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15.01.2010

07:01 Uhr

Großbritannien

Immobilienkrise bedroht Bankensanierung

VonMichael Maisch

Die Finanzkrise hat den britischen Immobilienmarkt in eine tiefe Krise gestürzt. Die englische Notenbank warnt vor erheblichen Risiken in den Bilanzen. Auch deutsche Finanzinstitute zählen zu den großen Kreditgebern in der Londoner City. Auch wenn sich der angeschlagene Sektor seit einigen Monaten wieder auf Erholungskurs befindet, ist es für eine Entwarnung nach Meinung der Experten noch viel zu früh.

Finanzdistrikrt in London: Die Immobilienkrise bedroht die Erholung der Geldhäuser in Großbritannien. epa

Finanzdistrikrt in London: Die Immobilienkrise bedroht die Erholung der Geldhäuser in Großbritannien.

LONDON. Elisabeth Rudman von der Ratingagentur Moody's glaubt, dass gewerbliche Immobilien noch "für einige Jahre für schmerzhafte Verluste" in den Bankbilanzen sorgen werden. "Wir haben es nach wie vor mit erheblichen Risiken zu tun", betont die Ratingspezialistin.

Ähnlich skeptisch beurteilt auch die britische Notenbank die Lage. In ihrem jüngsten Bericht zur Stabilität der Finanznmärkte warnt die Bank of England ungewöhnlich deutlich vor den Gefahren, die vom Immobilienmarkt für die Sanierung des Bankensektors ausgehen. Die Notenbanker sehen hier eines der "Schlüsselrisiken" für die Finanzmärkte.

In Großbritannien drohen nach Einschätzung von Analysten vor allem den beiden bereits teilverstaatlichten Instituten Lloyds Banking Group und Royal Bank of Scotland neue Probleme. Aber auch deutsche Geldhäuser könnten in den Sog der Verwerfungen geraten. Sie gehören seit Ausbruch der Krise zu den größten Finanzierern von Immobilienprojekten am britischen Markt. Im Oktober 2009 veröffentlichte die britische Beratungsgesellschaft Savills eine Liste mit den 23 wichtigsten Kreditgebern für Immobiliengroßprojekte in Großbritannien, darauf finden sich elf deutsche Geldhäuser, darunter die Postbank, die Dekabank, die Landesbank Berlin und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Die Institute wollten die Warnung der Bank of England nicht kommentieren.

Die Finanzkrise hat dem jahrelangen Aufschwung am Markt für britische Gewerbeimmobilien ein plötzliches Ende bereitet. Der Wert der Objekte brach schneller ein als in der letzten großen Rezession Anfang der 1990er-Jahre. Mit Beginn der Verwerfungen an den Kapitalmärkten vor zwei Jahren setzte ein rapider Preisverfall von 45 Prozent ein, der die Gewinne eines ganzen Jahrzehnts ausgelöscht hat. Dadurch fiel der Wert vieler Immobilien unter die ursprünglich vereinbarten Beleihungsgrenzen der Kreditverträge.

In den 18 Monaten bis Juli 2009 mussten britische Banken zehn Mrd. Pfund für Risiken am Markt für Gewerbeimmobilien abschreiben. Das entspricht einer Ausfallquote von sieben Prozent - doppelt so hoch wie 2008.

Seit dem vergangenen Juni erholen sich die Kapitalwerte britischer Gewerbeimmobilien zwar wieder, die Bank of England warnt dennoch vor dem Risiko einer zweiten Abschreibungswelle. Dafür könnte es zwei Auslöser geben: Zum einen sorgen sich die Notenbanker um die steigende Zahl leer stehender Büros. In den zwölf Monaten seit Oktober 2008 ist die Leerstandsquote von neun auf 12,6 Prozent gestiegen. Zum anderen steht eine Welle von Refinanzierungen an, die die Banken angesichts von Kreditkrise und knappen Kapitalreserven überfordern könnte. Ende September 2009 saßen britische Banken auf gewerblichen Immobilienkrediten von 250 Mrd. Pfund, davon stehen in den kommenden fünf Jahren 160 Mrd. Pfund zur Refinanzierung an.

Die Ratingagentur Standard & Poor's schätzt, dass die britischen Banken in den Jahren 2009 bis 2011 in einem "normalen" Szenario insgesamt 23 Mrd. Pfund für faule Kredite am gewerblichen Immobilienmarkt abschreiben müssen. Dieses Szenario beruht auf einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 5,5 Prozent seit Ausbruch der Krise. Sollte die Rezession aber länger anhalten und tiefer ausfallen, halten die Experten auch Abschreibungen von 37 Mrd. Pfund für möglich.

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