. Die Affäre löste in Großbritannien einen politischen Sturm aus, der nicht nur Agius, sondern auch Vorstandschef Bob Diamond aus dem Amt fegte. Außerdem mussten Chief Operating Officer Jerry del Missier und Aufsichtsrätin Alison Carnwath ihre Posten aufgeben. Agius führt Barclays jetzt so lange, bis zumindest ein neuer Chairman gefunden ist.

Den Geschäften der Bank scheinen die diversen Affären bislang aber keinen besonderen Abbruch zu tun. In den ersten sechs Monaten 2012 erwirtschaftete die Bank einen bereinigten Vorsteuergewinn von 4,2 Milliarden Pfund, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Analysten hatten lediglich mit 3,8 Milliarden Pfund gerechnet. Im Investmentbanking, dem Bereich, der für die Zins-Manipulationen verantwortlich war, stieg das Ergebnis von 2,4 auf 2,6 Milliarden Pfund und der zuständige Vorstand Rich Ricci betonte, dass die Kunden der Bank trotz des Skandals die Treue hielten. Im Gegenteil: Barclays nehme der Konkurrenz sogar Marktanteile ab.

Am Freitag stiegen die Aktien des Geldhauses um 7,5 Prozent und machten damit zumindest einen Teil der seit dem Liborskandal aufgelaufenen Verluste wieder wett.

Unbereinigt lag der Vorsteuergewinn von Barclays im ersten Halbjahr allerdings nur bei 759 Millionen Pfund. Dafür waren zwar mit 2,95 Milliarden Pfund vor allem Effekte aus der Neubewertung der eigenen Schulden verantwortlich. Aber die Bank musste auch 450 Millionen Pfund für einen weiteren Skandal zurücklegen. Wie andere britische Großbanken auch, soll Barclays seine Privatkunden beim Verkauf von sogenannten Restschuldversicherungen jahrelang systematisch falsch beraten haben.

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